Implantierbare Chips zur Identifizierung

19.12.2001

In einer abgespeckten Version kommt nun der "Digitale Engel" auf den Markt

Ideen werden viele entwickelt, wie sich die Sicherheit verbessern und die Überwachung vergrößern ließe. Nach dem 11.9. können auch entsprechende Vorschläge besser durchgesetzt werden, und manche Unternehmen, die in der Sicherheitsbranche tätig sind, erwarten sich eine goldene Zukunft. Das trifft auch auf Applied Digital Solution mit ihrem "Digital Angel" zu. Erst einmal hatte man zwar den lange angekündigten implantierbaren GPS-Chip klammheimlich verschwinden lassen und auf Produkte wie Armbanduhren oder Halsbänder für Hunde gesetzt, die Bio- und Lokalisierungsdaten senden (Der Digitale Engel ist da). In der aktuellen Stimmungslage und angesichts der schlechten Geschäfte forciert man jetzt aber doch wieder Chip, den Menschen sich unter die Haut einsetzen lassen können, allerdings noch ohne den GPS-Empfänger und einen Sender.

Seit September ist die Welt anders, zumindest was die Bereitschaft angeht, Überwachung zu erweitern und sie zu akzeptieren. Als Applied Digital Solution (ADS) einst das Patent für den implantierbaren Chip mit GPS-Empfänger zur Lokalisierung und zur Übermittlung von Biodaten des Trägers erwarb, dachte man sich noch, damit neben Anwendungen im medizinischen Bereich oder für gefährdete Personengruppen vornehmlich eine fälschungssichere Identifizierungsmöglichkeit für den Einkauf als Ersatz von Kreditkarten oder anderen Ausweisen entwickelt zu haben (Die Digitalen Engel kommen). Erst vor kurzem) wurde von dem Unternehmen noch abgestritten, dass man mit den Chips Tests an Menschen durchführen wolle. Die Gerüchte waren allerdings doch richtig.

Noch können solche implantierbaren Chips in Erbsengröße in den USA nicht auf den Markt gebracht werden, da sie medizinisch wie Herzschrittmacher zunächst von der Food and Drug Administration geprüft werden müssen. Dazu sind klinische Tests notwendig. Bei ADS hofft man, die Zulassung bis zur Mitte des nächsten Jahres erhalten zu können. In Südamerika will man aber schon in drei Monaten mit dem Verkauf beginnen, da hier keine Genehmigung erforderlich ist. Hier denkt man womöglich vornehmlich an Menschen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie entführt werden könnten. Allerdings hätte ein solcher Chip nur dann Sinn, wenn sich über GPS der Aufenthaltsort des Opfers feststellen ließe. Sollten sich derartige Chips tatsächlich durchsetzen, so darf man dann aber auch annehmen, dass Entführer und Geiselnehmer mit vielleicht nicht angenehmen Mitteln nach ihnen suchen werden.

Erst einmal hat sich nun der Arzt Richard Seelig einen Chip in die Hüfte und einen weiteren in einen Arm eingepflanzt, wie die Los Angeles Times berichtet. Nachdem er bei Rettungsarbeitern und Feuerwehrleuten am WTC gesehen hatte, die sich ihre Namen und Sozialversicherungsnummern auf ihre Arme geschrieben hatten, um bei einem Unfall identifiziert werden zu können, wollte er den Chip testen und ließ ihn sich im September injizieren. Im Augenblick sind auf ihnen nur Seriennummern gespeichert. Zunächst haben sie noch keine interne Energieversorgung und können nur mit einem Scanner abgelesen werden. Zu sehen sei von dem Chip mit einer winzigen Antenne außen an der Haut nichts, spüren würde man ihn auch nicht.

