Pirna: Der alltägliche Rassismus

12.01.2002

Ausländer nur in Begleitung ins Geschäft

Es gibt in Deutschland die blödesten Schilder. Mal werden auf ihnen Männer aufgefordert, doch bitteschön im Sitzen zu urinieren. Dann dürfen Hunde nicht an die Fleischtheke. Und bisweilen ist sogar das Betreten des Rasens verboten. Und nun hat es unsere Ausländer erwischt.

Im sächsischen Pirna in einer Drogerie, die ausgerechnet an der Rosa-Luxemburg-Straße liegt. Dort stand nämlich mehrere Wochen lang und noch bis vor wenigen Tagen am Eingang ein Schild, auf dem Folgendes zu lesen war:

"Ausländer haben hier zu warten! Sie können Ihre Wünsche äußern. Unmittelbar in das Geschäft nur noch mit Begleitperson. (Mitarbeiter, Chefin)"

Aufgeregt hat sich darüber kaum einer, Ausländer sind in dem 40.000 Einwohnerkaff eh mit einem Anteil von 1,25 Prozent nur eine verschwindend kleine Minderheit. Vor der man sich dann aber doch als sächsischer Kleinbürger offenbar ein wenig fürchtet.

Als Begründung für ihre seltsame Aktion nannte die Inhaberin, deutsch und 62 Jahre alt, nämlich das ungestüme Temperament und die in Pirna bekannte Diebeslust der Ausländer. "Weil sie stürmisch sind und schnell etwas herunterreißen. Die lassen auch mal was mitgehen, das mögen wir nicht", sagte sie der Sächsischen Zeitung. Und betonte ausdrücklich, dass sie kein Ausländerfeind sei. "Hier dürfen alle rein, ob sie schwarz, braun oder weiß sind." Und vermutlich dürfen sogar Juden in die sächsische Drogerie.

Auch der zuständigen Stadtverwaltung war der Vorgang ziemlich egal, schließlich hat man dort ganz andere Sorgen - wie wir Pirnas Netzseite entnehmen durften:

PRESSEMITTEILUNG Nr. 2001-237
Vandalismus
Im Zeitraum vom 8. zum 9.12.2001 wurden in Pirna auf der Grohmannstraße zehn Pollerleuchten mutwillig zerstört.
Diese Leuchten waren schon mehrfach Ziel von zerstörungswütigen Mitbürgern. Die Kosten für eine Leuchte betragen ca. 800,-DM. Im Zusammenhang mit der angespannten Haushaltssituation werden diese Leuchten nunmehr ersatzlos demontiert. Damit fällt wieder ein Schmuckstück dem Vandalismus zum Opfer. Es ist völlig unverständlich, dass Einzelne sich mit Zerstörungswut hervortun und niemand bemerkt etwas davon. Nun ist es an der Zeit, solchen Taten energisch entgegen zu treten. Es wurde Anzeige gegen Unbekannt erstattet.
Frank Peuckert
Amtsleiter Kommunale Dienste

Statt wie im Fall der mutwillig zerstörten Pollerleuchten auch dem offenen Rassismus einer Ladenbesitzerin "energisch entgegen zu treten", zeigte man sich lieber kompromissbereit. Nach einer Beschwerde einer Dresdnerin sprach man kurz mit der Ladeninhaberin. Weil die bereit war, der Frau einen Brief zu schreiben, um das aufgetretene "Missverständnis" auszuräumen, war die Sache erledigt. Das eindeutige Schild blieb also hängen, mit Wissen der Stadtverwaltung, die erst reagierte, als vor wenigen Tagen die Sächsische Zeitung deswegen aktiv wurde.

Danach ging alles ganz schnell, das Schild verschwand und wird hoffentlich bald durch ein neues ersetzt. Das steht dann aber vor dem Rathaus und erläutert in einem Satz den mentalen Zustand der Insassen: "Denken ist bei uns von Amts wegen verboten!"

Kommentarlos wurde auch das Gästebuch (www.pirna.de/guestbook) vom Netz genommen, in dem sich nach Bekanntwerden des Falls heftige Diskussionen abspielten. Da kam uns die Gemeinde leider zuvor.

PS: Und weil im Netz so schnell etwas nicht wirklich durch Löschen rückgängig gemacht werden kann, hat inzwischen ein Leser im Forum die abgespeicherten Inhalte zugänglich gemacht.

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