Zu viele Bilder toter und leidender Kinder sind unzulässige Kriegspropaganda
Der Vorsitzende von CNN, Walter Isaacson, hält die mediale Ausrichtung auf Kriegsopferbilder für pervers
Selbst dem Gerechtesten wie etwa George W. Bush könnte der allergerechteste Krieg auf Dauer auf den Magen schlagen, wenn nur die gräulichen Bilder der Opfer gezeigt werden. Todesbilder verderben auch dem panikbereiten Fernsehabendvoyeuristen den Appetit auf einen Krieg, der doch so intelligent bis smart geworden ist, sogar aus der Satellitenperspektive immer öfter zwischen einem Hospital und einem Waffenlager zu unterscheiden.
Jetzt allerdings sieht der Vorsitzende von CNN, Walter Isaacson, den gerechten Krieg in großer Gefahr, zum Opfer seiner Wirklichkeit zu werden. Es erscheint ihm "pervers", sich zu sehr auf die Unfälle (casualties) oder Leiden in Afghanistan einzulassen. Nicht weniger pervers scheint es zwar vordergründig, das zu behaupten. Aber der große Vorsitzende weiß doch längst, dass die Zu- und Einfälle von sendungsbewussten Bildredakteuren nicht darüber zu entscheiden haben, wie wirklich die Wirklichkeit ist. Das Sehen ist eine sittliche Tätigkeit, nicht weniger als das Senden. Und wenn die Sendeverhältnisse leider noch nicht ganz so politisch, moralisch und emotional korrekt sind, muss man ihnen eben zur richtigen Perspektive verhelfen.
Anderenfalls gerät der Defätismus der Bilder zum Dolchstoß für die Jungs an der Front. Zwar sind die Heldentaten nach simplem Kriegsverständnis kausal für die Opfer, aber schon in einer logischen Sekunde werden die gerechten Krieger aller couleur von ihren Taten exkulpiert. Da dürfen die Bilder nicht post mortem den Zweck entheiligen. Das Auge trübt sich in der Angst und in der Trauer (Denis Diderot). Folglich muss das Licht der Kriegsvernunft gerade jetzt strahlen, wo der afghanische Winter bevorsteht und nicht nur die Sieger Frostbeulen an Händen und Füssen erleiden, sondern der Knochensturm des Todes erst richtig bevor steht.
Für die Flüchtlingsströme, die verhungernden Kinder, das alltägliche Verrecken und Verratzen in Talibanesien sind selbstverständlich allein die Feinde der Freiheit verantwortlich. "Wir kommen in eine Zeit, in der es eine Menge mehr Reportagen und Videos aus dem von den Taliban kontrollierten Afghanistan gibt," erklärt Isaacson schockiert über den neuesten medialen Frontabschnitt. Den Menschen daheim an ihren Fernsehempfängern müsse klar gemacht werden, dass die Leiden der Zivilisten in dem Zusammenhang der Terrorattacken zu sehen sind, die die USA enorm haben leiden lassen.
Der Krieg ist das Paradox, das alle Paradoxe versöhnt. Eigenes Leid macht fremdes Leid erträglicher, zudem man Hunderttausende von Kollateralopfern nicht mit Tausenden Attentatsopfern verrechnen darf. Das verbietet die Achtung vor dem Leben. Zu viele Bilder toter oder leidender Kinder aus Afghanistan verzerren schlicht die Proportionen der Gerechtigkeit, die jetzt überreich auf Afghanistan niederprasselt. Anderenfalls lachen sich Taliban und Usama doch ins Fäustchen, wenn CNN weiterhin so dumm wäre, die Gräuelpropaganda der nacktesten Wirklichkeit ungefiltert in das Programm zu nehmen. Kollateralschäden beerdigen wir in der Statistik, da versucht der Tod vergeblich seiner Abstraktion davon zu laufen. Die Ikonografie der Verlogenheit obliegt dagegen den Taliban und den Pseudoobjektiven von Al-Jazerra.
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Das war im Kosovo noch anders. Die Nato hatte damals größtes Interesse an der bellizistisch korrekten Dauerwahrnehmung der Vertriebenen und Flüchtlinge. Die westliche Öffentlichkeit sollte sich nicht satt sehen an den aufwühlenden Bildern der Verdammten dieser Erde. Jetzt dagegen sollen die Bilder des Schreckens, wenn sie denn überhaupt noch den Schneidetisch von CNN überleben, untertitelt und kontextualisert werden. Vielleicht so: "Die US-Airforce wurde von den Taliban und Al-Qaida gezwungen, diese Streubomben zu zünden." Im Grunde sind die Zivilopfer ohnehin selbst mitverantwortlich, weil sie doch gar nicht getroffen werden sollten. Haben doch die amerikanischen Aufklärungssendungen der afghanischen Zivilbevölkerung ausdrücklich mitgeteilt, sich nicht in der Nähe von kriegswichtigen Zielen zu bewegen, wenn ihre Freunde aus Amerika gerade in der Nähe sind. Wer nicht hören oder lesen kann, muss fühlen.
Wenn der Krieg tatsächlich als immer währender Feldzug weiter gedreht wird, wird CNN also die Bilder der ausgleichenden Gerechtigkeit demnächst so ausstrahlen, dass uns dahinter das gesichtslose Leiden von Millionen Menschen nur zu verständlich wird. Wie wäre es überdies mit dem Bild eines glücklichen Afghanen, der trotz todesnaher Mattigkeit seine Hände zum Himmel streckt und Amerika dankt, weil er noch eine Portion des - selbst für Ungläubige vom Himmel regnenden - amerikanischen Mannas zwischen den Streubomben auffängt?
"Ich will sicher stellen, dass wir nicht als Propagandaplattform benutzt werden" erklärt Isaacson. Das übernimmt er schon lieber selbst, aber die Zeiten der exklusiven CNN-Hofberichterstattung sind dahin. Vielleicht findet Isaacson seine Ruhe aber selbst dann, wenn sich die unverantwortlichen Zulieferer des Bilderschreckens seiner Durchhalteaktion "Saubere Mattscheibe" nicht anschließen sollten.
In den kürzer werdenden Halbwertszeiten unserer Aufmerksamkeit sollte doch selbst der ärgste Foto-Schock entschärft werden. Der Westen ist schließlich auch gegenüber den Sterbebildern von Millionen afrikanischer Kinder standhaft geblieben, obwohl das nicht immer leicht war. So wie das WTC-Massaker seinen Novitätenwert jetzt bedauerlicherweise an die Bildwirkungen der amerikanischen Flächenbombardements abtritt, gelingt es uns vielleicht auch gegenüber dem Flüchtlingselend emotional zu überwintern. Der Tod ist der Geburtshelfer der Gerechtigkeit, die Bilder aber die Zangen, um diese paradoxe Kopfgeburt ins Diesseits zu befördern.
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11052/1.html- Falsch falsch falsch!!!! (13.11.2001 21:39)
- Viele Grüße an die Nullhirne (13.11.2001 20:38)
- Wie glauben? Fliehe den Lärm, suche die Stille. (10.11.2001 14:29)
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