Netzöffner, Durchschalter, Lustknochen und ZZZent

17.01.2002

Schauen wir uns doch einmal an, was der Verein Deutsche Sprache so treibt

Das Ganze ging damit los, dass ich am 2. Januar in meiner Lieblingsmetzgerei einkauft und die junge Verkäuferin neben ein paar Euros auch noch prononcierte 15 "ZZZent" wollte. Na ja, Metzgereien sind die letzten Reservate von Bajuwarentum in der einstigen königlich-bayerischen Residenzstadt, und ich dachte mir nichts Böses, bis die Kassiererin im Supermarkt "einen Euro, zwei ZZZent" für die Tüte Gummibärchen wollte. Ich begann schon zu ahnen, dass etwas nicht stimmte, als die Lösung in Form einer Belehrung durch eine Freundin kam, die mich darauf hinwies, dass meine Aussprache "SSSent" falsch sei: Im Fernsehen sei gekommen, man dürfe nur "ZZZent" sagen.

Und siehe da: War doch eine Pressemitteilung vom Verein Deutsche Sprache e. V. an den deutschen Blätterwald gegangen, der sich frohlockend auf alles stürzte, weil man doch was zum Thema "Euro" schreiben musste. Besagte Pressemitteilung lautete:

Würdelose AnbiederungZur Einführung des Euro bittet der Dortmunder "Verein Deutsche Sprache" die Nachrichtensprecher des deutschen Rundfunks und Fernsehens, die neuen Zehntel-Euro-Münzen auf deutsche Weise auszusprechen. "Es reicht, wenn wir die DM aufgeben," so Vereinsvorsitzender Krämer gegenüber dpa. "Dann sollen wenigsten die Namen der Münzen deutsch gesprochen werden. Wir sehen in der etwa im ZDF verordneten amerikanischen Aussprache der neuen Cent-Münzen eine würdelose Anbiederung an eine fremde Sprache und Kultur."Der Cent kommt vom lateinischen centum = hundert; außerdem erinnert er an den deutschen "Zehnten." Aus beiden Gründen, so Krämer, sollte er deshalb Zent statt Ssent gesprochen werden. "Wenn es nicht so lächerlich klänge, würden manche Leute gern auch Juroh sagen. Gegen diese Amerikanisierung unserer Kultur müssen wir uns wehren."

Krämers Begründung ist nicht sehr stichhaltig. Mit derselben Argumentationslinie ließe sich die Aussprache "Kent" einfordern: Immerhin sprachen Leute wie Caesar, Cicero und ihre Zeitgenossen (mithin also die Jungs, die man in der Schule liest, wenn man überhaupt Latein liest) von "Kentum", nicht "Zentum" (eine Aussprache, die jenen römischen Aristokraten wohl "würdelos" und "lächerlich" vorgekommen wäre). Und außerdem erinnert "Kent" an das Deutsche Wort "Kentern". Vielleicht mag jetzt der geneigte Leser einwenden, dass "Kentern" nichts, aber auch rein gar nichts mit dem Hundertstel einer Währungseinheit zu tun hat.

Das ist wahr. "Zehnter" aber auch nicht. Denn neben dem semantischen Unterschied (ein Zehntel ist bekanntlich das Zehnfache eines Hundertstel) gibt es auch noch den etymologischen: Einerseits sind Hundert und Centum verwandt, andererseits Zehn und Decem. Kurz ist der Zusammenhang zwischen "Centum" einerseits, "Zehnter" und "Kentern" andrerseits der gleiche: Keiner.

Lustigerweise macht der "Verein Deutsche Sprache" keine klare Aussage zur Quantität (Vokallänge) seines "Zent". Der Vergleich mit "Zehnter" würde darauf schließen lassen, dass man gerne ein "Zeeeeeeent" hören wollte. Bizarr. Ob Krämer und Co. auch einen "Zeeentner" hören wollen und "Zentner" (der nun wirklich etymologisch direkt und semantisch entfernt mit Cent verwandt ist) als "würdelose Anbiederung" abtun würden?

