Wie die Taliban/Al-Qaida-Kämpfer miteinander kommunizieren

16.12.2001

Systematisch wurden Codan-Radios von Hilfsorganisationen verwendet, was die US-Aufklärung lange behinderte, aber wegen fehlender Verschlüsselung gleichzeitig das Abhören wie derzeit in Tora Bora ermöglicht

Auf abgefangenen Funksprüchen aus den Weißen Bergen von Tora Bora sei Bin Ladens Stimme eindeutig identifiziert worden, meldete die Washington Times am Samstag unter Berufung auf ungenannte offiziellen Stellen. Bin Ladin habe mit seinen verbliebenen Truppen über ein Gerät "mit sehr geringer Reichweite" kommuniziert. Mit einiger Wahrscheinlichkeit handelt sich dabei um ein Handgerät, das zum High Power HF SSB System der Firma Codan aus dem australischen Hinterland gehört.

Spätestens mit Beginn der US-Bombardements haben Taliban/Al-Qaida ihre militärische Kommunikation systematisch auf die als sehr robust bekannten Kurzwellen-Funksysteme aus Adelaide umgestellt.

Wie viele der untereinander gut vernetzbaren Codan-Radios - Handgeräte, Auto-Funk, und leistungsstarke Basistationen, die um die 6500 Dollar kosten - schon vor dem Krieg in Afghanistan oder in Händen von Taliban/Al-Qaida waren, ist nicht bekannt. Fest steht hingegen, dass mehr als Tausend solcher Systeme in unterschiedlichen Dimensionen durch Raub in die Hände von Taliban/Al-Qaida gelangt sind.

Diese ursprünglich für den Einsatz im australischen Busch entworfenen, mobilen und stationären Sprach- und Datenfunksysteme sind der Quasi-Standard internationaler Hilfsorganisationen. Codan-Radios und ähnliche Fabrikate kommen überall dort zum Einsatz, wo keinerlei Infrastruktur [mehr] vorhanden ist, also in Kriegs- und Katastrophengebieten, vor allem aber in der so genannten Dritten Welt.

Wie viele Codan-Anlagen in und um Afghanistan in Betrieb sind, könne man angesichts der Vielzahl von Hilfsorganisationen in der Gegend unmöglich abschätzen, schreibt Kent Parkin, Marketingchef von Codan aus Adelaide an Telepolis. Wie viele Anlagen den Hilfsorganisationen vor Ort fehlen, weiß man beim Hersteller allerdings relativ genau.

Allein um die Verluste bei "World Food Program", UNHCR, UNICEF und anderen, kleineren Organisationen auszugleichen, so Parkin weiter zu Telepolis, würden rund um die Jahreswende "mehr als tausend" Codan-Funkausrüstungen in Richtung Afghanistan verschifft.

Die "unglücklichen Umstände" unter denen es laut Parkin zu diesen Verlusten kam, sahen typischerweise so aus wie am 13.Oktober im UNICEF-Büro von Kandahar. Um neun Uhr Ortszeit seien bewaffnete Männer mit Turbanen aufgetaucht, berichtete der Office Guard ans UNICEF-Hauptquartier. Mit einer Codan-Basisstation und allen Laptops seien sie danach wieder abgezogen. Ähnliche Szenen spielten sich zwei Tage später in den Büros von OMAR, einer internationalen Hilfsorganisation für Landminenopfer in Mazar-e Sharif und anderen Orten ab.

Diese Überfälle auf an sich sakrosankte Hilfsorganisationen waren keineswegs Einzelaktionen frustrierter Kämpfer, sondern geschahen nach einem genau festgelegten Plan. Ganz offensichtlich hatten die Militärstrategen von Taliban/Al-Qaida von vornherein geplant, die zivilen Codan-Anlagen bei Kriegsausbruch systematisch zur Tarnung der eigenen Kommunikation einzusetzen.

Den USA, die das Land funktechnisch vollständig kontrollierten, sollte die Identifikation der Ziele möglichst erschwert werden. Dass seitens der Taliban immer mehr Codan-Radios zum Einsatz kamen, die mit der Kennung internationaler Hilfsorganisationen operierten, machte für die US-Aufklärung alles noch komplizierter. Dass diese Strategie wenigstens zu Beginn des Kriegs durchaus erfolgreich war, belegen die zahlreichen Bombentreffer auf Einrichtungen der UNO und anderer Hilfsorganisationen.

