Die Logik des Weihnachtsmanns
Medientheorie pur oder purer Zynismus? Eine Analyse zu Baudrillards Wortmeldung über den Geist des Terrorismus als "Mutter" aller Ereignisse
Die Intellektuellen oder zumindest "die John Waynes unter ihnen" durften nach dem 11. September "um den schnellsten Schuss aus der Hüfte konkurrieren", wie Jürgen Habermas in seiner Dankesrede zum Friedenspreis des deutschen Buchhandels Mitte Oktober ironisch meinte. Slavoj Zizek hat dieses Bild vermutlich gut gefallen, bezieht er doch in seine Texten nahezu unvermeidlich Filmzitate mit ein. So auch diesmal, als der Philosoph nach den Anschlägen in den USA sich genötigt sah, dieses Land in der "Wüste des Realen" willkommen zu heißen. Bis dahin nämlich, so Zizek, lebte Amerika in einer Welt voll von absurder Künstlichkeit - ganz ähnlich dem Filmhelden aus The Truman Show, der draufkommt, dass sein Leben "in Wirklichkeit" nur das Konstrukt für eine rund um die Uhr laufende Fernsehshow ist.![]() |
| Jean Baudrillard |
Aber nun ist plötzlich alles anders geworden. Terroristen zwingen Amerika, die Welt so wahrzunehmen, "wie sie wirklich ist". Nicht nur über die Nation ist das "wirkliche Leben" hereingebrochen, allenthalben verspürte man diese Erleichterung darüber, dass das sogenannte Virtuelle seinen Dämpfer bekommen hat. Nach der geplatzten New-Economy Blase gelte jetzt also auch auf theoretischer Ebene: die Wirklichkeit, mächtiger denn je, hat sich zurückgemeldet. Nun ist es wenigstens endlich vorbei mit der postmodernen Schwurbelei, mit dem Gerede von der Simulation und dem Getue um das Ende der Geschichte - angesichts der Terroranschläge mündet das alles in einem befreienden Aufschrei: "das da ist echt!"
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Die Sünder mögen nunmehr reuige Abbitte leisten. Doch nichts da, Auftritt des Provokateurs - Jean Baudrillard legt noch kräftig eins drauf: "Der Einsturz des World Trade Centers war unvorstellbar, aber es war nicht ausreichend, um daraus ein reales Ereignis zu machen."
So und nicht anders stand es unlängst in der Süddeutschen Zeitung, die Baudrillards zuerst Anfang November in Le Monde erschienen Beitrag L'esprit du terrorisme jetzt auf Deutsch publiziert hat. Er wiederholt und radikalisiert darin seine Hauptthese der Simulation, die besagt, dass in einer Mediengesellschaft das wirkliche Ereignis und seine mediale Aufbereitung sich derart überlagern, dass sie nicht nur ununterscheidbar geworden sind, sondern dass das Wirkliche ohne das Mediale überhaupt nicht mehr ist.
Einerseits kann man dazu nun sagen: im Golfkrieg, in Jugoslawien und jetzt in Afghanistan ist die Zensur der medialen Bilder so unhintergehbar, dass sie eine Vorstellung des realen Geschehens gar nicht mehr zulassen. Wir wissen aus der Medienberichterstattung nicht, was tatsächlich vor sich geht. Ist das nicht ein Paradefall von Simulation, diese Vortäuschung und Inszenierung aller Ereignisse à la CNN?
Andererseits geht es um viel mehr. Baudrillard wiederholt seine bereits zum Golfkrieg geäußerte Formel, dass im Medienzeitalter der Krieg "die Fortsetzung der Abwesenheit von Politik mit anderen Mitteln" darstellt. So generiert der Terroranschlag vom 11. September als Mutter aller Ereignisse eine Serie von Pseudo-Ereignissen, bei denen es um nichts weniger als eine globale Konsensualisierung geht. Wieder und wieder dieselben Bilder, und in dieser Endlosschleife der Wiederholungen, in der Vergewisserung des "Unvorstellbaren", bestand letztlich der Zweck der Anschläge.
"Zu den verschiedenen Waffen, welche die Terroristen dem System entwendet und gegen ihre Besitzer gerichtet haben, gehört die Echtzeit der Bilder, ihre sofortige Verbreitung auf allen Kanälen. Sie haben sich der Medien ebenso bedient wie der Börsenspekulation, der Informatik oder des Flugverkehrs. Die Rolle des Bildes ist ambivalent. Das Ereignis wird im Bild nicht nur verstärkt, sondern gleichzeitig zur Geisel genommen." (Baudrillard)
Zur medialen Inszenierung der Ereignisse tritt etwas Entscheidendes hinzu. Es ist die gravierende Verlustangst einer kulturellen Ordnung, welche die gesamte ideologische Bedeutung in ihre materiellen Wahrzeichen legt. Haben die Taliban mit der Zerstörung der Buddhastatuen von Bamiyan und der Kunstwerke im Nationalmuseum von Kabul nicht demonstriert, dass sie dieses Spiel meisterhaft beherrschen? Der Westen war nicht fähig, in diesem Bildersturm etwas anderes zu sehen als den Rückfall ins Mittelalter. Ein der Logik von Ungleichzeitigkeiten entfremdetes, eindimensionales Denken kann nicht mehr das transzendente Prinzip wahrnehmen, das sich im islamischen Fundamentalismus gegen eine Bilderkultur der selbstreferenziellen Symbole und Logos auflehnt.
