Neue Lügendetektor-Technologie zur Terroristenabwehr

Peter Riedlberger 03.01.2002

"Haben Sie eine Bombe im Gepäck oder wollen Sie eventuell das Flugzeug entführen?"

Auch Sicherheitsfanatiker müssen einsehen, dass man nicht jeden Fluggast vor dem Einsteigen an den Polygraphen (vulgo: Lügendetektor bekannter Bauart) hängen kann. Da kommen drei amerikanische Forscher mit einer neuen Technologie gerade recht.

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Polygraphen kennt man hierzulande nur aus amerikanischen Krimis: Der Befragte wird erst verdrahtet, bekommt dann ein paar Probefragen, um sein Standardniveau in Sachen Atmung, Puls, Blutdruck und Hautwiderstand zu messen und wird dann den Fragen unterzogen. Die eigentlichen Daten bedürfen dann der Auswertung durch den Spezialisten. Und die Resultate sind nicht allzu beindruckend: Oft kann man nicht entscheiden, ob der Befragte lügt oder nicht, und vermutlich in mehr als 10% der Fälle ist das Ergebnis schlichtweg verkehrt. Gott sei Dank also, dass wir die Polygraphen nur aus den Krimis kennen.

Wie die drei amerikanischen Forscher Ioannis Pavlidis, Norman L. Eberhardt und James A. Levine in der aktuellen Nature berichten, haben sie Grundlagenforschung für eine andere Art von Lügendetektor betrieben. Dieser neue Lügendetektor macht thermische Bilder des Gesichtsbereichs um die Augen. Wenn jemand lügt oder verblüfft (wie die Autoren selbst schreiben) ist, soll es hier zu einer geringfügigen Erwärmung aufgrund des erhöhten Blutflusses kommen. Als Ursache wird eine Furcht/Flucht-Reaktion des Sympathischen Nervensystems angenommen. Das Bild zeigt eine Person vor der Frage (a) und dann nach der Lüge (b).

Die Forscher schätzen an ihrem System, dass es keinen physischen Kontakt zur Testperson erfordert und keinen Experten zu Auswertung. Ideal also zur Terroristenabwehr, und genau so argumentieren auch die drei Autoren in ihrem Nature-Artikel.

Der Feldversuch fand im Polygrapheninstitut des amerikanischen Verteidigungsministeriums statt. Testpersonen sollten eine Schaufensterpuppe erdolchen, 20 Dollar klauen und dann auf ihrer Unschuld beharren. Eine "unschuldige" Kontrollgruppe sollte ebenfalls ihre Unschuld deklarieren. 75% (6 von 8) der "Schuldigen" wurde korrekt eingeordnet, 90% (11 von 12) der "Unschuldigen" auch. Die drei Forscher sind stolz auf diese Erfolgsziffer, die nicht schlechter als ein traditioneller Polygraph ist (auch der kam zum Einsatz: 6 von 8 Schuldigen erkannt, nur 8 von 12 Unschuldigen korrekt eingeordnet - vor allem letztere Zahl sollte Bauchschmerzen verursachen).

Doch bei näherer Betrachtung ist das Ganze ein Witz: Bei einer derart hohen Fehlerrate ist das Prinzip unbrauchbar. Man stelle sich vor, am Flughafen würde gefragt: "Haben Sie eine Bombe im Gepäck oder wollen Sie eventuell das Flugzeug entführen?", und bei jedem 12. käme heraus, dass sein "Nein!" eine Lüge sei. Zudem muss es Angst machen, dass dieses Gerät auch von Nicht-Spezialisten zu "bedienen" ist. Eine thermische Kamera könnte sich dann auch jeder Personalchef installieren. Und angenommen, der Traum-Bewerber besteht die Frage "Plappern Sie öfter mit Ihrer Freundin über Firmengeheimnisse?" nicht: Was soll der Personalchef tun? Seine Intuition über die Maschine stellen und damit die Verantwortung auf sich nehmen, wenn doch etwas geschieht? Dies sind keine paranoiden Gedanken: Das FBI benutzt schon heute Lügendetektortests vor der Einstellung, und in Amerika beginnt ein Diskurs, ob man dies auch für Angestellte von Fluglinien einführen sollte. Ein solch leicht bedienbarer und genauso schlechter Lügendetektor würde zu einer massiven Ausweitung auf alle Bereiche führen.

Umgekehrt wäre es interessant zu wissen, ob das Nicht-Erkanntwerden (immerhin 25% im Testfeld) rein zufallsverteilt ist oder angeboren bzw. trainierbar ist. Wenn Letzeres der Fall ist, dann entwertet sich das System für hochsicherheitsrelevante Bereiche ohnehin. Denn saudische Multi-Millionäre hätten durchaus das Geld, "coole" Terroristen auszuwählen oder derart auszubilden.

Es sollte auch nicht verwundern, wenn die Fehlerrate bei den "Unschuldigen" bei weiteren Tests noch schlechter wird. Denn wie die Autoren selbst schreiben, wird dieselbe thermische Reaktion bei Verwunderung ausgelöst. Und gerade Verwunderung dürfte sich bei mancher unerwarteter Frage ("Haben Sie die 20 Dollar gestohlen?" --- "Häh ??????? Nee, nicht dass ich wüsste") einstellen.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11474/1.html
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