Am 8. Oktober wurde etwa das in einem Dorf nahe Kabul gelegene Gebäude der Afghan Technical Consultants - eines technischen Hilfswerks, das im Auftrag der UNO operiert - durch einen US-Marschflugkörper vollständig zerstört. Auslöser dieses Fehlangriffs, bei dem vier afghanische Techniker starben, war die im Gebäude befindliche Codan-Basisstation.

Zahlreiche Fehlschläge dieser Art hatten zur Folge, dass bereits frei gegebene Ziele von der US-Aufklärung wieder gesperrt werden mussten. Dies schlug sich in Fernsehbildern von Kampfflugzeugen nieder, die mit voller Bombenlast zurückkehren mussten, und war vermutlich auch für das Wochen lange Stocken der US-Offensive zu Beginn des Kriegs mit verantwortlich.

Die HF-SSB-Systeme [High Frequency Single Side Band] von Codan sind kaum gezielt zu stören, da sie in verschiedenen Bändern quer über den gesamten Kurzwellenbereich [zwei bis 30 MHz] arbeiten. Das in Kriegszeiten seit Beginn der drahtlosen Kommunikation übliche Jamming hätte zudem die Kommunikation der Hilfsorganisationen schwer beeinträchtigt.

SSB-Funk auf Kurzwelle wird seit Jahrzehnten von Funkamateuren benutzt, die Modulation der Sprache ist ähnlich wie bei konventionellem Rundfunk. Um mit dem gleichen Energieaufwand höhere Reichweiten zu erzielen, wird allerdings nur ein Seitenband moduliert. Dies geht auf Kosten der Übertragungsqualität. Die Sendestärke der Codan-Basisstationen mit bis zu einem Kilowatt ermöglicht Reichweiten von mehreren tausend Kilometern. Die Handsets werden typischerweise bei Hilfstransporten als lokales Kommunikationsmittel verwendet.

Auch von Nichttechnikern können über ein grafisches Interface mehrere Subnetze aus bis zu 400 Sprachkanälen gebildet werden. Dieses Grundnetz aus Basisstation, mobilen Einheiten auf Geländewagen und Walkie-Talkies kann sowohl mit herkömmlichen Telefonnetzen oder mit Satelliten-Uplinks verbunden werden.

"High-speed data mode"

Über diese der konventionellen Telefonie recht ähnlichen Netze lassen sich auch Daten transportieren. Spitzenwert dieses "High-speed data mode" ist nach Angaben des Herstellers allerdings eine theoretische Übertragungsrate von sechs Kbit/sec, die im realen Betrieb so gut wie nie erreicht wird. Realistisch in diesem "schmutzigsten" aller Wellenbereiche - von elektrischen Geräten aller Art bis zu Gewittern wird die Kurzwelle aus vielen Quellen massiv gestört - sind Raten von um die tausend Bit.

Geschützt ist diese Kommunikation allerdings nicht. Die "Single Sideband Band" [SSB]-Modulation für Sprache beherrscht jedes bessere Kurzwellengerät, eine Verschlüsselung "on the air" gibt es auch beim Datenfunk nicht. Damit ist der Codan-Funk wie alle ähnlichen Betriebsarten auch inhaltlich eine relativ einfache Beute für das ECHELON-System der Amerikaner.

Natürlich ist es auch über Kurzwellenfunk möglich, ein relativ sicheres, aber extrem langsam arbeitendes Netz zu konstruieren, dessen Kommunikation verschlüsselt ist. Dass Taliban/Al-Qaida dies mit hoher Sicherheit gar nicht erst versucht haben, hat einen einfachen Grund: Die Hilfsorganisationen, in deren "Funkschatten" die Taliban operierten, verwenden Verschlüsselung praktisch nie. Die Tarnung hätte damit nicht funktioniert, verschlüsselte Botschaften per Datenfunk hätten US-Bomben und Marschflugkörper geradezu magisch angezogen. (Ergänzung vom 18.12.)

Erich Moechel ist Redakteur von Futurezone.

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