Verlage treiben Hochschulbibliotheken in die Krise

"Returning science to the scientists" ist das Motto der Rettungsaktion

Die Hochschulbibliotheken sind in der Krise: Seit Jahren steigende Zeitschriftenpreise und sinkende Etats führen zur Unterversorgung. Hinzu kommt: Die Verteilkämpfe um Information haben mit Hilfe rechtlicher Regularien, wie dem Urheberrecht und Copyright, Patenten und Lizenzbestimmungen, längst begonnen. Dabei war und ist die schwächste Partei die Öffentlichkeit, die nur von den Bibliotheksverbänden vertreten wird. Einen Ausweg sehen die Hochschulen und Bibliotheken jetzt nur noch in einer radikalen Umstrukturierung. (siehe auch: Autoren ausgehebelt)

Die Krise

Die Lage in den Bibliotheken hat sich in den letzten Jahren dramatisch zugespitzt. "Die Bibliotheken verlieren seit etwa 10 Jahren pro Jahr 10 Prozent ihres Bestellvolumens", beobachtet Elmar Mittler, Vorstandsprecher der "Deutschen Initiative für Netzwerkinformation" (DINI), die angesichts der Notlage von der Arbeitsgemeinschaft der Medienzentren der deutschen Hochschulen, den wissenschaftlichen Fachgesellschaften, den Zentren für Kommunikation und Informationsverarbeitung in Lehre und Forschung und dem Deutschen Bibliotheksverband ins Leben gerufen wurde.

Betroffen von der Krise sind vor allem Naturwissenschaftler. Denn gerade die Science-, Technology- und Medicine-Zeitschriften hoben die Preise in den letzten Jahren mit bis zu zweistelligen Zuwachsraten an. DINI-Sprecher Mittler warnt deshalb:

"Die dadurch entstehende Informationsknappheit verringert das Tempo der deutschen Forschung. Wir haben dadurch ein Konkurrenzfähigkeitsproblem."

In dieser Notlage kommt es Mittler schon geradewegs wie ein "absurdes Theater" vor, dass die fünf marktbeherrschenden Verlage wie Springer und Riley mit Renditen bis zu 40 Prozent bei ihren Shareholdern werben. International hat die Quasi-Monopolstellung der Verlage zu einer Finanzierungskrise für wissenschaftliche Literatur geführt. Bei einem rückläufigen Etat und der weiter zunehmenden Konzentration der Verlage, wie dem jüngsten Aufkauf der Harcourt Gurppe durch Elsevier, wird sich die Krise weiter verschärfen, prophezeit DINI in einer Stellungnahme an das Bundesforschungsministerium.

Dabei organisieren die Verlage lediglich die Qualitätskontrolle. Durchgeführt wird sie meist durch Wissenschaftler an den Hochschulen und staatlichen Forschungseinrichten in ihrer Funktion als Herausgeber oder als Gutachter ("Peer Review Verfahren"). Dieses System, dass Wissenschaftler ihre Arbeiten an die Verlage geben, die sie dort vor der Veröffentlichung überprüfen, ist nach Ansicht von DINI jedoch nicht mehr akzkeptabel. Die Wissenschaftler bezahlten für die Publikation ihrer Arbeiten, anstatt von den Verlagen etwas zu bekommen.

Verschärft wird die Situation durch die Europäische Urheberrichtslinie, die auch das elektronische Publizieren betrifft. Demnach kontrollieren die Autoren, in der Regel aber die Verlage, ob und wie viele unbezahlte Kopien gemacht werden dürfen. Mittler warnt: "Dadurch gelangen die Bibliotheken und Leser zunehmend in die Hand der Verlage". Für kleinere Universitätsbibliotheken würde dies sogar bedeuten, dass sie zusätzliche staatliche Mittel bräuchten, um ihren Studenten den Zugang zu elektronischen Dokumenten verschaffen zu können.

