Geheimdienstkrämerei

15.01.2002

Der schmale Grat zwischen Weltverschwörung und Bedenken

Zugegeben, es gibt Unkomplizierteres: "Unbequeme Fragen zu einem unerklärten Krieg - Die Rolle der westlichen Geheimdienste beim 11. September", so das Thema eines Abends mit Andreas von Bülow in Aachen. Frage: Was hat der CIA über die Planung der Terroranschläge gewusst und ist er darin verstrickt? Der Referent musste passen: "Das weiß vermutlich noch nicht einmal der amerikanische Präsident." Geheimdienste seien "Manipulationsdienste", lancierten verfälschte Nachrichten in die Öffentlichkeit und beeinflussten so die Politik. Gesichert sei indes, dass weltweit alle Geheimdienste seit den Terrorakten wieder eine Legitimation hätten und hochgerüstet würden.

Foto: Michael Klarmann

Rund einhundert Interessierte hatte es am Montag auf Einladung des "Anti-Kriegs-Bündnis Aachen" ins "Che Haus" der Kaiserstadt gezogen. Wer um die Interviews mit von Bülow in Konkret und dem Tagesspiegel über die Terroranschläge und Hintergründe des Al Qaida-Netzwerk wusste, ahnte, dass es kein heiterer Abend werden konnte. Der 64-Jährige hat in seinem Buch "Im Namen des Staates" die Machenschaften der Geheimdienste beschrieben. Er war von 1980 bis 1982 Forschungsminister im Kabinett von Helmut Schmidt, 25 Jahre SPD-Abgeordneter im Bundestag, Mitglied der Parlamentarischen Kontrollkommission und von 1976 bis 1980 Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium. Kurz: ein Insider, und solche verirren sich aus der Politikerriege sehr selten ins "Che".

Mit Hilfe der entsetzlichen Anschläge sind die westlichen Massendemokratien einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Das Feindbild des Antikommunismus taugt nicht mehr, es soll durch die Völker muslimischen Glaubens ersetzt werden. (...) Die Idee mit dem Feindbild (...) kommt von Zbigniew Brzezinski und Samuel Huntington, zwei Vordenkern amerikanischer Geheimdienst- und Außenpolitik. Schon Mitte der 90er Jahre meinte Huntington, die Menschen in Europa und den USA bräuchten jemanden, den sie hassen könnten - das stärke die Identifikation mit der eigenen Gesellschaft.

Andreas von Bülow imTagesspiegel

Er mache sich keine Verschwörungstheorien zu nutzen, so von Bülow am Montag. Festzustellen sei aber, dass eine "logistische Meisterleistung" wie die Terroranschläge auf das World Trade Center und das Pentagon "nicht von Laien zu leisten" sei, so etwas benötige "eine tief greifende Organisation mit Insiderwissen". Der CIA, so der 64-Jährige, will von den Vorbereitungen der Anschläge nichts gewusst haben. Aber 48 Stunden nach der Tat hätte eine Liste von den Tätern und deren Lebensläufe, aufgefundene Beweisstücke und Usama Bin Ladin als Drahtzieher des mörderischen Terrors vorgelegen. Das sei merkwürdig, zumal die mutmaßlichen Selbstmordattentäter nicht auf den Fluglisten zu finden seien, unterdessen aber sieben von ihnen wieder lebendig aufgetaucht wären. Sollte etwa Verteidigungsminister Rudolf Scharping erneut Badeschlagzeilen machen, die Journalisten würden bis ins kleinste Detail recherchieren und darüber berichten; warum aber passiere dies nicht bei den Terroranschlägen vom 11. September?

