Napsterisierung vs. Venterisierung

03.01.2002

Die Chancen für den Abschluss eines "Informationsfriedens" zwischen Verwertungsindustrie und Nutzergemeinde stehen schlecht

Der Informationswissenschaftler Rainer Kuhlen sieht keine dauerhafte Lösung für den heftigen Zusammenprall zwischen den Praktiken des freien Informationstauschs in elektronischen Kommunikationsumgebungen und den kommerziellen Verwertungsinteressen der Industrie am Horizont. Die flächendeckende Einführung von Kontrolltechnologien wie dem Digital Rights Management könnte seiner Meinung nach den Konflikt noch verschärfen.

Laut Kuhlen, der seinen Lehrstuhl an der Uni Konstanz hat und auch im Rahmen der UNESCO tätig ist, stehen sich zwei Bausteine einer Ökonomie des Wissens im digitalen Zeitalter gegenüber. Die eine Bewegung lässt sich am griffigsten mit dem Schlagwort der "Napsterisierung" umschreiben. Darunter versteht der Informationswissenschaftler "den Vorgang der weit gehend ungehinderten Aneignung und Verteilung von Wissen" beziehungsweise das Prinzip der "Vergesellschaftlichung von Wissen". Damit verknüpft sei ein neues Organisations- und Geschäftsmodell, das auf Information Sharing und dem verteilten Abruf von Informationen beruht.

Die an sich positive Kraft der Napsterisierung habe aber aufgrund zahlreicher Kampagnen und Gerichtsverfahren der Musikindustrie ein Geschmäckle bekommen. Obwohl es dabei zunächst darum gehe, Wissen öffentlich zugänglich zu halten und die Logik der in digitalen Netzwerken gegen Null gehenden Transaktionskosten zu nutzen, werde Napsterisierung oftmals als Synomym für Piraterie verwendet. Dabei werde impliziert, dass File Sharing als Verstoß gegen bestehende Gesetze oder sogar ethische Normen zu bewerten und entsprechend zu verfolgen sei.

Diese zweite Argumentationslinie geht von dem drohenden Verlust an Kontrolle über die Verwertung von Wissen aus. Sie hat ihre wichtigsten Vertreter naturgemäß in der Verwertungsindustrie. Die koppelt ihre Interessen allerdings Kuhlen zufolge geschickt mit denen der Produzenten, der viel beschworenen Urheber. Das habe den Vorteil, dass diese "moralisch als Wahrer des geistigen Eigentums nach vorne geschoben werden können."

Der Napsterisierung steht somit die "Venterisierung" entgegen. Die bezieht sich, so Kuhlen, selbstredend auf die Ziele der von Craig Venter gegründeten Firma Celera Genomics. Hauptanliegen der Venterisierer sei es, Wissen wie das über die Zusammensetzung des menschlichen Genoms in Produkte umsetzen. Das Stichwort sei somit gleichbedeutend mit der Kommerzialisierung und der Kontrolle von Information.

Radikalisierung der Kommerzialisierung von Wissen

Kuhlen sieht letztlich den "gesamten Markt" in dieser Tradition stehen. Momentan konstatiert er allerdings die "Radikalisierung der Kommerzialisierung von Wissen". Bisher geltende Regeln des "Fair Use", die Verwerter in vorgegebene Schranken weisen und Kompromisse wie das erlaubte Weitergeben von Büchern gestatteten, würden allenthalben außer Kraft gesetzt. Nicht zuletzt sei diese Bewegung auch in die EU-Richtlinie zur Neufassung des Urheberrechts eingeflossen, da auch die Politiker auf das von der Industrie gepushte Digital Rights Management (DRM) (Digitale Rechte und ihre Manager) setzen. Dadurch könne die Nutzung beliebiger Wissensprodukte erstmals genau abgerechnet und verfolgt werden. Die Grundlage der Verteilung von Macht wird damit für Kuhlen auf die Spitze getrieben.

