Der große Ausverkauf
Über die seltsamen Gebührenvorschläge der ungarischen Netizen
Wie in jedem neuen Jahr seit dem Zusammenbruch des Kommunismus mußte man auch 1999 den Gürtel wegen der Knappheit und der Wirtschaftsreform ein Loch enger schnallen. In Ungarn gab es im neuen Jahr höhere Preise für Bäckerei- und Milchprodukte (10 bzw. 5-10 Prozent), für die öffentlichen Transportmittel (13-15 Prozent) und für Waren und Dienstleistungen (10-15 Prozent) im Allgemeinen. Und dann sollte man natürlich auch nicht die Erhöhung der Telefonkosten von 10,5 Prozent vergessen.
In einer Presseerklärung, die bedrohlich wie eine militärische Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Irak klang, kündigte Ungarns führendes Webzine iNteRNeTTo einen "Sieg ohne Kampf" an. Der Sieg hatte mit der Entscheidung der MATAV zu tun, die günstigeren Nachttarife zu erweitern, was vor allem den Netzbenutzern zugute kommt. Offensichtlich war diese Ankündigung das Ergebnis von Verhandlungen zwischen ungarischen Netzbenutzern und dem Telekomriesen.
Nach der Vereinbarung wird MATAV bis zum 31.3. 1999 die günstigen Nachtgebühren weiterhin anbieten, aber nichts wurde darüber gesagt, wie es dann weitergehen wird. Es gab hingegen vage Versprechungen von "variableren und flexibleren Gebühren ..., die sowohl die Gewohnheiten der gelegentlichen Netzbenutzer als auch die der Vielnutzer berücksichtigen."
Der günstigere Nachttarif bedeutet jetzt, daß Benutzer von 10 Uhr abends bis 5 Uhr in der Früh maximal 125 HUF (ungefähr 0,5 Euro) zahlen, was einem Gespräch von 53 Minuten gleichkommt. Das gilt jedoch nur für einen Anruf, was bedeutet, daß jemand, der die Verbindung, wie das ja öfter geschieht, unterbricht oder eine andere Nummer anwählt, für alle folgenden 53 Minuten zusätzlich 125 HUF bezahlen muß, um in den Genuß des günstigeren Tarifs zu kommen. Ironischerweise will die MATAV diese Gebühr jetzt auf 155 HUF erhöhen.
Denjenigen, die nicht direkt davon betroffen sind, erscheinen die geplanten Erhöhungen vernünftig, zumindest auf dem Papier. Das für die Telekommunikation zuständige Ministerium hat die maximal mögliche Steigerungsrate auf 10,5 Prozent beschränkt, was ungefähr der derzeitigen Inflationsrate entspricht. Doch diese Zahl ist nur ein allgemeiner Durchschnitt, denn der Plan sieht eine Anhebung der Gebühren für Ortsgespräche am Tag um 29,5 Prozent und eine Senkung der Gebühren für die Ferngespräche um 2,5 Prozent vor.
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In einem Land, in dem Bürgerproteste gegen die "Wirtschaftsreform" verstummt sind, muß man die Absicht einiger Mitglieder der kleinen ungarischen Internetgemeinschaft, dagegen in Form eines Streiks zu protestieren, würdigen. So lobenswert ihre Aktivitäten auch gewesen sein mögen, so waren sie doch vergeblich. Die Wirksamkeit eines "Netzstreiks" zeigte im letzten Jahr einen gemischten Erfolg. Es gab eine Reihe von solchen Streiks in ganz Europa: in Spanien, Frankreich, Deutschland, Italien und der Tschechischen Republik. Zwar haben in vielen Fällen die enstprechenden Telekoms versprochen, irgendwelche Sondergebühren für Internetbenutzer in Erwägung zu ziehen, oder sie haben sogar bereits solche eingeführt. Doch waren diese Netzstreiks die meiste Zeit auf sich selbst zentriert, d.h. sie waren daran interessiert, günstigere Gebühren für die Netzbenutzer zu erreichen, anstatt die Kosten der Telekomdienste im Allgemeinen billiger zu machen. Meist führte das ausgehandelte Abkommen zu dem Ergebnis, daß die Benutzungszeit steigt, ohne daß deswegen notwendigerweise die Kosten sinken.
Auch in Ungarn ist das mit der MATAV ausgehandelte Ergebnis kurzsichtig. Daß der Status quo bis Ende März verlängert wurde, bedeutet einfach, daß die MATAV mit der Zeit spielt. Bis dahin werden sie entweder die Entschlossenheit der Netzprotestierer durch Entmutigung gebrochen haben oder mit einem neuen Preispaket ankommen, das die Elite zufriedenstellt, aber den Rest der Menschen im Kalten stehen läßt.