Völlig mysteriös bleibt, was Krämer mit den neuen "Zehntel-Euro-Münzen" meint. Immerhin gilt: 100 Cent = 1 Euro. Oder meint er, dass man nur die 10-Cent-Stücke als "Zeeeeent" bezeichnen soll? Ich werde sie weiter "Zehnerl" nennen, wie ich schon die 10-Pfennig-Stücke nannte. Mysteriös, mysteriös.

Schauen wir uns doch einmal an, was der Verein Deutsche Sprache sonst so treibt. Da wird der Sprachhunzer des Monats verliehen, z. B. für so grauslig-unverständliche Ausdrücke wie "Starter Kit".

Sehen wir uns die Leitlinien an. Ich darf zitieren:

Der übermäßige Zustrom von Amerikanismen und Anglizismen führt zu Verstehens- und Verständigungsproblemen; dies gilt besonders für ältere Menschen und solche ohne ausreichende Kenntnis der englischen Sprache. Nach Artikel 3 Abs. 3 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland darf niemand wegen seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache usw. gesellschaftlich benachteiligt werden. Genau das findet aber heute in großem Umfange statt.

Dies zieht sich wie ein roter Faden durch alle Vereinstexte. Ich glaube, dass es keine Unterstellung wäre, wenn man behauptete, der Verein Deutsche Sprache sei fast ein Verein wider Anglizismen (der also kaum etwas gegen andere Übernahmen hat).

Mit bizarren Resultaten. Würde es unseren wackeren Sprachschützern in der Tat darum gehen, Menschen "ohne ausreichende Kenntnis der englischen Sprache" zu schützen, dann bleibt unklar, warum man diesen dann Fremdwörter anderer Provenienz zumuten wollte. Ich darf ein paar Beispiele aus der Wortlistevds-ev.de/denglisch/anglizismen/anglizismenliste.pdf des Vereins zitieren:

Make-up soll durch Kosmetik ersetzt werden (was eine griechische Wurzel hat),

Multitasking durch Parallelarbeit (lustig, dass der erste lateinische Wortteil durch einen griechischen Teil ersetzt wird - ist Griechisch deutscher als Latein? Warum nicht Multi-Aufgabenerledigung?)

Revival durch Renaissance (Im Zweifelsfall ist sogar Französisch besser als Englisch? À propos: Muss ich jetzt Renesanzzz sagen? Und wenn ich SSSSent wegen des Französischen und nicht wegend des Englischen sage, ist das dann auch verwerflich?)

Smiley durch Emoticon (abgesehen davon, dass die Semantik unterschiedlich ist - ein Emoticon muss nicht unbedingt lächeln -, will uns hier der Verein Deutsche Sprache ein pseudo-griechisches Wort in englischer Schreibung (c, nicht k) unterjubeln: ts, ts, ts...)

Wall Street durch New Yorker Börse (hey, das ist nicht konsequent - ihr müsst Wall Street durch Mauerstraße übersetzen! So sieht es auch, als sollte Deutsch nicht nur von Anglizismen, sondern auch von jeder Form von Metonymie gesäubert werden...)

Zombie durch Untoter (nur weil so viele Zombie-Filme aus Amerika kommen, ist Zombie noch lang kein englisches Wort - anscheinend werden nicht nur Amerikanismen, sondern auch Kreolismen scheel angesehen)

Service Point durch Infothek (hässliche Wort-Chimäre mit lateinischem Anfang - Info-, griechischem Ende -thek-, und das soll im Deutschen besser sein als Service Point???)

Wer viel Phantasie hat, kann sich mal überlegen, was der Verein wohl mit Utopie, Rundschau, Durchschalter, Gleitbrett oder Umschalter meint. Die Auflösung gibt's mit einem Klick auf diese Fußnote.120

Das mit den Anglizismen ist so eine Sache. "Hey, wir müssen uns noch mal wegen dem quick-and-dirty-job committen" dürfte wohl bei den meisten Leuten ein Lächeln hervorrufen. Unnötige Anglizismen wirken entlarvend für den Benutzer, aber sie schaden selten irgend jemandem. Wer das Konzept von Customer Life Cycle und IRC-Client nicht kennt, dem werden auch Eindeutschungsversuche nichts bringen, außer die Übersetzung zieht sich über mehrere Zeilen. Wenn für ein neues Konzept ein neuer Begriff geprägt wird, kann man diese Prägung in anderen Sprachen parallel wiederholen (z. B. hard disc = Festplatte), aber nötig ist das nicht und eigentlich sogar schädlich. Wer jemals auch mit hervorragenden Französischkenntnissen einen französischen IT-Fachtext gelesen hat, weiß, was ich meine.