Fragen wir nun noch mal nach dem Status der Wirklichkeit. Für Baudrillard ist sie verschwunden, keine Frage. Unter Medienbedingungen wird alles zur Simulation - aber er bekommt als Reaktion auf dieses Theorem auf die mehr oder wenige feine Art gesagt, er habe einen Knall. Dabei handelt es sich bei Baudrillards "Verschwinden" um eine diskursive Differenzierung und nicht um eine propositionale Aussage über das, was "wirklich" ist oder nicht. Das Verschwinden des Realen nach der Logik der Simulation bedeutet, dass im Medienzeitalter der Bezug auf eine wie immer geartete Wirklichkeit keine Garantie für unsere Interpretation mehr bietet.
Das Ereignis und seine mediale Überlagerung lassen sich nicht voneinander trennen. Mit anderen Worten: die Medienwirklichkeit lässt die angeblich abgebildete Wirklichkeit verschwinden - das ist Baudrillards Simulationseffekt. Auch Worte und Theorien fallen darunter, da sie eine Bedeutung oder eine Referenz vortäuschen, die sie nicht haben. Da spricht freilich der desillusionierte Ideologiekritiker, der eingesehen hat, wie sinnlos es ist, die falsche Wirklichkeit als eine solche entlarven zu wollen.
"Man kann nur noch den Lauf der Dinge zuspitzen, man kann sie nicht mehr kritisieren." (Baudrillard 1986)
Die einzig richtige Reaktion wäre, sich nicht an der Verschwörung zu beteiligen, also einen den Terroristen - die sich der Simulation souverän bedient haben - genau entgegengesetzten Pol zu besetzen.
Hat Baudrillard nun einen Knall oder nicht? Die Antwort fällt negativ aus, und dafür gibt es gute soziologische wie philosophische Gründe. Sein erstes Buch Das System der Dinge (1968) hat Baudrillard als Soziologe vorgelegt, es handelt von unserem Verhältnis zu den alltäglichen Gegenständen. Er beschreibt dort die Bewegung der menschlichen Gebrauchsgüter in einen zweiten Signifikationsbereich hinein, wo das technische System erst seine kulturelle Bedeutung erlangt. Genau mit dieser Überlagerung von Aussagen spielen Werbung und Medien: Baudrillard nannte das, damals schon recht apart, die "Logik des Weihnachtsmanns". Man muss nicht an ihn glauben, sondern nur eine Zeitlang mitspielen, und schon gibt es ihn. So funktioniert im weiteren jede mediale Aussage. Ihre Überprüfung an der Realität muss scheitern. Jene Produkte, welche die Werbung uns verspricht, gibt es nicht wirklich, denn sie bestehen im wesentlichen aus einer Lebensstil-Propaganda.
Und nun zum philosophischen Grund, warum an Baudrillard was dran ist. Hieß es nicht einst bei Kant, dass wenn der Begriff dem Ding vorhergeht, dieser seine Bedingung ist, die aber nichts über den Charakter seines Daseins im Sinne einer "Wirklichkeit" aussagt (Kritik der reinen Vernunft: Postulate des empirischen Denkens)? Es ist eine philosophisch durchaus vernünftige Frage, so Kant, ob Dinge möglich sein können, ohne wirklich zu sein. Die Möglichkeit eines Dinges ist seine Position in Beziehung auf den Verstand; seine Wirklichkeit hingegen die Verknüpfung mit der Wahrnehmung. Es ist immer diese Möglichkeit und nicht das Ding selbst, was seine Wirklichkeit bedingt.
Der Idealism ist die Theorie, welche das Dasein der Gegenstände im Raum außer uns entweder bloß für zweifelhaft und unerweislich, oder für falsch und unmöglich erklärt ...
Das neue Mediensystem - und das trennt uns von Kant - setzt aber tatsächlich die Differenzierung zwischen Anschauungsvermögen und Einbildungskraft außer Kraft. In seiner Dialektik erzeugt es, philosophisch ausgedrückt, eine ontologische Zweideutigkeit, die eine klare Grenzziehung zwischen Sein und Schein nicht mehr erlaubt.
Selbstverständlich klingt die Art, in der Baudrillard dies heute ausdrückt, etwas vermessen. Aber die Reaktionen auf seine polemische Intervention nach der Logik des Weihnachtsmanns waren bezeichnend. Die medientheoretische Radikalität, dass jede außermediale Wirklichkeit selbst schon zu einem medialen Effekt geworden ist, wird darin schlichtweg unterlaufen. In einem brillanten Text haben Agentur Bilwet vor einigen Jahren daran erinnert, dass der nicht-mediale, authentische Zustand nicht mehr zu haben ist; vom berechtigten Delirium der Theorie war damals die Rede.
Um das Rätsel der Medien formulieren zu können, muss man auf die klassische Idee der gesellschaftlichen Funktion, die das Informieren der Massen beinhalten würde, verzichten. Es soll vermieden werden, dass die Medientheorie eine geringere Energieform der Medien selbst wird.
Doch was ist eigentlich geblieben vom Öffnen neuer Theorieräume? Ein ausweichendes Philosophieren, das stärker denn je die Hegemonie des globalen Konsenses in Frage stellt. Damit lässt zwar sein kritische Potenzial (sollte es denn noch eines haben wollen) die Faszination des Spektakels nur hinter sich, um selbst zum Faszinosum zu werden - aber immerhin, wie sonst sollte auf theoretischer Ebene jener Widerstand sich aktualisieren lassen, den seine Ästheten rundum so unbedarft beschwören?
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11239/1.html- es ist schwer, die dummheit zu überwinden... (3.12.2001 16:14)
- Kopfstand (3.12.2001 16:08)
- Kein guter Griff ohne festen Tritt (3.12.2001 13:29)
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