Die Lösung

Selbst im Netz zu publizieren ist die Lösung, auf die Universitätsbibliotheken nun setzen. Doch sie ist nicht einfach zu realisieren. "Genügend Personal zur Betreung muss vorhanden sein, aber auch die Grundinvestitionen müssen richtig eingesetzt werden", betont Mittler. Standards müssen beachtet werden, um Texte weltweit findbar und verfügbar zu machen. In den letzten Jahren sind auf Fachbereichs-, Hochschul- und Landesebene viele lokale und regionale elektronische Archive entstanden. Doch jedes Archiv funktioniert nach seinen eigenen Regeln, was den Datenaustausch untereinander erschwert.

Längst sind Veröffentlichungsprojekte wie die "Open Archives Initiative" (OAI) für Universitätsbibliotheken keine bloße Alternative mehr, sondern ein Muss, wollen sie noch sinnvolle Dienstleister für die Forschung sein. Bei der OAI handelt es sich um eine internationale Initiative, die wissenschaftliche Publikationen vor allem auf Pre-Print-Servern weltweit zur Verfügung stellen will. Sie entwickelt auch Protokolle, Metadatensätze und Zugangsregelungen. DINI führt hierzu Implementations- und Anwenderworkshops durch, um OAI in Deutschland durchzusetzen.

Mit den OAI-Standards organisiert sich eine Gegenbewegung. In den USA unterstützt SPARC (The Scholarly Publishing and Academic Resources Coalition) nach dem Motto "Returning science to the scientists" die Publikation preisgünstiger Zeitschriften. In Europa wird derzeit eine Europäische Zweigorganisation unter dem Schirm von LIBER gegründet.

In den führenden deutschen Bibliotheken werden derzeit die Strukturen verändert, doch noch nicht in allen. Vor allem in Baden-Württemberg und Bayern sind die Bibliotheken nach Beobachtung von DINI gut ausgestattet, da die Bundesländer besonderen Wert auf Strukturfinanzierung legen. Doch ansonsten sieht es nach einer Umfrage des Wissenschaftsrates eher mau aus: 1000 Studenten beziehungsweise Wissenschaftlern stehen gerade einmal 5 PCs und 0,7 LAN-Anschlüsse zur Verfügung. Die "kurzfristige Empfehlung" lautet: 10 PC und 10 LAN/WLAN-Anschlüsse für 1000 Nutzer. Mittelfristig sollen alle Leseplätze vernetzt werden.

Hybridbibliotheken

Die Bibliotheken werden sich nach Vorstellungen des Wissenschaftsrates, der hierzu kürzlich eigene Empfehlungen vorstellte, zu "Hybridbibliotheken" weiterentwickeln: Nur noch ein Teil des Bestandes ist in den künftigen Bibliotheken auch physisch vorhanden. Wesentlich sind die digitalen Bestände auf Pre-Print-Servern sowie die Zugriffsrechte auf andere Server und Online-Bibliotheken. Bibliothekare würden dann für Studenten und Forscher Profildienste leisten, integrierte Fachportale betreuen und Nutzer und Autoren per Call- und Chatcenter beraten.

Verwertungszyklen

Entscheidend ist, dass die Wissenschaftler ihre Verwertungsrechte nicht mehr exklusiv an die Verlage abgeben, sondern ihre Publikationen digital auch an den Dokumentenserver der Hochschule abgeben. Das Medienzentrum der Hochschule würde sich dann um die Produktion kümmern und die Bibliothek könnte über Online-Leseplätze den Zugang ermöglichen. Das Rechenzentrum wiederum würde dies durch Netz- und Serverdienste unterstützen. Eine enge Vernetzung der Hochschuleinrichtungen wäre die Konsequenz.

Ziel von DINI ist es ein verteiltes System zu schaffen, das den Zugriff auf wissenschaftliches Material wenn nicht kostenlos, zu akzeptablen Preisen sichert. Aus diesem Pool von Pre-Print-Servern "können Verlage gezielt Texte herausholen und sie qualitativ verändern", schlägt Mittler vor. Auf diese Weise hätten die Wissenschaftler dann "eine stärkere Position gegenüber den Fachverlagen", da sie selbst noch über die Verwertungsrechte verfügten..

In einem solchen Pool würde erst einmal die "graue Literatur" veröffentlicht werden, die nicht in Verlagen, Monographien oder Zeitschriften erscheint. Für Promotionen und Habilitationen müssten die Hochschulen dann eigene Regelungen finden. In Oldenburg gibt es einen solchen hochschulbezogenen Verlag bereits. Aber auch fachbezogene Initiativen wie SPEPS für "Stochastisches Programmieren" veröffentlichen E-Prints wissenschaftlicher Papiere unter klaren rechtlichen Regelungen.

