Konkurrenz der Systeme

03.12.2001

Die Reformation zum Anfassen: GNU/Linux und Open Source - Teil 5

Ideologische und rein pragmatische Gründe für einen Wechsel von Windows zu Linux gibt es viele. Im technischen Vergleich muss sich das freie Betriebssystem vor allem auf dem Desktop bewähren. In puncto Stabilität und Funktionalität kann Linux der Konkurrenz schon seit langem Paroli bieten. Installation, Hardware-Unterstützung, Bedienbarkeit und Software-Angebot gelten als die größten Hürden für die Massenakzeptanz von Linux. Doch auch hier hat sich nach zehn Jahren einiges getan. Unverändert dagegen spalten interne Uneinigkeiten die Linux-Gemeinde und ihre Software.

KDE vs. GNOME

Die parallele Arbeit an zwei Projekten mit den gleichen Zielen, die noch dazu so bedeutend sind, hat anfänglich für viel Frustration gesorgt. Mittlerweile gibt es aber auch viele, die sich über die Wahlmöglichkeit zwischen den doch sehr unterschiedlichen Projekten freuen, und die Geburtstagsgratulation von GNOME an KDE zeigt, dass es keinen "heiligen Krieg" zwischen beiden Systemen gibt. Man muss wissen, dass KDE sich auf eine Programmbibliothek namens Qt der Firma Trolltech verlässt. Diese Bibliothek stand ursprünglich nicht unter der freien Lizenz GPL (vgl. Teil 1), sondern war proprietär. Sie stellt Grundelemente wie Buttons und Eingabefelder bereit, die von KDE-Programmen genutzt werden. Mittlerweile enthält sie auch Funktionen für den Datenbankzugang.

Für Miguel de Icaza und seine Mitstreiter war das Grund genug, ein eigenes Projekt zu beginnen, das vollständig freie Software sein sollte: GNOME ist Teil des GNU-Projekts. Auf allgemeinen Druck stellte Trolltech jedoch später die Qt-Bibliothek unter die GPL, so dass Icazas Gründe prinzipiell hinfällig wurden.

Und nun wird es interessant: Denn Trolltech hat mit der Qt-Bibliothek ein höchst interessantes Geschäftsmodell entwickelt. Open-Source-Programmierer können die Bibliothek kostenlos nutzen und auch verändern. Wer sein Programm jedoch nur in Binärform weitergeben will, darf dies bekanntlich nicht, wenn GPL-Code enthalten ist. Hier bietet Trolltech den Anbietern proprietärer Software einen Ausweg: Sie können die Bibliothek gegen Bezahlung auch für proprietäre Programme lizenzieren. Dies ist sozusagen eine Art "Besteuerung" proprietärer Software. Ironischerweise ist damit das KDE-Projekt "freier" im Sinne Richard Stallmans als das von ihm befürwortete GNOME-Projekt, dessen Qt-Äquivalent GTK unter der LGPL steht (das L steht für Library, also für Programmbibliotheken), die auch eine Verwendung in Binärprogrammen zulässt.

Sowohl Qt als auch GTK wurden auf verschiedene Betriebssysteme portiert, Anwendungen für KDE und GNOME lassen sich damit relativ problemlos z.B. auch auf Windows portieren, wenn der Bedarf danach besteht, und wenn Linux eines Tages obsolet sein sollte, ist es die dafür geleistete Arbeit noch lange nicht.

KDE genießt als zu großen Teilen aus Deutschland stammendes Projekt besonders hier große Beliebtheit, aber auch GNOME ist relativ gut ins Deutsche übersetzt. KDE verfügt über eine durchdachtere Komponentenarchitektur und wurde objektorientiert in C++ entwickelt, während GNOME reiner C-Code ist. GNOME hat mehr Ähnlichkeit mit den klassischen, schlanken Window-Managern, KDE dagegen möchte wirklich jeden Aspekt des Systems über grafische Interfaces nutzbar machen. Dabei legt KDE sehr großen Wert auf einen einfachen Wechsel von Windows her: Für das Look & Feel existieren verschiedene Standard-Schemata, von denen eines an Windows angelehnt ist - dies beinhaltet sowohl das Aussehen und Verhalten der Fenster als auch Tastenkombinationen. Anwendungen für GNOME laufen meist problemlos unter KDE und umgekehrt, sofern beide Bibliotheken (GTK und Qt) korrekt installiert sind. Dabei wird aber das Look & Feel der jeweiligen Programmbibliothek verwendet, so dass häufig Diskrepanzen im Aussehen und Verhalten der Applikationen auftreten. Letztlich muss jeder für sich entscheiden, welchen Desktop er einsetzen will - im Folgenden wird allerdings nur KDE besprochen.

