Klon-Schweine vor, noch ein Tor!

Die Ferkelchen, die am 25. Dezember zur Welt kamen, heißen Noel, Angel, Star, Joy und Mary. Ihnen fehlt das Gen, das sonst bei Xenotransplantationen vehemente Abwehrreaktionen im Menschen hervor ruft

Das britische Unternehmen PPL Therapeutics verkündet stolz die Geburt der "Knock-out"-Schweine, nach eigenen Angaben "ein wichtiger Schritt in Richtung der Produktion von Tierorganen und -zellen für die Anwendung in der humanen Transplantation". PPL ist eine Tochtergesellschaft des Roslin Institutes in Schottland, wo das erste Klontier, das Schaf Dolly (Vgl. »Ein Klon von Saddam Hussein könnte ein richtig netter Kerl sein«), gezüchtet wurde. Gezielt genveränderte Schweine, die ebenfalls jeweils als "Knock-out"-Durchbruch angekündigt wurden, hatte das Unternehmen bereits im vergangenen Jahr und im Frühjahr 2001 präsentiert (Vgl. Erste transgene Klonschweine). Zuerst waren Gen-Marker in die Tiere geklont worden, jetzt gelang es den Forschern, das Gen "Alpha 1,3 Galactosyl Transferase" (GT) zu deaktivieren.

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Die Organe auch? (Bild: Bundesverband der Tierversuchsgegner)

Es sorgt im Körper der Paarhufer dafür, dass ein Enzym produziert wird, das ein auf der Oberfläche der Schweine-Zellen anhaftendes Zucker-Molekül herstellt, das vom menschlichen Organismus als fremd erkannt wird. Das humane Immunsystem erkennt es und schüttet daraufhin Antikörper aus. Es beginnt die Abstoßungsreaktion, um das Fremdorgan wieder loszuwerden. Diese vehemente Reaktion des menschlichen Immunsystems ist medizinisch das Haupthindernis auf dem Weg zur erfolgreichen Xenotransplantation.

Schweine sind die geeignetsten Kandidaten für die Übertragung von tierischem Gewebe auf den Menschen, Xenotransplantation genannt, weil ihr Stoffwechsel dem unseren sehr ähnlich ist (Vgl. Das Schwein als Organspender für den Menschen). Auch mikrobiologisch bietet sie eine relativ große Sicherheit und last but not least sind sie kostengünstig und gelten ethisch als weniger bedenklich als z.B. unsere engsten Verwandten, die Menschenaffen. Im Bereich der künstlichen Herzklappen sind die Prothesen mit tierischem Ursprungsmaterial als Xenograft bekannt und werden seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt. Noch im Experimentierstadium sind die Übertragung von Schweinehaut auf Patienten mit gravierenden Brandverletzungen oder von verkapselten Inselzellen (Insulin produzierenden Zellen) vom Schwein auf Diabeteskranke. Für den Diabetes-Bereich sollen die neuen Knock-out-Schweinchen so schnell wie möglich eingesetzt werden.

Die genmodifizierten Weihnachtsferkel von PPL sind aber noch keine perfekten Organbänke für den Menschen. Das Ausschalten des GT-Gens ist ein entscheidender Schritt, es müssen aber außerdem mindestens drei weitere Gene verändert werden, die an der Abstoßungsreaktion im Menschen noch beteiligt sind. Die Firma gehört zur Marktspitze in diesem Segment der Biotechnologie und sie schätzt, dass in etwa vier Jahren Schweine-Nieren, -Herzen, -Nieren oder -Lebern in Schwerstkranke transplantiert werden können. Alan Colman, Research Director bei PPl sieht das Unternehmen ganz vorne mit dabei, wenn es um die künftige Aufteilung des lukrativen Marktes geht:

Zusammen mit dem Roslin-Institute waren wir die ersten, die ein erwachsenes Säugetier geklont haben. PPL hat als erster Schweine geklont und jetzt sind wir die ersten, die das Ausschalten des Alpha 1,3 GT-Gens berichten können. Mit dieser Entwicklung ist die höchste technische und wissenschaftliche Hürde überwunden. Xenotransplantation ist kein Versprechen mehr, sondern eine Realität und hat das Potenzial, die Transplantations-Industrie zu revolutionieren.

Der Markt für Organe von Tieren soll mehr als 5 Milliarden Dollar wert sein, dazu kommen weitere 6 Milliarden, die sich PPl mit dem Verkauf von Xeno-Zelltherapien für Diabetiker, Parkinson- und Alzheimer-Patienten verdienen möchte. Frühe Erfolge zu verkünden, sichert ein Stück vom Kuchen. Die Aktie von PPL machte nach der Pressemitteilung über die genmanipulierten Ferkel einen Kurssprung von 20%.

Bisher gibt es jedoch noch keinerlei Erfahrungen, was die Organe geklonter Tiere im menschlichen Körper alles bewirken könnten. Die Erfahrungen mit Klontieren zeigen, dass viele krank sind oder frühzeitig sterben, selbst wenn sie auf den ersten Blick gesund zu sein scheinen (Vgl. Epigenetische Veränderungen sind für Missbildungen bei Klontieren verantwortlich). Auch Klonschaf Dolly hat, wie gerade bekannt wurde, mit Arthritis zu kämpfen, was wieder neue Bedenken schürt.

Die Bundesärztekammer verweist in ihrer entsprechenden Erklärung mehrfach darauf, dass Xenotransplantation keine Therapie, sondern ein Versuch ist, der ausschließlich im Fall totaler Aussichtslosigkeit angewandt werden darf:

Im ersten Stadium der klinischen Anwendung, die ohnehin nur als Ultima Ratio in Betracht kommen kann, ist die Xenotransplantation als Versuch am Menschen zu betrachten. Da die Xenotransplantation die Gesundheit des einzelnen Patienten unmittelbar zu fördern versucht, zurzeit jedoch noch eines großen wissenschaftlichen Untersuchungsaufwands bedarf, handelt es sich um biomedizinische Forschung am Menschen gemäß § 15 (Muster-)Berufsordnung, die im Sinne der Deklaration von HelsinkiTokyo wegen der komplexen medizinischen, rechtlichen und ethischen Aspekte die vorherige Einschaltung der Ethikkommission erfordert.

Die Kritiker der Xenotransplantation haben sich längst formiert, international haben sie sich in der Non-Profit-Organisation The Campaign for Responsible Transplantation zusammen geschlossen. Auf ihrer Website findet man einen langen Katalog von Gründen, warum wir besser keine schweinischen Organersatzlager züchten sollten.

Vernünftiger als die aufwändige Genveränderung von Schweinen wäre sicher eine weitere Förderung der Organspendenbereitschaft der Bevölkerung (Organspenderausweis und Informationen beim Arbeitskreis Organspende). In Deutschland wurden 2001 ca. 10 % mehr Organe eingepflanzt als im Vorjahr, die Spenderbereitschaft nahm sogar um 20% zu. Trotzdem gehört die Bundesrepublik mit 12,7 Organspenden pro Million Einwohnern immer noch zu den Schlusslichtern in der europäischen Statistik. Die Spende der eigenen Organe nach dem Tod ist der beste Weg, um die Schwerkranken zu retten, die jedes Jahr sterben müssen, weil kein Ersatzorgan für sie zur Verfügung steht.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11486/1.html
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