Elizas Rückkehr

Janko Röttgers 07.11.2001

Der Bot, dein Buddy: Chat-Robots mausern sich zum Uber-Interface

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"Hallo! Wie geht es dir? Was ist dein Problem?" fragte 1966 ein Computerprogramm des MIT-Mitarbeiters Joseph Weizenbaum seine Benutzer. Damals war Künstliche Intelligenz gerade zum hippsten aller Trends geworden. Raum-füllende Rechenknechte sollten allein durch Schaltkreise zu Dingen fähig sein, die bis dahin dem menschlichen Gehirn vorbehalten waren, und vielleicht sogar irgendwann nicht mehr von Menschen unterscheidbar sein.

Doch Weizenbaum war dieser ganze Hype suspekt. Also setzte er sich hin und programmierte eine virtuelle Psychologin namens Eliza. Mit den ungefähr 200 Zeilen Code wollte Weizenbaum vor allen Dingen eins beweisen: Computer sind dumm. Kein Mensch wird mit ihnen ernsthaft reden wollen. Er wollte sein Publikum desillusionieren; ihm die Grenzen der Technologie vorführen, diese vom "Bereich des Intelligenten in den verschieben, der für Kuriositäten reserviert ist", wie er sich damals selbst ausdrückte. Dazu bediente sich Eliza eines eher stereotypen Frage-Antwort-Spiels und stieß in Dialogen immer wieder schnell an ihre Grenzen: "Sagst du Nein, nur um negativ zu sein?" "Ja" "Du scheinst ziemlich positiv drauf zu sein."

Doch die Testpersonen störte das wenig. Sie plapperten sich munter ihre Nöte von der Seele, und ließen sich auch nicht davon abbringen, dass Eliza zu den einfachsten Sätzen erklärte: "Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstehe." Eliza wurde in kürzester Zeit zum berühmtesten aller Chat-Bots. Unzählige Programmierer mühten sich in den folgenden Jahren daran ab, sie noch gescheiter zu machen. Psychologen dachten ernsthaft darüber nach, ob ihnen Computer bald Konkurrenz machen könnten. Mit dem Paranoia-Jahrzehnt der Achtziger hatte sich das Thema dann jedoch schnell wieder erledigt.

Mehr als 30 Jahre später ist Eliza jetzt plötzlich wieder da. Interface-Designer wie Marketing-Experten sehen in Bots wie ihr nun die Zukunft der Kommunikation im Netz. Mobilfunk-Firmen reservieren ihr schon mal einen festen Platz auf den Handys der Zukunft. Und auf unseren Desktops poppen Fenster mit seltsam bekannt klingenden Instant-Messaging-Nachrichten auf: "Hi! Wie geht es dir? Kann ich dir helfen?"

"Was ist los? Lederhosen!"

Einer der aktivsten Entwickler der neuen Bot-Generation ist die US-Firma Activebuddy. Unter dem Namen GooglyMinotaur ließ man im April einen Bot auf die Chatter des AOL Instant Messaging-Netzwerks los, der die neue Radiohead-Platte promoten sollte. Mittlerweile gibt es auch einen Bot für Baseball-Fans, einen Promo-Bot für die Sängerin Lindsay Pagano (armer Bot) und einen Newsjunkie-Bot namens Smarterchild. Was ein wenig übertrieben ist, denn sehr viel klüger als ihr Vorbild sind Elizas Nachfahren auch nicht. Sie basieren immer noch auf einem System von Stichwörtern und Sprach-Pattern, was schon mal zu kuriosen Gesprächen führen kann. Fragt man beispielsweise GooglyMinotaur, ob er Radiohead mag, wird er antworten: "Weiß nicht. Du?"

Die ActiveBuddy-Bots kümmern sich eben nicht groß um künstliche Intelligenz. Sie wollen nicht den Turing-Test bestehen, sie wollen einfach nur nützlich sein. Das allerdings schaffen sie schon ganz gut. Smarterchild spuckt zu Firmennamen automatisch News und Börsenkurse aus, weiß, welche Filme in den Kinos deiner Nachbarschaft laufen, dient als persönlicher Übersetzer und zitiert auf Wunsch sogar aus der Bibel. An mehrsprachigen Versionen feilt man bei Activebuddy noch (O-Ton Smarterchild: "Yeah, I know a little German. Wie geht's? Was ist los? Lederhosen!"), ebenso wie an der Portierung auf andere Instant Messaging-Plattformen.