Der KDE-Desktop sieht mit der Liquid-Skin besonders hübsch aus.

KDE in der Praxis

In der täglichen Praxis erweist sich KDE als bereits sehr angenehm benutzbar. Während erste Versionen noch gelegentlich abstürzten, ist der Desktop seit Version 2 äußerst stabil. Vom Aussehen her ist KDE an Windows angelehnt (mit ähnlichem Startmenü, Taskleiste usw.), verbessert Windows jedoch in vielen Kleinigkeiten. Dazu gehören z.B. weitgehendere Veränderungsmöglichkeiten des Look & Feel, einfacheres Herunterfahren, eine deutlich vielseitigere Taskleiste und bessere Kommunikation zwischen Anwendungen. Dafür ist Windows stellenweise schneller und besser organisiert: Das KDE-Kontrollzentrum und insbesondere die Veränderung des Desktop-Aussehens (die dafür notwendigen Dateien liegen in vielen unterschiedlichen Verzeichnissen) sind derzeit noch etwas verwirrend. Mit einigen Spielereien wie Animationen hat KDE es außerdem übertrieben, diese funktionieren oft nicht wie gewünscht und lassen sich zum Glück abstellen.

KDE erbt auch allgemeine X-Window-Probleme, da es ja auf XFree aufsetzt. So ist zum Beispiel die Zwischenablage unter X-Window problematisch: Einfaches Markieren von Text genügt, um ihn in die Zwischenablage zu kopieren. Will man ein bestehendes Eingabefeld mit Text aus der Zwischenablage überschreiben, muss man diesen erst löschen, dann den Text kopieren und einfügen. KDE-Anwendungen sollten sich eigentlich eher wie Windows benehmen, aber hier muss man bei jeder Anwendung neu experimentieren, was sehr frustierend ist. Dafür kann KDE dank dem Klipper-Tool mit mehreren Einträgen in der Zwischenablage umgehen.

Ein weiteres X-Problem ist immer noch nicht befriedigend gelöst: Schriftarten. Gerade SuSE installiert standardmäßig nur einige sehr hässliche Schriften, die teilweise auch noch Pixel-Fonts sind, was heißt, dass sie bei großer Auflösung extrem eckig werden. Es gibt sogar eine eigene HOWTO-Datei, die erklärt, wie man XFree "ent-entstellt".

Unter Windows gibt es schon seit längerer Zeit automatische Schriftenglättung (was sehr angenehm aussieht), und auch die Schriften selbst sind deutlich professioneller. Immerhin kann man Windows-Schriften unter Unix problemlos verwenden, sie sind jedoch aus Copyright-Gründen nicht im Lieferumfang der Distributionen enthalten. Die Schriftenglättung unter KDE existiert zwar, ist aber besonders bei kleinen Schriftgrößen noch unbefriedigend. Mit einiger Handarbeit lässt sie sich jedoch richtig einstellen, wonach dann zumindest KDE-Anwendungen sehr schön aussehen (wenn auch die Schriftenglättung langsamer ist als unter Windows). Es wäre sinnvoll, wenn hier die Distributoren mehr Vorarbeit leisten und brauchbare Schriften suchen oder entwickeln würden, denn lesbare Schriften kann nicht jeder Amateur produzieren - dafür gibt es empirische Richtlinien, die eingehalten werden müssen.

Ein GNOME-Desktop mit Mahjongg, Dateimanager und Mailer.

Allgemein lässt die Ästhetik der Linux-Desktops aber immer weniger zu wünschen übrig. Wer es albern verspielt mag (wie Aqua oder Windows XP), kann entsprechende Skins herunterladen, die Standardeinstellungen sind aber bei KDE wie bei GNOME bereits sehr ästhetisch. Aufgrund der modularen Struktur von Linux kann man wirklich jeden Bestandteil der Oberfläche verändern. Störend ist, dass GNOME- und KDE unterschiedliche "Verhaltensregeln" für Fenster verwenden (z.B. "Bei Doppelklick maximieren"). Bei KDE kann man das Verhalten verschiedener Oberflächenelemente global verändern, also z.B. "Mein Desktop soll sich so verhalten wie Windows". Wenn die GNOME- und KDE-Macher sich auf solche allgemeinen Verhaltens-Sets verständigen könnten, wäre der Wechsel zwischen beiden Desktop-Umgebungen fließender.

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