Auch wenn für das Unternehmen der Einsatz des Chips als fälschungssichere Identifizierungsmethode oder als implantiertes Ausweis trotz aller konkurrierenden biometrischen Methoden bestehen bleibt, denkt man zunächst einmal wieder an kranke Menschen, um den "Digitalen Engel" gesellschaftsfähig zu machen. Während man für die mit dem GPS verbundenen Uhren an verwirrte Alzheimer-Patienten oder Kinder gedacht hat, um sie lokalisieren zu können, sollen Menschen mit künstlichen Gliedern oder Organen zu den Pionieren der implantierten Ausweise werden. Bei einem Notfall würde der Chip Informationen wie wichtige medizinische Daten sowie den Namen und Telefonnummern, beispielsweise von den Familienangehörigen oder vom behandelnden Arzt, mitteilen können. Er könnte auch einen Code enthalten, um Informationen von einer Datenbank abrufen zu können. Mit einem Scanner könnten diese Daten bis zu einer Entfernung von einem Meter gelesen werden. Und man fragt sich natürlich bei solchen Vorstellungen auch gleich, wie verhindert werden könnte, dass die Daten von Unbefugten abgelesen werden könnten.

Angeblich hätten sich für diesen Chip bereits Gefängnisbehörden interessiert. Allerdings dürfte eine elektronische Fessel, die man mittels eines chirurgischen Eingriffs dauerhaft implantiert, nicht ohne rechtliche Schwierigkeiten sein. Und ob sich Angestellte in Sicherheitsbereichen wie Flughäfen oder Atomkraftwerken tatsächlich solche Chips unter die Haut setzen lassen, um identifiziert zu werden, darf doch bezweifelt werden. Und eine derartige Überwachung von Kindern, die ADS für die GPS-Chips als weiteren Markt neben den alten Menschen betrachten und die ihr Einverständnis gar nicht geben können, würde zumindest deutlich machen, dass bei aller Terrorhysterie hier eindeutig Sicherheit und Überwachung über Freiheit triumphiert. Die GPS-Chips, die auch physiologische Daten erfassen und versenden können, setzten natürlich eine Energieversorgung voraus. ADS entwickelt im Augenblick Hitzezellen, die Wärme in Energie umsetzen. Bis diese Chips auf den Markt kommen werden, falls dies überhaupt geschieht und man nicht eher bei wearable computing bleibt, bei dem Minicomputer, Sender und Sensoren nur in der Kleidung am Körper mitegeführt werden, dürfte es noch einige Jahre dauern.

Ob die Menschen allerdings langfristig den "Digitalen Engel" als permanent überwachenden "Großen Bruder" empfinden oder sie sich, angefangen bei der Mitführung von Handys zur Dauerpräsenz und Lokalisierung, allmählich daran gewöhnen, in einer vernetzten Welt stets beobachtet zu werden, muss man abwarten. Der "Digitale Engel", der unter die Haut wandert und den Menschen zu einem Knoten im Netz macht, wäre jedenfalls ein Anlass, über die allmählich sich durch die digitalen und vernetzten Technologien verändernden Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatheit oder Anonymität und Kenntlichkeit nachzudenken.

Ob dies der britische Kybernetikprofessor Kevin Warwick, der sich bereits vor drei Jahren mit großem Medienrummel vorübergehend einen Chip implantieren ließ, auch will oder ob er vor allem die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich lenken will, sei dahin gestellt (Der Forscher als Publicity Stuntman). Er denkt mittlerweile über erart banale Dinge wie den Digitalen Engel von ADS hinaus. Vorgeführt hatte er seiner Zeit, wie über den Chip gesteuert in seinem Institut die Türen aufgingen oder sich das Licht anschaltete, wenn er als berechtigte und identifizierte Person herumspazierte. So ließ sich denn auch stets in diesem intelligenten Haus mit Bewohner erkennen, wo er sich gerade aufhielt. Seit geraumer Zeit kündigte Warwick bereits einen "telepathischen Chip" an, um neuronale Impulse von einem Menschen auf einen anderen zu übertragen (Kommunizieren von einem Nervensystem zum anderen). Da scheint es allerdings noch Schwierigkeiten bei der Kommunikation zu geben ...

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Anzeige
Cover

Cold War Leaks

Geheimnisvolles und Geheimdienstliches aus dem Kalten Krieg

Bedrohungen des globalen Dorfes

Florian Rötzer

"Sechs Milliarden Menschen stellen in einer globalen Welt einen idealen Nährboden für die Mikroben dar"

weiterlesen
bilder

seen.by

Anzeige

TELEPOLIS