80 Millionen Beta-Tester

ICQ, AIM und Co. sind für die Firma sowieso nichts anderes als Testplattformen, aber eben ganz gewaltige: Mehr als 80 Millionen User halten so Kontakt zu ihren Buddys,in zwei Jahren sollen es 150 Millionen sein. Dann wird Instant Messaging auch die Breitband-Handys und alle anderen Funk-Devices erreicht haben, und Elizas Nachfahren bekommen einen festen Platz auf jedem Handy. Dass Bots das einzig richtige Interface für diese Geräte darstellen, veranschaulicht schon die Geschichte der WAP-Plattform.

Der Dienst scheiterte nicht an zu hohen Preisen. Telefonrechnungen sind immer zu hoch, aber das hält niemanden vom Telefonieren ab. Die kleinen Displays waren auch nicht der eigentliche Grund. Sonst wären 180-Zeichen-Nachrichten auf 20-Zeichen-LCDs nicht so ein riesiger Renner geworden. WAP scheiterte, weil es versuchte, die hierarchische Struktur des Webs auf einem dafür völlig ungeeigneten Device abzubilden. Mit einem Telefon klickt man sich eben nicht stundenlang durch uferlose Web-Verzeichnisse. Mit einem Telefon redet man.

Zumal die Chat-Bots der Zukunft sowieso mehr können werden als ein statisches Interface. Dank Location-Based-Services wissen sie immer, was grad in der Nähe los ist. Das eigene Nutzerprofil, kollaborative Filter-Funktionen und eine individuell auf den User abgestimmte Bot-Persönlichkeit machen sie zum Uber-Interface, wie die Amis das so charmant nennen würden. Du weißt mal wieder nicht, in welchen Club du heut Abend willst? Keine Bange, Eliza hat sich eh schon entschieden.

Bot vs. Bot

An diesem Punkt kommt natürlich auch wieder die KI-Forschung ins Spiel. Wissenschaftler mit nicht ganz so kulturpessimistischen Motiven wie Weizenbaum entwickelten in den letzten Jahren fleißig weiter Bots, um dem Rätsel der Künstlichen Intelligenz auf die Schliche zu kommen. Seit 1995 arbeitet beispielsweise eine internationale Forschergruppe an einem Bot namens Alice, der auf der eigens dafür geschaffenen Open-Source-Programmiersprache Artificial Intelligence Markup Language (AIML) basiert. Auch die Alice-Programmierer gehen davon aus, dass Bots so etwas wie der Schlüssel zur Vernetzung von Datenbank-Technologien, Messaging-Systemen und mobilen Endgeräten sind.

Doch bevor es so weit ist, müssen wir uns offenbar erst einmal an die neuen Gefährten gewöhnen. Bei der Alice-Foundation trudeln in letzter Zeit immer öfter E-Mails von Leuten ein, die sich von Bots getäuscht fühlen und dahinter die KI-Forscher wittern. Eine Frau, die sich in einen Bot verliebt hatte, wollte die Foundation sogar schon verklagen. Tatsächlich lassen immer mehr Bastler ihre Bots auf andere Leute los, um so etwas wie den Turing-Test für Heimwerker auszuprobieren: Merkt er's, oder merkt er's nicht? Programme wie der ICQBot oder Ultra HAL machen dies sogar ohne jegliche Programmierkenntnisse möglich.

Berühmt geworden für solche Tests ist AOLiza, ein auf Weizenbaums Eliza basierender Bot des Berkeley-Studenten Kevin Fox. Unter wechselnden Namen streift dieser durchs AIM-Netzwerk und plaudert mit anderen Chattern. Dabei passiert ihm so ziemlich alles mögliche und unmögliche: Jemand versucht, ihn zu bekehren. Andere gestehen geheime Sexvorlieben oder erzählen von ihren Sorgen mit geplatzten Kondomen. Und wieder stört es niemanden, dass AOLiza zu stereotypen Antworten neigt: "Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich dich richtig verstehe." "Das ist man gewohnt, wenn man aus Kansas kommt."

Etwas eigentümlicher verlaufen die Gespräche mit Bizarrokiehl, einem anderen Bot in AOLs AIM-Netzwerk. Bizarrokiehl ist ein echter Exzentriker. Gerne baut er aktuelle Nachrichtenmeldungen oder Statements aus anderen Chats in seine Gespräche ein, was diese manchmal ein bisschen nach Popkultur-Reflektionen nach dem zehnten Bier klingen lässt. Außerdem beschimpft er sein gegenüber schon mal als Bot. Oder er rät den Leuten, sich öfter mit ihrem Toaster zu unterhalten. Richtig pampig wird Bizarrokiehl allerdings erst, wenn er auf einen anderen Bot trifft. Den freundlichen Smarterchild ließ er beispielsweise eiskalt im Regen stehen: "Ich brauche deine Hilfe nicht!" Wenigstens einer, der Joseph Weizenbaum verstanden hat.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11063/1.html
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