Afro-Futurismus im Strukturwandel
Zur afro-amerikanischen Sci-Fi-Ikonografie unter den Bedingungen der New Econonmy
Auch bei einem Unternehmen wie Bertelsmann ist die Zukunft Chefsache. Und um dieser Tatsache angemessen Rechnung zu tragen, lassen sich Thomas Middelhoff und Rolf Schmidt-Holtz in der Flash-Intro zum firmeneigenen Content-Network-Portal in Raumschiff-Kostümen blicken. Unter dem Motto "Großen Ideen folgen wir. Egal wohin." haben sie sich in den uns aus "Star Trek" bekannten Transporter begeben. Während ihre Körper langsam dematerialisieren, machen sie uns noch auf ihre persönlichen E-Mail-Adressen aufmerksam, die sie zurückgelassen haben, mit dem Hinweis, dass ihre Firma auch für unsere Ideen auf jeden Fall der richtige Partner sei: "See you Tomorrow!" - wie uns auch Sony noch immer gern grüßt.Nicht nur erträglich, sondern attraktiv und erstrebenswert sollen solche Science-Fiction-Referenzen das Arbeiten in der New Economy machen; High-Tech-Produkte lassen sich ganz nebenbei auch noch um ein Vielfaches einfacher verkaufen (Vgl. Science Fiction in der kommerziellen Matrix). Wenn man Pop-Forschern, von Paul Gilroy bis John Corbett, zuhört, dann hat die afro-amerikanische Ikonografie im Science-Fiction-Kontext stets ein politisches Korrektiv und ein befreiendes Moment in petto. Doch hat sie ihre Reibungspunkte auch aus der schönen neuen Arbeitswelt bezogen? Gibt es einen Afro-Futurismus unter den Bedingungen der New Economy und somit einen fiktiven Kontinent, den man vielleicht Electronic Black Market nennen könnte? Während sich die Frage grundsätzlich bejahen lässt, können drei zentrale Motive ausgemacht werden, die im Grunde auch die Corporate-Identity-Säulen eines jeden Internet-Unternehmens sein könnten: Die Firma, das Produkt und das Idol, welches das Produkt repräsentiert.
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| Was der Denver Clan in den 80ern war, ist die Bad Boy Family für uns heute (Werbung für das neue P.Diddy Album) |
CEO-style, oder: Die Firma
Es ist ein sonniger Tag in Florida. Pastellfarben funkeln mit vornehmer Leuchtkraft, während ein Geschäftsmann auf der Veranda seines Anwesens der alltäglichen Morgenroutine nachgeht. Nach dem Frühstück beugt er sich in seinem elfenbeinfarbenem Seidenanzug wie gewöhnlich über die Tagespresse. Zugeknöpft und sichtlich konzentriert, liest er, wen überrascht es, das Wirtschaftsblatt "Business". Sein nicht weniger elegant gekleideter Buttler spendet ihm derweil mit einem ausladend großen Sonnenschirm Schatten. Nichts wäre an diesem Bild merkwürdig, zumindest nicht, wenn die beiden Weiße wären. Doch sie sind es nicht. Sie sind schwarz und geniessen ihren weißen Wohlstand sichtlich, ohne jeglichen Anschein von Selbstironie. Sean Combs aka P. Diddy zelebriert auf diesem in dem US-amerikanischen Männermagazin Details publizierten Foto einfach nur seinen Lebensstil.
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Wie auch Snoop Dog und Notorious B.I.G. trägt P. vorzugsweise die Arbeitstracht der Chefetagen. Doch was ihn von den anderen unterscheidet, ist sein Karrierebewusstsein, das sich vorallem in seinem extrem steilen, eigenen Angaben zu folge in der Musikgeschichte unvergleichlichen Werdegang spiegelt. Nachdem er 1991 als 22-jähriger Student der Howard University ein Praktikum bei Uptown Records angefangen hat, soll sein außergewöhnliches Talent bereits nach einigen Monaten erkannt worden sein, was eine unmittelbare Beförderung zu Folge hatte: Als Vize-Präsident von A&R konnte er kurz danach seinen Fingerabdruck auf den Debutalben von heutigen Größen wie Mary J. Blige hinterlassen. Der Rest ist Legende. Was jedoch nicht alle wissen: P., der sich gerne als C.E.O. (Vorstandvorsitzender) angesprochen sieht, spielt nicht nur den New-Economy-Boss. Als Kopf von Blue Flame ist er tatsächlich mit einer IT-Firma am Start und kann Unternehmen wie Hewlett-Packard, Sony und Nike zu seinen Kunden zählen.
