Meeresrauschen

Das Internet unter Wasser

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Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen aufgeweckten Fünfjährigen in Ihrer Umgebung. Stellen Sie sich vor, dieser Fünfjährige hätte ein aktives Interesse an Meeresbiologie. Stellen Sie sich weiterhin vor, er würde entdecken, was man mit einer Internetverbindung anstellen alles kann. Ergebnis: Sie würden das Internet neu entdecken.

Das Internet hält für eine Reihe von abgelegenen Spezialinteressen unglaubliche Mengen von information bereit. Die Eisenbahner, die KI-Enthusiasten und die Pilzfreunde wissen das schon. Aber manchmal muss man sich doch wundern.

Da sich der besagte, aufgeweckte Fünfjährige (nennen wir ihn Paul) für Quallen interessiert, suchen Paul und ich bei Google nach Quallen. Wir finden zum Beispiel eine "All Jelly Slide Show" mit Wesen wie von einem anderen Stern und es stellt sich wie immer beim Betrachten von Unterwasseraufnahmen das prickelnd-beunruhigende Gefühl ein, auf diesem Planeten vielleicht doch nicht ganz zuhause zu sein. Paul ist begeistert. Die Begeisterung kennt kaum noch Grenzen, als wir auf Chironex fleckeri, die Seewespe stoßen.

Die Seewespe ist eines der giftigsten Tiere der Welt, und Paul findet das prima. Ganz nebenbei nehmen wir auch noch ein paar Rezepte für Quallensalat mit und das Thema für die nächsten Onlineabenteuer ist gefunden: Quallen. Giftige Quallen. Tödlich giftige Quallen.

Nach ein paar Tagen, in denen wir auch noch die "Portugiesische Galeere" genauer kennengelernt haben und in denen Paul Freunde und Bekannte mit bizarrem Fachwissen über Mörderquallen beunruhigt hat, möchte er es genauer wissen. Was gibt es denn noch so für giftiges Viehzeug da unten? Genug, Paul, genug. Da wären zum Beispiel all die Kegelschnecken, der blaugeringte Octopus und sogar giftige Seegurken.

Nicht zu vergessen das Petermännchen, auf das man auch an einem bretonischen Strand drauflatschen kann, was man aber lieber bleiben läßt, weil das nicht nur heftigste Schmerzen, lokale Nekrosen und Wundinfektionen, sondern auch Spätfolgen im Herz-Kreislauf-Bereich verursachen kann. Paul hat keine Probleme mit viertelstündigen Vorträgen über die speziellen Giftwirkungen spezieller Tiere. Ungerührt zeigt er auf die Online- Bleiwüsten zum Thema und befiehlt: "Lesen!". Weil schon für Fünfjährige nichts interessanter ist als Gefahr und Tod, sofern sie nicht real werden, kann ich ihn nur mit Mühe zu bildintensiveren Websites lotsen, die aber mit ihrem farbenprächtigen und wunderbar bizarren Angebot so interessant werden, dass Paul die Maus in die Hand nimmt, um sich selbst durch die Tiefsee zu navigieren.

Eigentlich hatte ich ihm ja zu Weihnachten eine eigene Kindermaus geschenkt, aber mit meiner kommt er bestens zurecht. Ach Paul, es ist eine schöne und vor allem gefährliche Welt da unten, voller Federsterne, Hammerhaie, Stachelrochen, Nacktschnecken und Seegrasgeisterpfeifenfische, aber solange wir Bildschirmpiraten nicht nass werden, kann uns nichts und niemand schrecken. Paul erforscht die philippinische und indonesische Meeresfauna. Später zeichnet er die neuentdeckten Tiefseekraken die seiner künstlerischen Auffassung nach extrem einsam aber dennoch sehr gut gelaunt sein müssen.

Tiefseekrake, (c) Paul

Wie ich ihn mir dabei betrachte, denke ich: "Vor einem halben Jahr waren es noch die Vulkane. Hoffentlich bleibt die Welt so interessant für dich."

Unsere gemeinsamen virtuellen Tauchfahrten sind ein Bildungsabenteuer der reinsten Sorte. Eine Handvoll von Tauchern begibt sich in Gefahr, stellt die gemachten Fotografien zum Nulltarif ins Netz, und wir können sie uns anschauen, damit wir etwas erfahren, was wir bisher nicht wussten. Keine Fernsehsendung, kein Buch, nicht einmal eine ganze Bibliothek könnte uns das geben. Karl Kraus hatte ja seinerzeit gespottet: "Fürs Leben gern wüßt' ich: was fangen die vielen Leute nur mit dem erweiterten Horizont an?" Im Internetzeitalter wird dieser Spott aber fein balanciert durch den Satz von William Gibson, nach dem das wirklich Gute am Internet die Tatsache ist, dass es sich dabei um eine reine Zeitverschwendung handelt. Mit der Betonung auf "rein". Denn richtig benutzt, befreit es die Bildung, die Erweiterung des Horizonts und die Verblüffung über die Welt zum reinen Selbstzweck.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11753/1.html
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