Alle Kulturen sind hybride Konstrukte

Volker Hummel 05.12.2001

Gespräch mit dem türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk

Der Roman "Rot ist mein Name" des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk schildert einen mit ideologischen Mitteln ausgetragenen Konflikt zwischen "Ost" und "West" aus der Perspektive des Islam. Im Jahr 1591 herrscht unter den Buchillustratoren Istanbuls ein Bilderstreit. Der Padischah hat ein Buch in Auftrag gegeben, dass sich der Malkunst des Westens bedienen soll, also der Perspektive, des Porträts, des persönlichen Stils. Über den zunehmenden Einfluss der "Ungläubigen" empören sich jedoch die der alten Maltradition verpflichteten Illustratoren, die darauf bestehen, die Welt weiterhin so zu malen, "wie Allah sie sieht", in einer über die Jahrhunderte entwickelten Form, die keinen persönlichen Stil, keinen Wandel zulässt.

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Pamuks Roman zeigt, dass das Denken in kulturellen Oppositionen keineswegs eine Erfindung von Pentagon-Beratern ist. Gleichzeitig veranschaulicht er auf brillante Weise die Verdrängungsarbeit, die jedem Postulat kultureller Reinheit innewohnt. Die "reine" Maltradition von Herat, die der Perspektivmalerei "der Franken" gegenübergestellt wird, erweist sich im kreisenden Diskurs des Buches, durch die in vielen Gesprächen geleistete Erinnerungsarbeit, als komplexe Tradition, die sich aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen speist: China, Mongolei, Persien, Indien etc. Erst mit Gewalt und Schlägen bläut der Meister seinen Schülern in der Illustratoren-Werkstatt die so genannte "Stillosigkeit" ein, indem er sie zwingt, jede Erinnerung an abweichende Einflüsse und die Vorstellung neuer Stile zu verdrängen.

Das verdrängte multikulturelle Erbe kehrt zurück in Form stilistischer Spuren und Signaturen, die den Maler eines Bildes ebenso verraten können wie den Mörder, der am Tatort seine Handschrift hinterlässt. Der Begriff der Signatur spielt in Pamuks Roman eine entscheidende Rolle. Er verweist auf die vielfältigen internen Differenzen, die Kultur in ihrer Gesamtheit als lebendige Praxis erst möglich machen. Vor allem die illustrierten Bücher, die als Garanten einer einheitlichen Tradition meist in Schatzkammern verborgen werden, erweisen sich als im Laufe vieler Eroberungen und Kriege auseinander gerissene und neu zusammengesetzte Flickwerke. Bei ihnen handelt es sich um hybride Kulturzeugnisse, in denen sich bei genauem Hinsehen die unterschiedlichsten Einflüsse bemerken lassen. Eine Eigenschaft, die sie mit "Rot ist mein Name" teilen.

Orhan Pamuk, der lange Zeit in New York gelebt hat, bevor er wieder nach Istanbul zurückgekehrte, versteht sich als kulturelles Relais zwischen Ost und West, zwischen "Islam" und "Westen". Und er versteht es, dieses Selbstverständnis in sein Schreiben einfließen zu lassen. Ihm gelingt es, vergessene islamische Geschichten in Erinnerung zu rufen und sie gleichzeitig mit einer modernen Perspektivkunst zu verbinden, indem er das Geschehen in 59 Kapiteln aus den verschiedensten Sichtweisen schildert. Die Figuren, die anfangs wie zweidimensionale allegorische Gestalten wirken, entfalten im Verlauf der Handlung eine Tiefe und Komplexität, die es mit jedem psychologischen Porträt eines Proust oder Musil aufnehmen kann. Sie erscheinen nicht als unwandelbare, für immer festgeschriebene Figuren, sondern als unauslotbare Subjekte, Bündel unterschiedlichster Motive und "Signaturen", ebenso komplex und vielfältig wie die Kultur, für die sie stehen.

Herr Pamuk, wie würden Sie den Begriff "Kultur" definieren?

Orhan Pamuk: Ich bin nicht besonders gut im Definieren. Anstatt die Dinge zu definieren, bringe ich sie lieber in meinen Büchern in Bewegung. Ich verstehe Kultur vor allem als einen Schutz, vor Vulgarität, Unfreundlichkeit, Ignoranz, Brutalität. Andererseits geschehen so viele brutale und vulgäre Dinge im Namen der Kultur, dass auch diese Definition, wie viele andere, ihre Grenzen hat.

Fühlen Sie sich einer bestimmten Kultur verbunden?

Orhan Pamuk: Ich vermeide es, mich selbst als einer bestimmten Kultur zugehörig zu verstehen. Ich bevorzuge es, als jemand gesehen zu werden, der gegen Identitätszuweisungen verstößt. Mich interessieren mehr die Grenzziehungen als solche und ihre Überschreitung. Alle meine Bücher sind unter anderem auch ganz bewusste Versuche, einer nationalen Identität zu entkommen, den Definitionen des Staates, der Regierung, der Fahnen und der Nachbarschaften, in denen man lebt. Hier in Istanbul ist man einem starken Bewusstsein einer gemeinsamen Identität ausgesetzt: Wir sind Türken, wir sind Moslems, wir haben eine gemeinsame ottomanische Vergangenheit. Solche eindimensionalen Definitionen überdecken die vielen historischen Schichten der komplexen Geschichte Istanbuls, die in Vergessenheit gerät. Stattdessen wird uns der Stereotyp des "modernen Türken" vorgesetzt.

