Mit klarem Kopf durch die Cyberwelt
"Datenjagd im Internet, eine Anleitung zur Selbstverteidigung", von Christiane Schulzki-Haddouti
Was wird aus dem Internet? Bleibt es auch in Zukunft der große Raum der Freiheit, in dem jeder ungestraft seine Meinung sagen darf, in dem Grenzen mühelos überwunden werden und Kommunikation über Kontinente hinweg geführt wird? In dem Informationen ohne Zensur und Kontrolle verbreitet und rezipiert werden können? In dem gar unsere verkrustete Parteiendemokratie von der Basis her upgedatet wird?Oder wird das Internet mehr und mehr zu einem gigantischen Warenhaus, in dem es außer Werbung kaum mehr etwas umsonst gibt? Dessen Besucher Schritt für Schritt überwacht, genauer gesagt, Klick für Klick nach Art einer Gedankenpolizei beobachtet und registriert werden? In dem alles und jedes zur Ware wird, mit Vorliebe auch die personenbezogenen Daten der Nutzer?
Vielleicht trifft keine der beiden Vorstellungen wirklich zu, aber es geht um einen Richtungskampf dieser Tragweite. Davon berichtet das spannende Buch von Christiane Schulzki-Haddouti. Sie tut dabei das, was man von ihr, die binnen weniger Jahre zu einer der profiliertesten Fachjournalistinnen rund um das Internet avanciert ist, gewohnt ist: Sie beobachtet aufmerksam, analysiert gründlich und beschreibt präzise. Ihre Texte verraten in jeder Zeile, dass sie den Gegenstand begriffen hat, den sie beschreibt, ohne dass sie die Notwendigkeit der ständigen und geduldigen Vermittlung aus dem Auge verlöre: Sie schreibt für ein anspruchsvolles Fachpublikum und für den "Ich-bin-drin-Leser" gleichermaßen. Übertreibungen und sensationelle Aufmachungen wird man in ihrem Buch vergeblich suchen, die Realität ist aufregend genug.
Schulzki-Haddouti analysiert die Bedrohungen der Privatsphäre durch staatlichen und privatwirtschaftlichen Datenhunger und beschreibt die Schwierigkeiten des traditionellen Datenschutzes, hierauf adäquate Antworten zu finden. Unter der Kapitelüberschrift "Markierungen" behandelt sie erfolgreiche und (bislang) vergebliche Versuche, das offenbar für manche schier unerträgliche Phänomen des unbekannten, anonymen Internet-Nutzers in den Griff zu bekommen. Cookies und IP-Nummern, Protokolldateien und GUIDS, Webkäfer und Tracking-Technologien oder das neue Internetprotokoll IPV 6 - stets geht es hauptsächlich darum, den Internet-Nutzer, das unbekannte Wesen, ans Licht zu zerren, durchschaubar, besser kontrollierbar, manipulierbar und damit beherrschbar zu machen.
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Eine Analyse der Bedrohungen der Privatsphäre im Internet wäre nicht vollständig, würde sie nicht auch ein Augenmerk auf Rand- oder verwandte Technologien werfen. Die Autorin tut dies in ihrem Kapitel "Zukunftstechnologien" und befasst sich dabei u. a. mit Gadgets, digitalem Fernsehen, Videoüberwachung, Chipkarten, Biometrie, digitalen Signaturen und DNA-Analysen. Ein weiteres Kapitel befasst sich mit der lückenlosen Kontrolle von Menschen an ihrem Arbeitsplatz und den rechtlichen Grenzen, die dafür in Deutschland noch existieren.
Wozu all der Sammeleifer? Dass es nicht allen Sammlern und Jägern um das Überwachen als Selbstzweck geht, erfährt man im Kapitel "Datenwirtschaft". Schulzki-Haddouti analysiert die Verwertungsmöglichkeiten, wenn personenbezoge Daten erst einmal unter Kontrolle gebracht sind, schildert die Strategien der einschlägigen Unternehmen und nennt konkrete Preise. Wenn es zutrifft, dass ein "guter Datensatz" im Schwarzhandel 300 DM kostet, dann lässt sich leicht hochrechnen, dass der Datenhandel ein Millionengeschäft ist.
Müssen die Bürger all dies wehrlos über sich ergehen lassen? Ist, wer sich ins Internet begibt, unausweichlich Objekt staatlicher Observation und privatwirtschaftlicher Ausbeutung? Keineswegs. Auch die Entwicklung der Informationstechnik folgt den Gesetzen der Dialektik. Sie bringt neue, Furcht einflößende Überwachungstechnologien ebenso hervor wie mächtige Instrumente in der Hand jedes Einzelnen, mit denen man sich selbst schützen kann. Noch bestreitet niemand ernsthaft das Recht auf Anonymität, das jeder Mensch in der Offline-Welt täglich selbstverständlich in Anspruch nimmt - wer läuft schon im Alltag mit einem hölzernen Namensschild vor dem Kopf herum? Ziemlich genau dies verlangen manche Sicherheitspolitiker, sobald wir den Cyber-Space betreten.
In den Kapiteln Datenkontrolle und Datenzähmung behandelt die Autorin Möglichkeiten zum Selbstschutz und berichtet über die Angebote, die der Nutzer hierzu im Internet finden kann (Stichworte sind u. a. Anonymitätsdienste, P3P, Identitätsmanager, PGP und - das gute alte Passwort), ihre Stärken und Schwächen. Ihr Fazit ist differenziert: Sie redet weder der Verweigerung, noch dem Selbstschutz allein das Wort, sondern sieht letztlich in einem Zusammenspiel unterschiedlicher Ansätze die derzeit einzig sinnvolle Strategie. Sie entlässt den Staat nicht aus der Verantwortung: Selbstschutz und technischer Datenschutz können klare, für alle verbindliche Regeln nicht vollständig ersetzen. Auch im Zeitalter des Internet ist der Staat nicht obsolet geworden.
Indes - gerade in Deutschland zeigt sich das Elend einer nur auf staatliche Regelungen fixierten Strategie: Das deutsche Teledienstedatenschutzgesetz lässt aus der Sicht des Schutzes der Privatsphäre kaum Wünsche offen. Das Problem ist nur, dass das Gesetz in der Praxis kaum umgesetzt wird. Es verbietet beispielsweise das Speichern bloßer Nutzerdaten, wenn diese nicht - ausnahmsweise - für Abrechnungszwecke benötigt werden. Viele Provider scheren sich nicht darum und speichern trotzdem Protokolldaten. Daraus ergibt sich eine geradezu paradoxe Situation. Die Bürger müssen Anonymisierungsdienste in Anspruch nehmen, wenn sie ihre gesetzlichen Rechte wahren wollen. Welch aparte Vorstellung: Die anonyme Reise durchs Netz nicht als Akt der Anarchie, sondern als Back-up für ein geltendes Gesetz. Nur eine von vielen Merkwürdigkeiten im Internet. Wer Schulzki-Haddoutis "Datenjagd im Internet" gelesen hat, hat gute Chancen, in dieser verrückten Cyberwelt einen klaren Kopf zu behalten.
Dr. Helmut Bäumler ist Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein.
Datenjagd im Internet, eine Anleitung zur Selbstverteidigung, von Christiane Schulzki-Haddouti, ROTBUCH Verlag, 28,- DM
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11109/1.html- Re: Mit klarem Kopf durch die Cyberwelt (14.11.2001 13:50)
- Buch (14.11.2001 11:09)
- Alles wird leichter ;) (14.11.2001 10:04)
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