Was vom Anschlag übrigbleibt
Don DeLillo schreibt ein paar Gedanken zum 11. September nieder
Die Anschläge auf New York und Washington haben ihm zu einem Ruhm ganz besonderer Art verholfen. Don DeLillo, der sich in seinen Bücher mit Vorliebe den Themen Terrorismus, Technologie und Moderne widmet, wurde prompt zum wichtigsten lebenden Autor ausgerufen. Denn Texte wie "Unterwelt", "Sieben Sekunden" oder "Die Namen" ließen sich nun als Voraussage einer schon eingetretenen Zukunft lesen. Aber was hat der Meister der Fiktion über die Realität des 11. Septembers zu sagen? DeLillo hat nun seine Antwort darauf gegeben, in seinem Essay "In den Ruinen der Zukunft. Gedanken über Terror, Verlust und Zeit",
Seine Handwerksmittel sind ihm geblieben. Denn DeLillos Essay trägt die Züge seiner Romane: die unterschiedlichen Perspektiven, mit denen einfache Beschreibungen und theoretische Reflexionen verbunden werden, der Stil dieser Beschreibungen, das Aufgreifen irritierender und überraschender Details, dieses schlanke Erzählen, das von allem unnötigen Ballast befreit ist. Die Blicke, die DeLillo wirft, sind präzise, allen Klischees abhold. Sie gelten der Mythologie Amerikas wie der Gedankenwelt der Terroristen, der Politik wie dem Privatem. Von der einmal gefundenen Routine eines langen Schriftstellerlebens, so scheint es, bringen einem auch nicht die Anschläge des 11. Septembers ab. Zum Glück für den Schreibenden, der, bei den sich überschlagenden Ereignissen, die er protokollieren will, bei den Mengen an Informationen, die dabei auf ihn einströmen, sich wenigstens auf das Mechanische seiner Arbeit verlassen kann.
Doch selbst diese Feststellung stimmt nur auf den ersten Blick. Denn bei genauerer Betrachtung zerfällt die scheinbar altbekannte Struktur des Textes, und dieser Zerfall lässt sich an einer Figur festmachen, die zum Inventar der Prosa DeLillos gehört. Es ist der Schriftsteller. Mitten in der zentralen Erzählung von der Flucht seines Neffen Marc aus einem Gebäude nahe des WTC taucht das Ich des Erzählers auf. Doch der Schreibende selbst ist keine Fiktion mehr, es ist DeLillo selbst, der sich diesmal nicht mehr hinter der Konstruktion seiner Figuren verbergen kann. Auch wenn eine derartige Selbstentblößung für essayistische Texte nichts Ungewöhnliches ist, beschleicht den Autor prompt der Zweifel, ob das, was er tut, tatsächlich auch angebracht ist:
"Der Schriftsteller will verstehen, was uns dieser Tag angetan hat. Ist es zu früh dafür? Wir scheinen keine Zeit verlieren zu wollen, wir alle. Die Zeit ist jetzt knapper geworden. Es herrscht ein Gefühl des Zwangs, der eilig gemachten Pläne, der unter Druck gesetzten, verborgenen Zeit."
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Die Antwort, die DeLillo sich selbst gibt, überrascht: "Doch die Sprache lässt sich nicht von der Welt trennen, die sie hervortreibt." Deswegen gilt für ihn: "Am Himmel ist eine Leerstelle. Der Schriftsteller versucht, diesen wehklagenden Raum mit Erinnerung, Zärtlichkeit und Bedeutung zu füllen."
Doch es bleibt nicht allein die Frage offen, wieso DeLillo sich in den Chor seiner Kollegen reiht, die ihre Erkenntnisse über die Anschläge zum Besten geben müssen. Es ist auch die Frage, wieso gerade der Schriftsteller für eine derartige Arbeit taugt. Er, der unabhängig von der Wirklichkeit seine eigene literarische Weltmittels Sprache erschafft, ist deswegen nicht unbedingt dazu befähigt, die Wirklichkeit des 11. Septembers sprachlich zu bewältigen. Und auch DeLillos Text ist eher ein Beleg gegen diese naheliegenden Versuche der Schriftstellerzunft. So sucht er in seine Beschreibungen nach der Substanz unter der Oberfläche und weiß dabei nicht, ob das, was er findet, nicht wieder nur eine weitere Oberfläche ist. Manches bringt er präzise auf den Punkt. Anderes wiederum klingt wie schon oft vernommen oder bleibt allein tautologische Floskel.
DeLillos Text ist nur Stückwerk, aus den Fragmenten einer überrumpelten Wahrnehmung zusammengesetzt und nicht aus jahrelanger Beobachtung und Bearbeitung gewonnen. Alles andere wäre auch nicht möglich gewesen. Vielleicht wissen wir erst in ein paar Jahrzehnten, ob überhaupt andere als bruchstückhafte und oberflächliche Texte über den 11. September 2001 möglich sind. Dann können wir vielleicht auch die Wahrheit von DeLillos Text erkennen. Bis dahin aber bleibt er eine von vielen dieser überhasteten Äußerungen.
Don DeLillo: In den Ruinen der Zukunft. Gedanken über Terror, Verlust und Zeit. Kiepenheuer & Witsch. 2,50 EUR Englische Ausgabe: "In the Ruins of the Future: Reflections on terror and loss in the shadow of September." Harper's Dec. 2001: 33-40.
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11632/1.html- link zur englischen version (31.1.2002 20:41)
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- Der Untergang des Römischen Imperiums (27.1.2002 20:57)
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