Der Musikindustrie droht ein neues Fiasko im Internet

13.12.2001

Analysten räumen den startenden Musik-Mietstationen der großen Labels im Netz wenig Chancen ein

Acht Jahre nachdem die Harry Fox Lizenzagentur der amerikanischen Musikverleger den Onlinedienst Compuserve verklagte und sich die amerikanischen Gerichte erstmals mit einem Fall aus der seitdem boomenden Streitserie rund um die digitale Online-Musikwelt beschäftigen mussten, glauben die großen Labels endlich einen Vertriebsweg im Internet gefunden zu haben. Doch ihre mitten im Winter aus dem virtuellen Boden sprießenden Plattformen, mit denen die klingende Ware in klingende Münze verwandelt werden soll, sind in ihrer jetzigen Form zum Scheitern verurteilt.

Nach Jahren der Online-Abstinenz starten die großen Plattenfirmen und ihre Partner im Portalbereich momentan ihre seit Frühjahr angekündigten Musikshops im Internet. Seit Anfang Dezember können zumindest die amerikanischen Surfer über den neuen RealOne-Player der Softwarefirma RealNetworks erstmals ganz legal Songs von Stars wie den Backstreet Boys, R.E.M. oder Robbie Williams für knapp 10 Dollar im Monat abrufen. Lizenzgeber ist MusicNet, ein Verbund von Labels wie BMG, EMI, Virgin und Warner Music, der rund 78.000 Lieder im Angebot hat. Der Online-Dienst AOL ist nach der Veröffentlichung der Betaversion seiner eigenen MusicNet-Software seit Dienstag mit einem ähnlichen Angebot im Probelauf. Der wiederum nur US-Bürgern offen stehende Abodienst soll im Januar regulär seine Pforten öffnen.

Auch die Konkurrenten Sony Music und Vivendi Universal Music Group haben angekündigt, dass ihr Pressplay getaufter Lizenzdienst bald in Betrieb gehen wird. Angeblich noch in diesem Jahr, doch daran glaubt in der Branche niemand mehr so richtig. Das Online-Arsenal der Labels, die wie MusicNet auch EMI mit an Bord haben, soll zunächst über die Einstiegsseiten Yahoo und MSN von Microsoft zugänglich gemacht werden.

Nach dem jahrelangen Kampf vor Gericht gegen die beliebte, seit Sommer allerdings bis auf Weiteres stillgelegte Tauschbörse Napster will sich die Musikindustrie nun also selbst die Möglichkeiten des Internets für den Vertrieb digitaler Produkte zunutze machen. Die zum Teil selbst gesetzten, zum Teil von anderen Playern und Partnern festgelegten Umfeldbedingungen sind allerdings denkbar ungünstig für die Labels.

Das fängt bei nach wie vor nicht ganz geklärten Rechten an Titeln an, wo die Künstler bei der Online-Distribution Nachverhandlungen zu bestehenden Verträgen fordern, und hört bei unpraktikablen Kopierregelungen auf. Streit gibt es zudem - oft unter dem einen Dach einzelner Großkonzerne wie Sony - nach wie vor mit den Herstellern tragbarer Abspielgeräte, die eine andere Strategie fahren als die Plattenfirmen.

Musik zum Mieten oder das technische Korsett für den Kunden

Die neuen Online-Musikplattformen setzen hinter ihren bunten Fassaden auf eine komplexe Technik. Systeme fürs Digital Rights Management (DRM) (Digitale Rechte und ihre Manager) sollen darüber wachen, dass die Anwender im Gegensatz zu den weit gehend illegalen Tauschbörsen Dateien nicht beliebig kopieren und weitergeben können. Die Musikstücke werden in verschlüsselter Form zusammen mit klar definierten Nutzungsregeln vertrieben.

Wenig Spielraum bleibt so etwa den Kunden von RealOne, die Musik nur mieten können. Für das Monatsabo lassen sich 100 Songs im Streaming-Verfahren jeweils einmal anhören. Weitere 100 Stücke darf der Nutzer auf seinem Rechner für eine begrenzte Zeit speichern. Das von RealNetworks im eigenen Haus entwickelte DRM-System ist entsprechend der Vorgaben der hinter MusicNet stehenden Labels so eingestellt, dass die Surfer die Stücke nicht auf CD brennen oder auf portable Player übertragen können.

Die strenge Kontrolle ist dem Dienst als schweres Vermächtnis mit in die Wiege gelegt worden. RealOne werde kein Renner bei den Massen, prophezeit Mark Mooridian vom Marktforschungsinstitut Jupiter Media Metrix - ähnlich wie zahlreiche seiner Kollegen. Eine aktuelle Studie habe ergeben, dass 38 Prozent der Befragten ihre bezahlten Songs auch auf mobile Geräte wie Apples neuen iPod oder Compaqs iPaq übertragen und beliebig oft kopieren wollen. Das Verdikt träfe angesichts der verwöhnten Surfer, die auf zahlreiche Napster-Erben wie Audiogalaxy, Grokster oder Morpheus zurückgreifen können, letztlich alle legalen Musikdienste.

Pressplay sucht sich daher mit Zugeständnissen von MusicNet abzusetzen: Der Dienst hat angekündigt, dass seine Kunden monatlich ein begrenztes Kontingent an Downloads auf CD bannen dürfen. Doch damit "wird das Rechtemanagement nicht mehr kontrollierbar", fürchtet Thomas Kleesch, Engagementmanager bei IBM Deutschland. Beim Electronic Media Management System (EMMS), der DRM-Lösung von Big Blue, ertönt bei der Festlegung der Benutzerrechte automatisch eine Warnung, wenn die Brenn-Erlaubnis in der Software aktiviert wird. Schließlich kann der Kopierschutz über den CD-Umweg leicht ausgehebelt werden, da die Daten das "gesicherte System" auf dem Rechner verlassen.

