Proteste gegen Johansen-Anklage

15.01.2002

Der Symbolfigur des DeCSS-Streits droht Gefängnisstrafe in Norwegen

Ende letzter Woche hat die Auseinandersetzung um das DVD-Entschlüsselungsprogramm DeCSS durch die Anklage des 18-jährigen Crackers Jon Johansen noch einmal unerwartete Aktualität bekommen. Sollte Johansen verurteilt werden, drohen ihm bis zu zwei Jahre Haft. Bereits kurz nach der Anklage gab es Proteste der Netz-Community.

Kurz nach seinem 18. Geburtstag wurde der durch DeCSS berühmt gewordene Cracker Jon Johansen vor wenigen Tagen von der norwegischen Behörde für Umwelt- und Wirtschaftsverbrechen angeklagt. Vorgeworfen wird ihm ein Verstoß gegen Paragraph 145(2) des norwegischen Strafgesetzbuches, der das Knacken von gesicherten Daten verbietet. Gegenüber The Register erklärte Johansens Anwalt, bisher sei dieses Gesetz in erster Linie bei Einbrüchen in fremde Bankkonten angewendet worden. Dies sei das erste Mal, dass man es auf verschlüsselte Dokumente anwende.

Bereits kurz nach der Anklage gab es weltweite Proteste. So organisierte die Organisation Electronic Frontier Norway eine Demonstration vor dem Gebäude der Behörde für Umwelt- und Wirtschaftskriminalität (Photos). Die Electronic Frontier Foundation sagte ebenfalls ihre Unterstützung zu. Deren Anwalt Robin Gross erklärte dazu:

"Johansen darf nicht dafür verurteilt werden, dass er sein Eigentum geknackt hat. Jon wollte einfach nur seine eigenen DVDs auf seinem Linux-Rechner anschauen."

Der Mythos des Teenage-Hackers

Der "DVD-Hacker" Johansen ist zu einem guten Teil ein Produkt der Medien. Nicht Johansen, sondern ein anonymer deutscher Cracker entdeckte im Sommer 1999, dass der CSS-Key des Xing-Software-Players nicht ausreichend geschützt war. Die Ergebnisse wurden intern ausgetauscht, wenig später veröffentlichte die Cracker-Gruppe Masters of Reverse Engineering (MoRE) das DeCSS-Programm zum Entschlüsseln der mit CSS geschützten DVDs. Johansen ist Teil der MoRE-Gruppe, hat jedoch stets betont, dass er DeCSS nicht allein geschrieben hat und mit dem Crack selbst nichts zu tun hat. Doch 15-jährige Hacker, die quasi im Alleingang eines der wichtigsten Projekte Hollywoods zunichte machen, ergeben natürlich eine schönere Story.

So konnte sich Johansen kaum dagegen wehren, stets als "Kid behind the DVD crack" (CNN) gehandelt zu werden. Auch staatliche Stellen zeigen sich deshalb schon seit längerem an ihm interessiert. In den USA wurde er lediglich als Zeuge für den Prozess gegen 2600-Herausgeber Eric Corley geladen, in der Heimat ging man allerdings weniger freundlich mit ihm um. Bereits Anfang 2000 wurde das Haus seiner Eltern durchsucht. Handy und Computer wurden beschlagnahmt, und Johansen musste in einem mehrstündigen Verhör Rede und Antwort stehen. Vor mehr als zwei Jahren war der DVD-Kopierschutz-Lizenzgeber DVD CCA mit einem Brief an die norwegischen Behörden herangetreten, um eine Anklage Johansens zu erwirken. Dass sie damit jetzt schlussendlich doch noch Erfolg haben, sorgt bei der EFF-Direktorin für Rechtsangelegenheiten Cindy Cohn für Empörung:

"Die Filmstudios haben die Urheberrechte dazu benutzt, Wissenschaftler zum Schweigen zu bringen und Journalisten zu zensieren. Nun haben sie ihren Konsumenten den Krieg erklärt."

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