Obgleich er als Ausnahmeerscheinung zu werten ist, steht P. mit seiner Haltung nicht alleine da. Schließlich befinden wir uns in einem neuen Kapitel des Produzenten-Zeitalters: Macher von Dr. Dre bis Timbaland haben nicht nur den Starstatus von Künstlern erreicht, sondern es auch verstanden ihre Züchtungen und Erfindungen in Miniatur-Imperien zu organisieren. Wozu dies führen kann, wird in einem Village-Voice-Artikel von Sasha Frere-Jones analysiert. Nach einer genauen Studie der Rhythm&Blues-Szene zieht er mit deftigen Analogien gegen Timbaland ins Feld. Er vergleicht den Missy-Elliott-Kollaborateur in Hinsicht auf seine Marktanteile im laufenden Musikgeschäft mit Bill Gates und seine ästhetische Dominanz mit Apple:
"When you see a computer desktop running Windows, youre seeing a jacked up version of a Mac interface circa 95. Similarly, when you hear Destinys Child "Say My Name" [...] youre hearing Timbaland as shareware, generally programmed in his 98 style."
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| "Ohne Chauffeur steige ich nicht ins Auto!" Notorious B.IG., bis zu seinem Tode passionierter Anzugträger, mimte gerne den Boss (Cover Vibe Magazin) |
So richtig Frere-Jones mit seinem Rundumschlag gegen die Mc-Donaldisierung des Rhythm & Blues liegt, ein wichtiger Aspekt bleibt dabei unerwähnt. Er hat in erster Linie wenig mit der Qualität musikalischer Erzeugnisse zu tun, viel mehr aber mit ihrem Potential, den Kommunikatiosraum der weißen Mittelschicht mit subversiven Fiktionen auf den Kopf zu stellen. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, legt die Bill-Gates-Analogie nämlich etwas ganz anderes nahe: Die Versprechen der New Economy werden in der afro-amerikanischen Musikkultur auf ihre Lügen hin bloßgestellt, indem sie in die Realität umgesetzt werden. Die sich daraus speisende Ikonografie hat ein Verhältnis zu Sci-Fi, wie eben unsere Wirklichkeit, die die verwegensten Zukunftsvisionen längst überholt hat. Ein geistesverwandtes Beispiel wäre Mike Davis "City of Quartz", eine soziologische Bestandsaufnahme von Los Angeles, über die William Gibson mal gesagt hat, sie sei "more cyberpunk, than any work of fiction could ever be".
Blumige Schlagwörter wie rhizomatische Gruppenbildung, Teamwork, Networking und Globalisierung haben die Protagonisten im Hip Hop und Rhythm & Blues nämlich in ihrer Kindheit eingeimpft bekommen, um sie zwecks Überwindung gesellschaftlicher Ausgrenzung als Regeln in einem Parallel-Universum zu etablieren. Und während für sie die Floskeln der New Economy im Überlebenskampf Wirklichkeit geworden sind, ist eine Imagekultur der fantastischen Selbstentwürfe und fiktiven Identitäten entstanden: das globale Reality TV des Ghettos. Nicht umsonst hat Chuck D. von Public Enemy Rapmusik als das CNN der Schwarzen bezeichnet.
Viel wurde in diesem Zusammenhang über die Veröffentlichungspolitik von Wu Tang Clan und den einzelnen Mitgliedern gesprochen; respektvoll die krakenartige Natur ihres Labelnetzwerks und ihre öffentlichen Auftritte als unberechenbare Chaos-Formation beschrieben. Transnationale Expansionsstrategien stehen bei ihnen, wie auch bei allen Gleichgesinnten (z.B. "World Domination" von Autnoyz), selbstredend auf dem Programm. Ohne alle über einen Kamm schären zu können, sind viele in ihrem Geist millionenschwere Unternehmer, die sich mit politischen Zielen im parasitären Modus dem Anti-Konzern-Aktivismus verschrieben haben. Als Meister der Verfremdung von Zeichen haben sie nicht umsonst ihre eigenen Modelinien, die sie via E-Commerce Plattformen vertreiben - Jay Z etwa, bündelt sein Internet-Imperium im Rocafella Center.
Gehirnwäsche, oder: Das Produkt
Im Zeitalter des Internet-Kapitalismus setzen die Akteure des Electronic Black Market nicht nur ihre eigenen Zeichen. Sie haben auch verstanden, dass diese Zeichen Währung und Vehikel im symbolischen Krieg um Aufmerksamkeit und Meinungsbildung sind. Das aus Virginia Beach stammende Trio N*E*R*D etwa, liefert nicht nur mit seinem Namen eine in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvolle Losung für den Afro-Futurismus unter den Bedingungen der New Economy (Aussagen der Gruppenmitglieder zufolge handelt es sich um die Kurzform für "No One Ever Really Dies."). Unverschämt singen sie auch in einem vermeintlichen Liebeslied auf ihrem Debut Album "In Search Of..." (2001) davon, wie sehr sie es nach unserem Oberstübchen verlangt: "I love your braaaaiiin!"