Die von der Netzgemeinschaft ausgearbeitete Lösung macht genau dies. Der von drei gut bekannten Vertretern der ungarischen Netzgemeinschaft (József Hollósi von Hollósi Internet eXchange, Mátyás Vince von der Internetsektion des ungarischen Journalistenverbands und András Nyiro von iNteRNeTTo) bietet den Internetnutzern zwei vorgefertigte Pakete an. Das erste für die Freizeitnutzer würde die gegenwärtige Ermäßigung für Telefonverbindungen in der Nacht auf die Wochenenden ausdehnen. Sie würden auch eine Ermäßigung für "Freunde und Familie" erhalten, was die MATAV bereits sowieso geplant hat. Die Menschen könnten dann zwei oder drei Telefonnummern auswählen, für die sie eine permanente Ermäßigung um 20 Prozent erhalten. Für die Vielnutzer sieht der Vorschlag hingegen eine eigene Telefonverbindung für die Datenkommunikation vor, bei der die Anrufe lediglich zu einem Provider geroutet werden. Die vorgeschlagene Installationsgebühr würde 8000 HUF, die fixe Monatsgebühr 9000 HUF.
Der ganze Vorschlag ist lächerlich und stellt einen Ausverkauf dar. Er versucht, den Internetzugang auf eine elitäre Minderheit zu begrenzen, die es sich leisten kann, unverschämt hohe Gebühren für den Zugang zu zahlen. Die erwähnten Gebühren sind nicht nur im Hinblick auf Ungarn empörend hoch ( die Kosten für Vielnutzer entsprechen zwischen einem Viertel und einem Drittel des durchschnittlichen Monatsgehalts), sondern auch nach westlichen Standards. In Kanada betragen die unbegrenzten Zugangskosten für alle etwa 30 kanadische Dollar. Hinzukommt eine Telefonpauschale von weiteren 30 Dollar. Man kann also mit allen Gebühren einen unbegrenzten Zugang für 60 kanadische Dollar monatlich haben. Das sind zwei Drittel des Preises, den die Netzgemeinschaft vorgeschlagen hat, wobei übrigens das Durchschnittseinkommen in Kanada drei Mal so hoch wie in Ungarn ist.
Irgendein mit MATAV ausgehandelter Kompromiß ist kein Kompromiß. Die Gebühren sind jetzt zu hoch, und nur radikale Lösungen können die Nutzergruppe erweitern. Überdies ist die MATAV-Strategie der alten und täuschenden Gebührenklassen nicht nur ein Hindernis für alle, die von Zuhause einen Zugang haben wollen, sondern auch für jene, die bereits über einen verfügen. Herabgesetzte Gebühren zu einer bestimmten Tageszeit treibt die Nutzer nur in einen bestimmten Zeitabschnitt, wodurch es zunehmend schwierig und manchmal unmöglich wird, überhaupt online zu gehen. Das betrifft vorwiegend diejenigen, die die freie Einwahl über Universiätsnetzwerke nutzen. Wer es dann überhaupt schafft, online zu sein, der ist in einem Netz, das oft hängt und langsam ist.
Zu all dem kommt noch ein großes Dilemma der Netzentwicklung hinzu. Das Internet ist nicht nur ein Ort, um zu spielen oder sich zu unterhalten, es ist ein Arbeitsmedium. Das ist nicht nur so für den E-Commerce, sondern auch für Wissenschaft, Ausbildung und Verwaltung. Da die günstigen Gebühren für die Abende und die Wochenende gelten, bleibt die Telearbeit weiterhin im Hintergrund, da sie sich ökonomisch nicht auszahlt. Das wiederum trägt zur Beschränkung des gesellschaftlichen Gebrauchs der neuen Medientechnologien bei.
Solange die Ungarn nicht einen mutigen Schritt unternehmen, um die Begründung in Frage zu stellen, die hinter den von ihnen zu schluckenden Wirtschaftsreformen steht, werden sie den Gurt noch enger schnallen müssen. Während die Mehrzahl ihn an ihrer Hüfte spüren wird, wird er für die Netzgemeinschaft eher wie eine Schline um ihren Hals sein.
Aus dem Englischen übersetzt von Florian Rötzer
http://www.heise.de/tp/artikel/1/1762/1.htmlDarstellungsbreite ändern
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