Plattenfirmen in der Zwickmühle

Die Labels stecken somit in der Zwickmühle: Statten sie die Konsumenten mit zuviel Rechten aus, riskieren sie ein Versagen der Schutztechniken. Das zeigt sich auch in der Ablehnung portabler Musik. Ist doch die 1998 mit großen Fanfaren ins Leben gerufene Secure Digital Music Initiative (SDMI) (Kampf um die Ohrmuscheln) mit Pauken und Trompeten gescheitert. Und zwar nicht nur, weil ein Professor die Schutztechniken in einem von der Musikindustrie selbst ausgeschriebenen Crackerwettbewerb aushebeln konnte (In den Mühlen des Digital Millennium Copyright Act). Sondern vor allem, weil sich die Gerätehersteller und die Labels nicht auf ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten. Bis heute gibt es daher keinen Kopierschutzstandard für tragbare Player.

Doch gängeln die Plattenfirmen den Verbraucher mit ihren DRM-Spielereien zu sehr, wird er die Monatsgebühren einsparen und sich Musik auf nicht lizenzierten Tausch-Plattformen besorgen. Gleichzeitig fordern die Wächter über die Medieninhalte mit weiteren Kontrollvorstößen Cracker geradezu heraus. Das musste jüngst auch der Pressplay-Partner Microsoft feststellen, dessen DRM-Technik im Oktober geknackt wurde. Dabei hat der Softwareriese noch Großes vor mit seinem Rechtemanagementsystem: Es soll fester Bestandteil jedes Microsoft-Betriebssystems werden und über das Windows-Media-Format auch in Chips für andere Computergeräte Einzug halten.

Das Schicksal gebrochener Technik droht Experten zufolge früher oder später aber allen Kopierschutzverfahren. "Der Versuch, DRM durchzusetzen, ähnelt dem Kampf gegen Drogen", sagt der Gartner-Analyst Rob Batchelder. Oder dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus, könnte man hinzufügen. Schließlich betrachtet die Musikindustrie "Raubkopierer" seit langem als die wahren Cyberterroristen.

Wer soll das bezahlen

Scheinbar vergessen hat die Musikindustrie zudem gänzlich den Markt außerhalb der USA. Zumindest ist in all den Ankündigungen für neue Abo-Services kein Sterbenswörtchen über eine Ausdehnung der Dienste nach Europa oder Asien die Rede. Während sich die nordamerikanischen Surfer also in Zukunft mehrfache Monatspauschalen leisten dürfen, um zumindest die bei allen großen Labels geführten Stars im Netz singen hören zu können, müssen sich die Nutzer hierzulande und im großen Rest der Welt weiterhin ihre Musik aus dem digitalen Untergrund saugen.

Aber auch den Amerikanern dürfte der Spaß bald zu teuer werden. Analysten zufolge geben die durchschnittlichen Musikkonsumenten jenseits des Atlantiks etwa 100 Dollar für Alben und Singles im Jahr aus. Nun sollen sie zusätzlich zu den rund 20 Dollar für die Internet-Flatrate im Monat auch noch gut 240 Dollar im Jahr für zwei Abodienste zahlen. Eine Rechnung, die nicht aufgehen dürfte.

Bei den Managern der Künstler schrillen die Alarmglocken

Falls die Nutzer aber doch mitspielen und sich der Online-Vertrieb wider Erwarten zu einem Big Business entwickeln sollte, werden die Künstler und die Verleger ihre Hände aufhalten. Schon jetzt nach dem Start von MusicNet haben die Anwälte von mindestens einem Dutzend Sängern und Bands Klage dagegen eingelegt, dass ihre Titel über die beiden jungen Lizenzierungsdienste vertrieben werden (sollen). "Bei den Managern der Künstler läuten die Alarmglocken", sagte ein Vertreter von Gruppen wie Limp Biskit jüngst der Los Angeles Times.

Die betroffenen Labels gehen dagegen davon aus, dass sie die exklusiven Vertriebsrechte über ihre Verträge mit den Musikschaffenden größtenteils bereits haben. Die Plattenfirmen sitzen auf "95 Prozent der digitalen Rechte", sagte Tim Renner im Herbst im Telepolis-Gespräch (Das Wissen der Avantgarde und der Mainstream). Gleichzeitig gab der Chef von Universal Deutschland allerdings zu, dass sich die Einigungen mit den Künstlern auf Erlösmodelle schwierig gestalteten.

Zudem hat bisher nur die Recording Industry Association of America (RIAA im Oktober eine Vereinbarung mit der amerikanischen Vereinigung der Musikverleger, der National Music Publishers Association (NMPA), gefunden. In Europa stehen vergleichbare Einigungen noch aus, was die Zurückhaltung der Lizenzierungsdienste auf dem alten Kontinent erklären kann.

Angesichts der ganzen Stolpersteine erscheint die Hoffnung des neuen AOL-Chefs Bob Pittman, der zufolge "Musik-Downloads der Industrie zu neuem Wachstum verhelfen wie die CD vor 20 Jahren" reichlich optimistisch. Es ist eher zu befürchten, dass die großen Labels auch im Jahre 1 nach der Befriedung von Napster kaum Umsätze im Netz machen werden.

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