Als beflissene Netizens und Stars in der Tastaturgesellschaft wissen sie nämlich, dass in der Ideologie des Strukturwandels unser Hirn zur zentralen Schaltstelle mutiert ist. Ihnen ist aber auch klar, dass die neoliberale Weltordnung durch nichts mehr an Nährboden gewinnt, als durch doppelzüngige Bilder, die heutzutage vor allem durch Werbeagenturen am effektivsten hergestellt und gestreut werden.
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| Während auf dem Cover ihres Debuts "In Search of..." der schwarze Frontmann als Computerspielfreak gezeigt wird, zeigen sie mit dem Artwork der Single-Auskopplung, worauf es wirklich ankommt: Solange unser Hirn wie eine Glühbirne leuchtet, ist alles in bester Ordnung (Cover zu "Lap Dance") |
Vor diesem Hintergrund entstehen solch obszön-sexistischen Images wie im Video zu "Lap Dance", deren Wirkung zentrales Gruppenmitglied Pharrell im Interview mit Mike D. von den Beastie Boys als eine Art Drogenerfahrung beschreibt:
"We have to do things like "Lap Dance," we have to show them titties and ass and shit like that... so you'll get their attention. But meanwhile, they're singing the song subconsciously while they're doing the dishes or mopping the floor or the guy's cutting his father's grass... he is mouthing back my lyrics of how the government is kind of fucked up and you need to just take a new look at it. That's what we get a kick out of. It's like a weed brownie... you eat it and its no big deal. It's sweet and attractive. But you eat it and then an hour later that shit kicks in and you see a whole different side."
Seinen historischen Vorläufer hat dieses Motiv in Ice Ts "Home Invasion" (1993), ein Album, dessen nicht nur für damalige Verhältnisse radikales Cover für Time Warner Grund genug war, sich von dem West-Coast-Rapper zu trennen. Es zeigt ein verkabeltes Kind, das via der üblichen Gadget-Elektronik von albtraumhaften Wesen heimgesucht wird. Auf der Illustration wurde diese Gehirnwäsche durch einen Sog dargestellt, in dem Monster, Verbrecher, Vergewaltiger und Ice-T selbst auftreten. Die Lyrics vom Titelsong kommen denn auch erwartungsgemäß ohne Umschweiffe zur Sache. Mit Forderungen wie "Bust him in his motherfuckin' head!" und Drohungen wie "I'm takin' your kids' brains, you aint gettin'em back!" artikuliert er sein Programm, das offensichtlich zum Ziel hat, die Hirne der Kids, die sich zu dem Zeitpunkt größtenteils aus der weißen Mittelschicht rekrutierten, mit nichts als der Wahrheit zu kolonialisieren: "Yhey're mentally intoxicated with truth."
Wu-Tang-Clan-Produzent RZA hat das Prinzip narkotischer Aufklärungsfilm-im-Kopf mit seinem Bobby-Digital-Projekt beim Wort genommen und ausgebaut. Während das 98er-Debut als Soundtrack zu einem Blockbuster rund um die von ihm erfundene Bobby-Figur angelegt war, hat er das just erschienene Album treffsicher "Digital Bullet" (2001) genannt - Bilder als Projektile zu betrachten, ist übrigens eine Anregung von Filmwissenschaftler Karl Sierek gewesen. Doch so verlockend es auch scheinen mag, den durch ein Selbst-Experiment entstandenen Protagonisten als zentralen Helden des Electronic Black Market zu feiern, das eigentliche Model sieht anders aus und hört auch auf einen anderen Namen.
Alice im Wunderland, oder: Das Idol
In erster Linie wird dieses Model von einer jungen Frau verkörpert, was sicherlich auch daran liegt, dass die Arbeitsteilung zwischen dem genialen Produzenten und dem performenden Multi-Talent in diesem Geschlechterverhältnis nach außen hin die größten Früchte tragen kann. Auch wenn sich die Aufgabenbereiche in den seltensten Fällen so klar trennen lassen: Während er im für die Öffentlichkeit unsichtbaren High-Tech-Labor die Cyber-Synkopen programmiert, erweckt sie das fleischlose Skelett mit ihrem Körper, ihrer Stimme und ihrem Gesicht zum Leben. Wie erfolgreich dieses Rezept sein kann, hat die mittlerweile verstorbene Aaliyah anzudeuten verstanden.
