Ein Steinbruch für gute Ideen

Tilman Baumgärtel 04.02.2002

Lev Manovichs Buch "The Language of New Media" ist der erste Versuch einer systematischen Theoriebildung der visuellen Neuen Medien

Auf dieses Buch hat man lange gewartet: "The Language of New Media" von Lev Manovich war schon länger angekündigt. Es wurde von Lesern in der ganzen Welt erwartet, die Texte von Manovich aus den Mailinglisten Rhizome und nettime kannten, wo der Autor die meisten seiner Aufsätze verbreitet hat, bevor sie in Readern, Katalogen oder Internet-Journalen wie Telepolis veröffentlicht wurde. Die Reaktionen aus der ganzen Welt wurden bei der Bearbeitung der Texte einbezogen und hatten oft Einfluss auf die Argumentation der Essays - eine wirklich "vernetzte" Methode des Schreibens.

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Aus diesen Aufsätzen sind bereits einige der Stichworte und Ideen bekannt, die Manovich in seinem Buch ausführt: die Datenbank als symbolische Form, das Computer-Interface als kulturelles Artefakt, die Avantgarde als Software, digitaler Konstruktivismus sind nur einige der Meme, die Manovich mit seinen Texten und Debattenbeiträgen in Umlauf gebracht hat und die seither in Neue-Medien-Kreisen diskutiert und zitiert werden.

In "The Language of New Media", in das viele seiner Aufsätze eingeflossen sind, vertieft er diese Ansätze. Aber damit nicht genug: er will, so steht es im Klappentext, "die erste systematische und rigorose Theorie der Neuen Medien" liefern. Bei aller Vorsicht vor der Ankündigung solcher historischen Erstleistungen: Manovich legt tatsächlich eine erste theoretische Auseinandersetzungen mit computerbasierten Medien vor, die davon ausgeht, dass digitale Medien eine genuine Ästhetik (oder in Manovichs Formulierung: eine eigene Sprache) haben, und versucht, diese zu systematisieren und zu erklären. Phänomene wie das Compositing in Photoshop oder die Struktur von XML-Websites, von den kulturellen Voraussetzungen und Auswirkungen der Graphical User Interfaces oder den ästhetischen Spezifika von ASCII-Art mag es an anderer Stelle schon gegeben, Manovichs Buch versucht zum ersten Mal, eine vollständige und umfassende Untersuchung dieser Phänomene.

Das ist ein mutiges Projekt, und Manovich gelingen an vielen Stellen brillante Einsichten - wenn sich diese auch ausschließlich auf visuelle Medien beziehen. Digital produzierte Musik ist zwar genauso von den Medien, mit denen sie gemacht wird, geprägt, und in ihr spielen Phänomene wie Loops, Morphing, Rendering, Compositing, Copy and Paste genauso eine wichtige Rolle wie bei den visuellen Medien. Aber diesen Bereich hält Manovich als Kunsthistoriker vollkommen aus seiner Diskussion heraus, obwohl sich gerade hier interessante Verbindungen hätten aufzeigen lassen - doch man kann nicht alles haben.

Computerspiele, Webseiten, digitale Grafik, Grafikprogramme, das GUI, digitales Kino, 3-D-Environments - das sind die Themen, die Manovich mit viel Nachdruck bearbeitet. Dabei wundert es immer wieder, dass er so ausführlich auf die lang vergessen erscheinende Mode der Virtual-Reality-Simulationen eingeht. Diese dreidimensionalen Simulationen mögen zwar theoretisch ergiebig sein, haben aber in der digitalen Lebenswirklichkeit der letzten Jahre kaum eine Rolle gespielt.

Seine größte Stärke hat das Buch da, wo Manovich Referenzen zur historischen Entwicklung visueller Medien von Dürers Kupferstichen über Dziga Vertows Montagetechniken bis zu Roy Lichtensteins Raster-Gemälden aufmacht. Es ist dieses medienhistorische und -theoretische Rüstzeug, dass es ihm erlaubt, orginelle und aufmerksame Beobachtungen über die Neuen Medien zu entwickeln. Diese leben auch davon, dass Manovich als Künstler und Praktiker mit den Programmen und Maschinen, über die schreibt, selbst ununterbrochenen Umgang hat, und darum einen guten Blick für die in der Architektur von Hard- und Software angelegte Dispositive digitaler Medienproduktion hat. Gerade wenn er über Programme schreibt, mit denen er selbst gearbeitet hat, zum Beispiel Quick Time, gelingen ihm oft die besten Beobachtungen. Da weiß man oft kaum, wo man mit dem Zitieren anfangen soll.

An anderen Stellen hemmt der selbstauferlegte Zwang zur Vollständigkeit und Systematik den flüssigen Fortgang von Manovichs Argumentation und das sonst in recht lesbarem, gelegentlich auch amüsanten Stil geschriebenen Buch bekommt gelegentlich etwas Pedantisches, an manchen, wenn auch raren Stellen, lesen sich einzelne Passagen wie aus einem Software-Manual abgeschrieben.

Aber das ist ein kleiner Preis, den man zu zahlen hat, im Vergleich zu der Gesamtleistung des Buches: eine erste Gesamttheorie der digitalen Medien, in die man an vielen Stellen seine Zähne senken kann, um saftige Brocken zu extrahieren und sich und der eigenen Theoriebildung einzuverleiben. Dieses Buch ist ein toller Steinbruch, aus dem sich alle, die sich mit der Ästhetik der digitalen Medien beschäftigen, Bausteine und gute Ideen für weiterführende Gedankengänge holen können.

Lev Manovich: The Language of New Media, MIT Press (Cambridge, Massachusetts; London, England 2001), 352 Seiten, 55 Illustrationen, 34 Dollar 95

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11701/1.html
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