Die beiden Pole der Napsterisierung und Venterisierung stehen sich dem Informationswissenschaftler zufolge nun nicht gänzlich wie Antipoden gegenüber. Durchaus gebe es Wechselwirkungen. "Alternative, dezentrale Verbreitungsformen finden bereits Eingang in die kommerzielle Verwertung", weiß Kuhlen und verweist auf die "Übernahme" der Musiktauschbörse Napster durch den Medienkonzern Bertelsmann oder die Entwicklung der inzwischen auch von Microsoft unterstützten Peer-to-Peer-Plattform Groove.

Als These führt der Forscher sogar die Behauptung ins Feld, dass die eigentliche Erfindungskraft, die Invention, zwar auf der Stufe der Napsterisierung zu finden sei, die auf den Markt zielende Innovation dagegen der Venterisierung bedürfe. Zumindest erscheint Kuhlen "die Napsterisierung die Basis der späteren Venterisierung zu sein." Die glücklichen File-Sharer würden damit der "gehassten" Verwerterindustrie letztlich doch wieder in die Arme spielen.

Eine echte Lösung für den skizzierten Konflikt sieht Kuhlen in seiner Migrationstheorie allerdings nicht. Vielmehr warnt er davor, dass Napsterisierer und Venterisierer weit vom Abschluss eines "Informationsfriedens" entfernt seien. "Wenn bestehende Urheberrechtsverwertungsregelungen einfach auf den Umgang mit Wissen in elektronischen Räumen übertragen werden, wird es keinen Frieden geben." Erst recht nicht, wenn einseitig die Schutzrechte der Industrie zuungusten der Interessen der Verbraucher verschärft würden und die Politiker dabei mit der Wirtschaft an einem Strang zögen.

Davon ist aber weiterhin auszugehen. In den USA etwa erwartet Eric Scheirer, Analyst beim Marktforschungsinstitut Forrester, dass dieses Jahr die Verbraucher selbst als "Piraten" verstärkt in die Schusslinie der Unterhaltungsindustrie geraten. Da der Kampf gegen Internetfirmen, über deren Netzwerke urheberrechtlich geschützte Werke ausgetauscht werden, nur teilweise erfolgreich gewesen sei, hätten die Verwerter nun "die Hobbyisten in ihren Garagen" im Visier. Scheirer schließt Gerichtsverfahren gegen normale Konsumenten daher nicht mehr aus.

Free heißt nicht immer kostenlos

Der Schuss könnte nach hinten losgehen. Wie die langen Gesichter der Millionenverluste schreibenden Medienkonzerne im Fall der E-Books zeigen, erweist sich auch das Beharren auf Kontrolltechnologien wie DRM momentan als kontraproduktiv. Die Zurückhaltung beim Kauf der digitalen Bücher führt Kuhlen zumindest mit auf die zu restriktiven Nutzungsbedingungen zurück. Die Industrie manövriere sich so in eine klassische Verlierersituation. Schließlich sei die künstliche Verknappung von Informationsgütern noch nie eine wirtschaftlich tragfähige Lösung gewesen, weiß der Informationsökonom: "Märkte werden umso größer, je offener und freizügiger die Nutzung und Verbreitung von Wissen betrieben werden kann."

Der in zahlreichen internationalen Konventionen und nationalen Verfassungen hoch gehaltene "free flow of information" erhalte so eine neue Bedeutung. Frei müsse dabei nicht immer kostenlos heißen, aber frei von Kontrolle. Mit diesem Gedanken im Hintergrund, tröstet Kuhlen die Medienwirtschaft, ließen sich mittelfristig auf Basis von Info-Sharing und der viel beschworenen "Mehrwertdienste" neue Geschäftsmodelle entwickeln.

Seine Thesen vertrat Kuhlen vor der Hackergemeinde auf dem 18. Chaos Communication Congress (Hacken zwischen Kriminalisierung und Mainstream) vergangene Woche. Den Verfechtern der Informationsfreiheit kamen die Ausführungen gerade recht, da sie sich als ausgewiesene Spezialisten im File-Sharing erwiesen: Während der dreitätigen Veranstaltung war das Hackernetzwerk der größte europäische Tauschknoten im Gnutella-Servergeflecht.

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