Aber auch Foxy Brown, Lil Kim, Kelis, Missy Elliott und Mary J. Blige stellen die weibliche Vormachtstellung im Rampenlicht der Musikwelt täglich aufs Neue unter Beweis (siehe auch Supa Soul Sistaz). Der Einfallsreichtum und die Exzentrik ihrer Selbstinszenierungen erinnert manchmal an die guten alten Zeiten des P-Punk, doch atmen sie mit jeder Faser ihrer Goldkehlen die platinschwerelose Luft der New-Economy-Blase. Nicht zuletzt stehen sie für die im Strukturwandel als unverzichtbar erklärten Soft Skills.
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| An Dopplung als Cyber-Metapher und zugleich an "Alice in Wonderland" erinnernd, nimmt MissE ...so addictive hier früh die surrealistischen Eskapaden vorweg, die wir aus ihren Musikclips von heute gewohnt sind (Missy Elliott ca.1997) |
In diesem Zusammenhang ist Kelis' "Wanderland" - als Rückgriff auf "Alice in Wonderland" - für die Herausbildung eines afro-futuristischen Kanons nicht zu unterschätzen. Schließlich werden in der Parabel die Soft Skills der Protagonistin in einem unvergleichlichen Ausnahmezustand auf die Probe gestellt: Sie muss mit Türgriffen, Teekanen, Tieren, Blumen und Insekten kommunizieren, womit sie nicht zuletzt zeigen kann, dass sie in einer komplett verdrehten Welt zu Recht kommt. Ihre Anpassungsfähigkeit kommt aber auch in ihrer außergewöhnlichen Flexibilität zum Ausdruck. Sie kann durch das bloße Anlecken einer Morchel ihre Größe verändern, was etwa an das Tamsweger Kunst-am-Bau-Projekt "Caught in Flux: flexibel.org" von Eva Grubinger erinnert, worin anamorphotische Bildinstallationen Betrachter dazu herausfordern unterschiedliche Blickwinkel einzunehmen.
Perspektive ist allerdings auch insofern das Stichwort, als dass Alices Spaziergang durch das Wunderland oft mit einem Drogentrip verglichen worden ist, und die Erfahrung von im Strukturwandel begriffenen urbanen Räumen wohl nicht zufällig mit ebenso betäubenden Konnotationen besetzt ist (Vgl. Das gläserne Auge des Architekten).
Und so überrascht es nicht, dass sich Bezüge zu "Alice im Wunderland" selbst in den neo-liberalen Medien finden lassen. In einem in changeX veröffentlichten Beitrag wird die Parabel an einer Stelle sogar zitiert: "Um auf der Stelle stehen zu bleiben, musst Du so schnell laufen wie Du kannst - Um vorwärts zu kommen, musst Du noch schneller laufen!" Es ist also durchaus vorstellbar, dass diese Geschichte auch als pädagogisches Anschauungsmaterial in der Schule gezeigt wird, um Kinder auf das Leben und Arbeiten in der New Economy vorzubereiten. ErzieherInnen werden daran erinnern können, dass Lewis Carroll (1832-1898), der diese Geschichte erfand, im viktorianischen Zeitalter zu Hause war, einer Phase, die die vielleicht erste wirklich große Welle von Umwälzungen mit sich brachte: die Industrialisierung. Was sie sich nicht eingestehen werden ist, dass die Rhythm&Blues-Stars wohl die besseren LehrerInnen sind, in jedem Fall aber solche, die die Aufmerksamkeit der Kids gepachtet zu haben scheinen.
Schließlich ist es ihnen auch gelungen die Reflektion des eigenen Körpers in einer verspiegelten Fläche - jenes Schlüsselmotiv, das den Einstieg von Alice in eine andere Welt signalisiert - auf den Cyber-Kontext zu übertragen, ohne diese Metapher auf den Surf- oder Online-Shopping-Aspekt zu reduzieren. Wer also heute von einer afro-amerikanischen Sci-Fi-Ikonografie unter den Bedingungen der New Econonmy spricht, meint das CNN der Schwarzen zu sehen, dessen neuer Programm-Chef gänzlich unter den Einfluss des surrealen Lewis-Carroll-Scripts geraten und fortwährend damit beschäftigt ist, den Electronic Black Market als fiktiven Kontinent an Konturen gewinnen zu lassen: Willkommen im Wunderland!
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11155/1.html- Sehr nett! (20.11.2001 17:27)
- Oh, nicht nur George Clinton .... (20.11.2001 14:52)
- advice from the caterpillar ... (20.11.2001 12:41)
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