Gelegenheit macht Diebe

14.12.2001

Wirbel um eine Netzkunst-Ausstellung in Korea

Wahrscheinlich sollte man Netzkünstlern, die für den Diebstahl von Websites und die Verbreitung von "Kunst-Viren" bekannt sind, nicht die Passwörter für den eigenen Server überlassen. Die Organisatoren der Netzkunst-Gruppenausstellung korea web art, an der unter anderem das Critical Art Ensemble, Mark Amerika, Superbad und Entropy8Zuper! teilnehmen, haben diesen Fehler gemacht.

Um ihren Beitrag auf dem Internet-Computer der Show, die nur im Netz stattfindet, laden zu können, überließen sie dem italienischen Künstlerduo 0100101110101101.org den Zugang zu dem Rechner (Leben ist Software. Die luden brav einige Webseiten auf den Rechner. Doch in der Nacht, in der die Ausstellung offiziell ans Netz gegangen war, wechselten 0100101110101101.org von der Web-Kunst zur Netzkunst und vertauschten die Directories auf dem Server aus. Der Effekt: die Links von der Eröffnungsseite zu den falschen Arbeiten von den falschen Künstlern.

Wer zu dieser Zeit die frisch "eröffnete" Website besichtigte und zum Beispiel auf den Link zu der Arbeit von Lisa Jevbratt klickte, kam zu der von Motomichi Nakamura, wer die Arbeit von Critical Art Ensemble sehen wollte, landete bei Superbad. Obwohl die umgearbeitete Website nur wenige Stunden online war, drohen den Beteiligten nun unschöne Konsequenzen. Einige der Künstler beschwerten sich bei dem Kurator Marc Voge, und auch das koreanische Ministerium für Kultur und Tourismus, das die Ausstellung finanziert hat, hat den Vorfall ungut aufgenommen. Nun könnte die Aktion sogar Voge den Job oder zumindest eine finanzielle Strafe kosten.

Marc Voge war gegenüber Telepolis nur zu dem knappen Kommentar "I love everything 01.org does on the net" zu bewegen. Die Strafdrohungen treffen einen Kurator, der in der Vergangenheit durch sein Engagement für Kunst im Internet auf sich aufmerksam gemacht hat. Marc Auge hat im Jahr 2000 die Webausstellung Total Museum als Ergänzung zu einer Show mit zeitgenössischer Kunst organisiert, für die unter anderem Jodi und Alexei Shulgin Arbeiten produziert haben. "korea web art" sollte diesen Ansatz offenbar fortsetzen. Die solide Ausstellung mit renommierten Künstlern, die unter dem Motto "Together Alone" steht, könnte nun die letzte derartige Präsentation gewesen sein.

Ähnliche Aktionen haben in der Vergangenheit dafür gesorgt, dass sich Kunstinstitutionen ganz von der Netzkunst abgewandt haben. Der Netzkunst-Wettbewerb Extension des Hamburger Museums für Gegenwart wurde beispielsweise 1997 von der Hamburger Künstlerin Cornelia Sollfrank "gehackt", die unter gefälschten Namen mehrere hundert Arbeiten von angeblichen Netzkünstlerinnen einsandte (Female Extension). Die Jury fiel auf den Fake herein, und stand anschließend blamiert da.

Das Hamburger Museum für Gegenwart hat seither keine Ausstellung und keinen Wettbewerb zum Thema Netzkunst mehr gemacht. Die betroffenen Künstler waren von der Aktion begreiflicherweise nicht begeistert: Während Sawad Brookes die Aktion mit dem ausradierten Werk De Koonings von Robert Rauschenberg verglich, schreibt Steve Kurtz vom Critical Art Ensemble (CAE) in einer Email, dass "die Arbeit von CAE ohne Copyright ist, und darum von jedem zu anderen Arbeiten umgearbeitet werden. Das ist jederzeit möglich - sogar bei einer "Eröffnung". Allerdings kritisiert er, dass Marc Voge durch die Aktion in Schwierigkeiten geraten ist und vermutet, dass es den Initiatoren vor allem darum gegangen sei, sich selbst zu promoten: "Es gibt nichts lächerliches für einen Hacker, als eine Kunstshow im Web zu hacken. Es scheint 0100101110101101.org vor allem darum zu gehen, sich im Zentrum der ganzen Ausstellung zu platzieren, indem sie einen Sturm im elektronischen Wasserglas produzieren. Gute Publicity - keine Konsequenzen."

Lisa Jevbratt hingegen findet: "Das ist sehr typische Netzkunst. Nicht mehr und nicht weniger. Sowas ist zu erwarten. In der Netzkunst geht es oft um das Einladen, Eingeladen werden und das Infiltrieren."

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