Websites des Weltwirtschaftsforums lahm gelegt

Florian Rötzer 01.02.2002

Während die Proteste auf den Straßen gering blieben, waren die virtuellen Demonstranten mit einem Netzstreik erfolgreicher

In New York hat gestern das Weltwirtschaftsforum begonnen, das aus Davos geflüchtet ist und nun symbolisch in der Weltmetropole stattfinden sollte, in der das Wahrzeichen der Globalisierung mit den Anschlägen vom 11.9. zerstört wurde und die zum Auslöser des Kriegs gegen den Terrorismus wurde (Von den Bergen in die Stadt). Offenbar blieb es am ersten Tag ruhig, gerade einmal 1.000 Menschen sollen in den Straßen um das gut abgeriegelte Waldorf-Astoria Hotel demonstriert haben. Dafür scheint im Internet mehr los gewesen zu sein.

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Aufgerufen wurde zu Protesten nicht nur auf der Straße, sondern auch im Web (New Yorks Polizei rüstet sich für die Proteste gegen das Weltwirtschaftsforum). Wie schon bei vielen anderen internationalen Treffen von Politikern und Unternehmern, die für die negativen Seiten der Globalisierung verantwortlich gemacht werden, weil sie den Neoliberalismus vertreten, wollten Globalisierungskritiker auch dieses Mal die Website der Konferenz durch ein virtuelles Sit-In als Protest zu blockieren.

In diesem Fall waren es das Electronic Disturbance Theater, RTMark und die Federation of Random Action, die zu einem Netzstreik der Websites des Weltwirtschaftsforums oder www.weforum.org aufriefen - und offenbar damit auch Erfolg hatten. Beide Websites waren bereits am Nachmittag vom Netz und ließen sich auch um ein Uhr in der Nacht nicht mehr aufrufen. Anders als bei Demonstrationen auf der Straße kann an Internetaktionen jeder teilnehmen, der sich das Programm herunterläst. Keine beschwerlichen Reisen, keine Gefährdungen durch schlagende Polizisten, kaum eine Arbeit ist notwendig, um seinen stummen Widerstand zu äußern, der bestenfalls zu einer Blockade der Webpräsenz der angegriffenen Organisation wird.

Gerne wurden solche doch recht harmlosen und vorübergehenden Protestaktionen gleich als Cyberterrorismus verurteilt. Im Internet fehlt jedoch noch auf der ganzen Welt, wie und wo die durch die Verfassung in demokratischen Ländern garantierten Grundrechte der Meinungs- und Versammlungsfreiheit ausgeübt werden können.

" DISTURB the electronic infrastructure of the WEF's corporate membership, in a collective demand that the FOOLS LISTEN UP when the people of Earth are speaking, MOVE YOUR DATA-BUTT and place your data-body alongside the REAL BUTTS of thousands who will be taking to the streets in NYC, and help advance an alternative vision where people are more important than profit."

Beim letzten Treffen des Weltwirtschaftsforums in Davos wurde in Teilen der Schweiz der Ausnahmezustand verhängt, nach den Anschlägen vom 11.9. bekannten die zuständigen Stellen des Kantons Graubünden, dass sie das Treffen nicht ausreichend sichern könnten (Von den Bergen in die Stadt). Im November fiel dann die Entscheidung, das Treffen der politischen und wirtschaftlichen Elite, das dieses mal zeitgleich mit der Sicherheitskonferenz in München zusammen fällt und sich ebenfalls mit Sicherheit beschäftigt, nach New York zu verlegen (München setzt auf Verbot).

Dass jetzt zwar noch der Beginn ziemlich ruhig verlief, aber die Websites durch Protestierer lahm gelegt wurden, ist vermutlich für die Veranstalter des WEF peinlich. Letztes Jahr konnten sich Hackerprotestierer oder Hacktivisten problemlos Zugang zu den auf den Servern gespeicherten Daten der Teilnehmer verschaffen. Die Gruppe "Virtual Monkeywrench" konnte sich Email-Adressen, Passwörter, Terminpläne, Flüge, Telefon- und Kreditkartennummern von Tausenden von VIPs wie Clinton, Arafat, Peres oder Gates beschaffen (Weltwirtschaftsforums-Hack war Spaziergang durch offenes Scheunentor).

Aus Angst vor Ausschreitungen hatte bereits die Weltbank ein Treffen in Barcelona abgesagt und in das Internet, angeblich mit Erfolg, verlegt (Weltbank verlegt Treffen ins Internet). Wenn nun die Proteste eher im Internet als am Ort der Konferenz stattfinden, dann zeigt dies einerseits, dass virtuelle Konferenzen nicht unbedingt eine Lösung sind, aber auch, dass die Globalisierungsgegner noch immer durch die Terroranschläge gelähmt sind. Das G8-Treffen in Genua, das noch vor dem Terroranschlägen stattfand und eher den Staatsterrorismus der italienischen Polizei und die Absurdität von Treffen vor Augen führte, die nur noch unter massiven Sicherheitsvorkehrungen stattfinden können, wirft seinen Schatten auch auf New York und München (Angriff auf unbequeme Journalisten in Genua).

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11723/1.html
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