Ein wichtiger Schritt ist auch die jüngste Entscheidung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Publikationszuschüsse künftig medienneutral zu vergeben. Ob nun ein Werk gedruckt oder nur für einen Pre-Print-Server vorbereitet wird, wäre demnach egal. Für die Hochschulen und Bibliotheken ist das jedenfalls der Einstieg in das Zuschussgeschäft, das bislang nur die Verlage unter sich aufteilten.

Print-on-demand ist ein zusätzlicher Baustein für die Verlage. Wichtig dabei ist jedoch, dass auch die Hochschulen eigene Verlagsaktivitäten ausbauen und ein eigenes Peer Reviewing in Kooperation mit wissenschaftlichen Fachgesellschaften auf die Beine stellen. Mit Print-on-demand könnten die Bibliotheken nutzerorientiert Bücher beschaffen - und das "just-in-time". Organisiert werden könnte dies auch über Lizenzverkäufe an Bibliotheken. Zeitschriftenartikel hingegen müssten "pay per view" eingesehen werden. Damit hätten die Interessenten auch Zugang zu wichtigen nicht-abonnierten Zeitschriften.

Die Politik

Ob jedoch auch die Politik und damit die finanzielle Förderung den Visionen der Hochschulen und Bibliothken folgt, ist ungewiss. Das Bundesforschungsministerium hat bei der Unternehmensberatungsfirma Arthur D. Little eine Studie zum "Elektronischen Publizieren" in Auftrag gegeben, die im Frühjahr veröffentlicht werden soll. DINI-Sprecher Mittler befürchtet, dass sie sich für eine "stärker bezahlte Form der Informationsvermittlung" ausspricht - und das wäre "kontraproduktiv".

Die auch vom Bundesforschungsministerium propagierte Informationsgesellschaft lebt jedenfalls vom Austausch von Information. Ob und wie Informationen frei fließen dürfen, ist von fundamentaler Bedeutung. Ob Informationen frei verfügbar, verkäuflich oder gar geheim gehalten werden, bestimmt das Gefüge der Gesellschaft. Die Regulierungsmechanismen sind Machtmechanismen, die sich jetzt schon deutlich herausschälen.

Doch wie Fair Use, Public Domain, das Gemeingut Wissen geschützt und gepflegt werden kann, ist immer noch eine weitgehend offene Frage. Eine Maßnahme könnte darin bestehen, nicht nur Bibliotheken, sondern auch Museen und Archive für die Archivierung und Zugänglichmachung von digitalem Wissen zu erweitern. Ein anderes Gegenmittel besteht im Selbermachen: Freie Software, freie Enzyklopädien, frei zugängliche Systeme, freie Datei-Sharing-Systeme, quelloffene Content-Management-Systeme.

Siehe hierzu auch folgenden Hintergrundartikel über die Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie in deutsches Recht: Das Urheberrecht vom Kopf auf die Füße stellen

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Kommentare lesen (18 Beiträge) mehr...
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Autoren ausgehebelt

Stefan Krempl 26.01.2002

Justizministerin Herta Däubler-Gmelin hat bei dem jetzt verabschiedeten Urhebervertragsrecht dem schweren Lobbydruck nicht ganz standhalten können

Zwei Wörter haben im vergangenen Jahr eine der bislang größten Lobbyingschlachten in der Bundesrepublik ausgelöst: "Angemessene Vergütung". Mit der Losung wollte Bundesjustizministerin als Retterin der von den Verwertern angeblich enterbten Kreativen in die Geschichte eingehen. Doch neben der ihre ganze Werbungs- und Publikationsmacht einsetzenden Medienindustrie waren auch der Kanzler und die Länder gegen den "Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der vertraglichen Stellung von Urhebern und ausübenden Künstlern". Das vom Bundestag in aller Eile am Freitag nun verabschiedete Urhebervertragsrecht ist daher ein verwässerter Kompromiss, der niemandem etwas zu leide tut, aber auch niemandem wirklich hilft.

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