Kaum eine der vielen Ungereimtheiten würde in den Medien publiziert, so von Bülow. Das alles würde dem demokratischen Meinungsbildungsprozess vorenthalten, und die Geheimdienste würden ihre Erkenntnisse und Materialien - angeblich aus Gründen des Quellenschutzes - selbst George W. Bush nur gefiltert vorlegen. Es gebe etwa Spekulationen darüber, dass die Flugzeuge dank eines in den 50er und 60er Jahren entwickelten Systems ferngesteuert wurden. Mit diesem System könnte bei Flugzeugentführungen die Maschine vom Boden aus unabhängig vom Piloten oder den Entführern gesteuert und sicher gelandet werden. Eine solche Bodensteuerung erlaube komplizierte Flugmanöver, sehr fraglich sei indes, ob die Selbstmordattentäter als "Hobbypiloten" zu solchen fähig gewesen seien. Stattgefunden aber hätten sie, etwa beim Anflug auf das Pentagon. Nur, wer hat wirklich gesteuert? Und wer steige heute noch freiwillig in ein Flugzeug, sollte so etwas möglich sein?

Selbst ein kritisches Publikum wie jenes im "Che" staunte nicht schlecht. Immerhin hatte von Bülow seinen Vortrag eingeleitet, dass eine der Kernaufgaben der Geheimdienste die Desinformation sei. Informationen und Nachrichten würden gesammelt und aus Gründen eigener Machtinteressen manipuliert weiter gegeben. Machtkämpfe zwischen den Diensten fänden nicht nur auf internationalem Parkett statt. Auch nationale Geheimdienste - von denen es in Amerika stolze 26 gebe - konkurrierten untereinander. Zudem gebe es internes Kompetenzgerangel, denn Agenten sind auch nur Menschen. Und es sei den Geheimdiensten möglich, sich gegenseitig etwas vorzugaukeln. Gezielt falsche Informationen könnten bei Überwachungsvorgängen ohne Wissen der Überwacher denselben untergejubelt werden. Schlimmstenfalls sei es zudem möglich, Attentäter zu aktivieren, die gar nicht wissen, dass sie Geheimdiensten zuarbeiten. Terroranschläge dienten dann nicht etwa dem vermeintlichen Freiheitskampf, sondern im Grunde genommen dem steuernden Geheimdienst und dessen Zielen. "Manchmal kann man auch gar nicht so weit denken", meint von Bülow, "so schrecklich ist das."

Foto: Michael Klarmann

Bin Laden ist ein Produkt der CIA, geschaffen zunächst im Kampf gegen die Sowjetunion. (...) Es ging um die Destabilisierung der UdSSR über ihre Teilstaaten mit muslimischer Bevölkerung. Noch bevor die Kommunisten 1978 in Afghanistan an die Macht kamen, hatte die CIA Unruhen in Afghanistan unterstützt. Die Zentralregierung wurde nicht Herr der Lage. Die Kommunisten kamen ans Ruder, scheiterten ebenfalls und holten die sowjetischen Truppen ins Land. Damit waren sie in die Falle gelaufen, die der damalige US-Sicherheitsberater Brzezinski sich ausgedacht hatte und mit deren Hilfe er ihnen ein russisches Vietnam bereiten wollte.

Andreas von Bülow in Konkret

Auf alle Details einzugehen, die von Bülow am 14. Januar referierte, würde den Rahmen sprengen. Er selbst hat schon vor dem 11. September einige hundert Seiten benötigt, um auf Geheimdienstverstrickungen einzugehen. Ernüchternd war die Feststellung der Vertreterin des Afghanischen Frauenrates, die angesichts von Bülows Ausführungen die "Hilflosigkeit des Einzelnen" benannte. Wie könnten sich überhaupt demokratische Gruppen für den Wiederaufbau Afghanistan engagieren, wenn selbst der CIA den Bundesnachrichtendienst (BND) - wie es von Bülow erläuterte - als Strohmann "missbraucht", ihn "mobbt" und die Bundesregierung der "manipulierten Beweismittelvorlage" eifrig folgt? Ein weiterer ernüchternder Moment war jener, als der Referent ausführte, jede Inszenierung ließe sich wiederholen, sollten ernsthaft die Täter angezweifelt werden, etwa von Regierungsstellen. Trotzdem Aufatmen: "Unsere Politik durchschaut das Geflecht nicht!"

Indes, eine Frage erörterte Andreas von Bülow nicht. Welche Rolle spielt er in jenem Spiel - möglicherweise unbewusst? Das merkte auch ein Besucher an und stellte "Che"-like klar: "Sie sind einer von denen, Sie haben deren Sozialisation" genossen. Von Bülow nahm es gelassen.

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