Rasterfahndung im Netzwerk der Macht

31.01.2002

Ein Web-Tool zur Erforschung der modernen Plutokratie

Den Browser mit Flash 5 hochrüsten, They Rule aufrufen und umgehend alle Vorurteile über das Netzwerk der Macht bestätigt bekommen. Sie sitzen in den Vorständen und Aufsichtsräten aller wichtigen Unternehmen. Sie sitzen in den Beratungsgremien der Regierung. Sie treffen Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen. They Rule.

Screenshot 'They Rule'

Was sich anhört wie die Einleitung zu einem frühen John-Carpenter-Film - es fehlt nur die gruselige 80er-Jahre-Synthesizermusik des Meisters - entpuppt sich schnell als potentiell mächtiges Werkzeug zur Entlarvung US-amerikanischer Machtstrukturen. Bei Aufruf des Programms ist der Schirm leer, bis auf ein kleines Menü in der linken unteren Ecke. Unter "About" gibt es eine kurze Einführung des Autors und Hinweise zur Bedienung. They Rule ist ein grafisches Interface zur Visualisierung von Datenbeständen. Die Macher von They Rule haben eine Datenbank mit den Mitgliedern von Führungsgremien der mächtigsten Unternehmen der USA angelegt. Die Achillesferse des Projekts: Die Datenbank wird nicht permanent auf dem neuesten Stand gehalten. Das Werkzeug wird so zum Prototypen, zur Metapher.

Mit dem Befehl "Load Map" kann man eines der bereits von anderen Nutzern gestalteten Szenarios aufrufen. Hinter Namen wie "Pepsi vs. Coke" oder "3 degrees of Warren Buffett" verbergen sich zum Teil gewaltige Netzwerke, die aus Vorstandstischen und den beteiligten Personen bestehen. Die grafische Gestaltung ist nadelstreifenelegant und funktional. Klickt man auf das Köfferchen eines Managers, klappt ein kleines Menü auf, mit dem man URLs mit nützlichen Informationen zu der jeweiligen Person angezeigt bekommt, diese Person aus dem aktuellen Netzwerk entfernen kann und vor allem in der Datenbank des Center for Responsive Politics exakt verfolgen kann, wieviel Geld der jeweilige Manager an welche Politiker und Organisationen gezahlt hat. Die gleichen Funktionen stehen auch für die Unternehmen selbst zur Verfügung. Man kann sich anzeigen lassen, welche Manager wo mitspielen und selbst eigene Netzwerke anlegen. Warren Buffett als spendierfreudiges Pokémon... eine Art "Tetris"... die logischen Verknüpfungen fallen ineinander und passen. Man sollte dieses Tool internationalisieren oder wenigstens auf andere Länder portieren.

Ich hatte They Rule schon Mitte 2001 entdeckt und war sofort fasziniert. Zunächst deshalb, weil es einen Blick in die Zukunft der Kommunikationsnetzwerke bietet. Reines Publishing ist öde. Man bekommt Zahlen und Fakten und die Meinungen anderer Leute, die einen eigentlich nicht wirklich interessieren. Bei They Rule ist das anders. Man kann selbst aktiv werden und auf Entdeckungsreise gehen, die Daten sind lebendig. Die Integrität der Datenbestände bei They Rule bleibt natürlich im Dunklen, man kann allerdings als Nutzer stichprobenartig nachprüfen, ob das stimmt, was man da serviert bekommt.

Screenshot 'They Rule'

Zukünftige Werkzeuge dieser Art werden vielleicht von Meta-Informationen im Netz Gebrauch machen und sich ihre Datenbestände aus glaubwürdigen Quellen zusammenspidern können. Gut wäre auch eine Biographiefunktion, mit der man die Karrieren der Macher weiterverfolgen kann. Bis heute stehen solche Informationen nur Profis gegen Bezahlung in Datenbanken wie dem Munzinger-Archiv zur Verfügung. Gegen Bezahlung. Es steht immer eine Wand aus Geld zwischen dem demokratischen Souverän - das sind wir, das sollte man immer gleich noch dazuschreiben - und den fragwürdigen Netzwerken der herrschenden Eliten. Das muss sich ändern.

Bei all dem Data Mining entfaltet sich natürlich auch die passende ethisch-moralische Diskussion. Darf man in einer Publikation wie Telepolis mehr Überwachung fordern? Haben nicht auch Figuren wie Warren Buffett und Martin Ebner ein Recht auf Privatsphäre? Selbstverständlich haben sie. Es geht bei Anwendungen wie They Rule ja nicht um invasive Taktiken, sondern um eine intelligente Zusammenfassung von Daten, die eh schon öffentlich sind. Die neuen Werkzeuge sollen es jenen Bürgern ermöglichen, die keine professionellen Rechercheure sind, sich zuverlässig und ohne zuviel Zeitverlust ein Bild über die Lage zu machen. Immer wieder scheint klar zu werden, dass die moderne Gesellschaft ohne Überwachung nicht funktionieren kann. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, totale Kontrolle wäre am besten, ist aber unerreichbar. Man muss nicht Foucault gelesen haben, um das nachvollziehen zu können. Die Grundstimmung in modernen Gesellschaften ist die Paranoia: Sobald ich nicht mehr ganz genau hingucke, versuchen mich die anderen übers Ohr zu hauen oder anderweitig zu verraten.

Screenshot 'They Rule'

Die einen versuchen dann, den biologischen Nachteil der fehlenden Augen im Hinterkopf durch die Installation ausgefeilter Kamerasysteme in ihrem Wirkungsbereich zu kompensieren, die anderen haben zuwenig Geld dazu. Dysfunktional wird der Kontrollwahn durch diese Ungleichheit. Die einen können ihren Kontrollwahn entfalten, die anderen nicht. Das ist ungerecht. Wenn es also ohne Überwachung nicht geht, dann sollte man die Überwachung wenigstens zu einer reziproken Angelegenheit machen. Alle Parteispenden immer aktuell ins Web - eine gute Idee. Standardisiertes Biografien-Tracking nicht nur von Ministern - warum nicht? Es wird sowieso schon getan. Es sollte nur allen zur Verfügung stehen. Wo ist die Grenze zwischen angemessener Transparenz und paranoider Überwachung? Eine klassische Frage der Moderne. Mit Visualisierungswerkzeugen wie They Rule kann man sich dieser Frage handelnd annähern.

Seine Brisanz entfaltet They Rule gerade jetzt durch Skandale wie Enron oder die Umgestaltung des amerikanischen Staates in einen Selbstbedienungsladen für die Rüstungsindustrie. Ein neoliberaler Staat scheint nur noch aus Armee und Finanzamt zu bestehen. Wer profitiert von der Reduktion des Gemeinwesens auf Schläger und Schutzgeld, also davon, dass der Staat zur Mafia degeneriert, komplett mit konservativem "Mir-san-Mir"-Gestus, Ehrenworten von Ehrenmännern und Omertà? Transparenz der Zusammenhänge kann in komplexen funktional differenzierten Industriegesellschaften nur noch mit Werkzeugen geschaffen werden, die diese Komplexität angemessen reduzieren. They Rule ist ein gutes Beispiel für ein solches Werkzeug und ein Ansporn für jeden wahren Hacker.

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