Ist der derzeitige Krieg ein "Kampf der Kulturen"?

Orhan Pamuk: Nein. Ganz nüchtern betrachtet ist dies ein Krieg zwischen den USA und ihre westlichen Verbündeten gegen die Taliban. Diesem Krieg werden in verschiedenen Öffentlichkeiten bestimmte Definitionen zugeschrieben. Im Westen wird er vor allem zum Krieg gegen den Terrorismus deklariert, während man ihn auf der anderen Seite als einen Kampf der reichen Supermächte gegen die ärmeren Nationen versteht. Hinzu kommt auf der westliche Seite die häufig erhobene Behauptung, dies sei ein Konflikt zwischen den Supermächten und dem Islam. Wir müssen all diesen Zuschreibungen sehr kritisch gegenüberstehen.

Die Kaffeehäuser von Istanbul spielen eine große Rolle in Ihrem Roman. Welche Stimmung herrscht dort derzeit?

Orhan Pamuk: Bei uns gibt es nicht die Sorgen, die paranoiden Gefühle und Panikattacken, die derzeit in den USA und anderen Teilen des Westens das Lebensgefühl beherrschen. Das hat zum einen natürlich damit zu tun, dass wir eine islamische Nation sind und uns nicht als Zielscheibe von Usama bin Ladin sehen. Zum anderen sind wir das Leben im Terror gewöhnt. Es ist mir schon oft hier in Istanbul passiert, dass in meiner Nähe Bomben explodiert sind, es werden sehr viele Menschen umgebracht. Gerade vor einem Monat hat hier ein Selbstmordattentat stattgefunden. Zurzeit ist das Hauptthema in der Türkei eher die Wirtschaftskatastrophe, in der wir uns gerade befinden, und die Frage, welche ökonomischen Auswirkungen der Krieg für uns haben wird.

Gibt es öffentliche Debatten?

Orhan Pamuk: Nein, und das ist etwas, was ich außerordentlich kritisiere. Einige Male schon war ich im Fernsehen, um meine Standpunkte zu erläutern, aber es gibt kaum demokratisch geführte Debatten. Die Türkei wird sich an diesem Krieg beteiligen, und die Medien verlieren kaum ein Wort darüber. Wir leben in einer Semi-Demokratie, die Regierung verbeugt sich vor der Supermacht USA, die Medien verbeugen sich vor der Regierung, die Stimmung des Volkes wird kaum repräsentiert. Genau wie die Russen sind die meisten Türken nicht gewillt, an diesem Krieg teilzunehmen. Aber da man das Geld der Amerikaner braucht, spielt man eben mit bei diesem Spiel. Die Menschen in Istanbuls Straßen fühlen sich den Menschen in New York in keiner Weise verbunden, die Regierung liefert nur die erwarteten Lippenbekenntnisse.

Ihr Roman "Rot ist mein Name" zeigt, dass sich die Maltradition von Herat, in der sich für viele Figuren im Roman eine rein islamische Sicht auf die Welt erhalten hat, aus mongolischen, indischen, chinesischen und vielen anderen kulturellen Einflüssen speist. Gibt es so etwas wie eine rein islamische Kultur?

Orhan Pamuk: Alle Kulturen sind hybride Konstrukte. Wenn sie ihren Höhepunkt erreichen, werden sie Opfer ihrer eigenen Geschichte. Es wird ein Kanon gebildet, und damit einher geht eine Behauptung kultureller Reinheit, die natürlich Unsinn ist. Solche Kulturen widersetzen sich gegen jede Form von Veränderung, und dann geht es mit ihnen bergab. In meinem Roman geht es um die sich daraus ergebenden Widersprüche, wenn Gebote kultureller Reinheit auf äußere Einflüsse treffen. Mir geht es jedoch nicht um eine historische Lektion, sondern um die menschliche Dimension.

Für die Künstler sind diese Fragen und Widersprüche sehr schmerzhaft, ob sie sich nun gegen die Veränderung wehren oder das Neue begrüßen. Mich interessierten vor allem die Auswirkungen dieser Begegnung mit dem Neuen, der Perspektivmalerei des Westens, auf die Künstlergemeinde, die entstehenden Rivalitäten und Eifersüchteleien, der Wettbewerb und die Gespräche. Es geht um gegenwärtige Fragen, mit denen sich auch heute Künstler auseinander setzen. Betreibt man die Kunst um der Kunst willen oder um berühmt zu werden? Welche Rolle hat der Künstler in der Gesellschaft?

Welches Buch würden Sie einem Leser aus dem Westen empfehlen, der ein umfassenderes Verständnis des Islam erlangen möchte?

Orhan Pamuk: Das ist eine sehr schwierige Frage. Wahrscheinlich würde ich die "Encyclopaedia of Islam" empfehlen, die von der Universität von Leiden herausgegeben wird. Das ist jedenfalls die Antwort, die Borges geben würde.

Orhan Pamuk: "Rot ist mein Name", aus dem Türkischen von Ingrid Iren, Hanser Verlag, 560 Seiten, 54 Mark.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11261/1.html
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