Würde der Verein Deutsche Sprache mehr Beachtung finden als bei meiner Wurstverkäuferin, dann wäre wirklich traurig, wie viel semantische Schattierungen verloren gingen. Z. B. will man Shareholder Value durch "Unternehmenswert" ersetzen (in der Selbstdarstellung - in der Wortliste durch Aktienwert, Renditekriterium). Das geht tatsächlich manchmal, z. B. bei diesem Handelsblatt-Artikel, bei dem jedes Mal "Unternehmenswert" oder "Wert" stehen könnte. Was aber, wenn Shareholder Value negativ gemeint ist, also die Konnotation "Geld machen um jeden Preis und auf die Kosten von Menschen, Natur..."? Ein Satz wie "in den Unternehmen geht es doch nur noch um den Shareholder Value" würde zur Trivilität verkommen, nähme man die Ersetzung vor. Wer wissenschaftlich BWL betreibt, hat bei "Shareholder Value" wieder ganz andere Konnotationen, nämlich die strikte Ausrichtung der Unternehmensarbeit an dem Vorteil des Anteilhabers, was z. B. anständige Investoreninformationen mit einschließt. Hier ist "Shareholder Value" ein filigran definiertes Arbeitskonzept, das unter der deutschen "Unternehmenswert"-Keule in Splitter zerbersten würde.

Manche der angebotenen Übersetzungen sind schlichtweg falsch. Ein Walkman ist kein Kassettenkopfhörer, sondern ein tragbares Kassettenabspielgerät. Ein Joint Venture ist kein Firmenverbund, sondern ein Gemeinschaftsunternehmen. (In der Selbstdarstellung ist nur die falsche Übersetzung, in der Wortliste zumindest beide). Shareware sind nicht unbedingt Billigprogramme.

Andere Deutungen beweisen die große Phantasie der Bearbeiter: Loveparade = Liebesparade, Sexparade; Joystick = 1. Spielhebel, Steuerhebel, Steuerknüppel, 2. Ersatzpenis, Kunstpenis, Lustknochen.

Wer sich tapfer durch die Liste kämpft, bekommt auch ein paar Lebensratschläge:

Piercing: Anbringen von Körperschmuck (durch Hautstechung, gesundheitsschädliche Modeerscheinung)

Als Haut-Ungestochener will ich den gesundheitlichen Vorbehalten nicht widersprechen, wohl aber der Übersetzung. Mir scheint es, als würde der Vorgang des Anbringens zumeist "Piercen" genannt, während der einzelne Körperschmuck als "Piercing" bezeichnet wird ("Huhu, ich hab ein neues Piercing in der Zunge!" "Kind, warst Du schon wieder beim Piercen?")

Internet soll mit Internetz, WWW mit Weltnetz übersetzt werden (Ist das Englische nicht eine vom Herrn gesegnete Sprache, die gleich zwei Wörter für Netz hat?), Browser mit Navigator (da wird sich AOL-Time Warner aber freuen) oder Netzöffner (Das ist inkonsequent - wenn, dann Weltnetzöffner. Und überhaupt: Ich dachte, das sei die Verknüpfung zum DFÜ-Netzwerk auf meinem Desktop? Aber dieses Problem hatte ich schon mit dem "Internet-Zugangsprogramm" der Computerbild), Chat room mit Plauschstube, Klatschraum.

Genug davon. Ob ich nun "wir müssen uns noch mal committen" oder "mein Netzöffner stürzt immer ab" hör', die Reaktion ist die Gleiche: Die Mundwinkel ziehen sich zu einem ironischen Lächeln nach oben. Wäre es nicht eine wesentlich bessere Verteidigung deutscher Kultur, sich in das Studium korrekter Etymologien und der genauen Semantik einiger neuer Fremdwörter zu vertiefen, als unpassende Eindeutschungen an den Haaren herbeizuzerren?

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