Endlose Geschichten
Übergroße Weltentwürfe als Darstellungsproblem in der zeitgenössischen Science Fiction
Die Lesererwartungen und Prozesse, die der Subkultur inhärent sind, haben in der Science Fiction dazu geführt, dass immer mehr gigantische Zyklen auf den Markt geworfen werden, bzw. manche Stoffe überhaupt nur noch in Zyklenform verkäuflich sind. Das tut dem Genre nicht unbedingt gut. Drei Beispiele.Dan Simmons: Hyperion / Endymion (1989 - 1997)
Keine Frage: "Hyperion", der erste Band der Reihe, ist ein spannendes und frisches Buch. Die Fahrt der sieben Pilger zu den "Gräbern der Zeit" auf dem Planeten Hyperion, die multiperspektivische Darstellung ihrer unterschiedlichen Biographien, die Shrike, ein sehr zukünftiges gesellschaftliches Szenario, in dem die katholische Kirche, bis an die Zähne bewaffnet, einen erheblichen Machtfaktor darstellt: all das zusammen gibt guten Stoff für einen gelungenen Roman. Kaum jemand, der überhaupt Geschmack an dem Genre hat, wird sich ihm leicht entziehen können, und für die Horror-Fans, denen der Name Simmons auch ein Begriff ist, bietet schon allein der Shrike Crossover-Appeal genug, um beim Buchhändler mal in ein ungewohntes Regal zu greifen. Wäre das das Konzept gewesen, der Erfolg hätte Simmons recht gegeben. Aber erfolgreiche Bücher verlangen nach einer Fortsetzung, und so kamen zuerst "The Fall of Hyperion", und dann, "Endymion" und "The Rise of Endymion".
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Nummer 2 und 3 der Serie waren noch gut zu lesen, die Einführung neuer Charaktere, Schauplätze und Subplots hielt die erzählerische Maschinerie am Laufen. Umso enttäuschender, dass Band 4 eindeutig klar machte, auf welche Weise sich Simmons mehr aufgepackt hatte, als er stemmen konnte: Das ganze Unternehmen entpuppte sich als quasichristliche Eschatologie, komplett mit einem weiblichen Messias und allen Schikanen. Der beunruhigende Rätselcharakter der Hyperion-Welt ging in einem peinlichen Happy End verloren, das genauso langweilig wie philosophisch fadenscheinig war.
Kim Stanley Robinson: Red / Green / Blue Mars (1993 - 1997)
Mars! Allein die Kühnheit, das völlig ausgelutschte Thema noch einmal anzupacken, muss man Robinson als Leistung anrechnen. Daraus einen dreibändigen Zyklus zu stricken, war allerdings tollkühn und führte letztendlich zum Scheitern des Unternehmens. Dabei ist der erste Band so mitreißend, dass - und das mag man durchaus als die Tragik dieser Form von Literatur begreifen - ein zweiter folgen muss: Wie anders könnte man die aufgebaute Erwartungshaltung befriedigen, die kindliche Frage nach dem Fortgang der Geschichte beantworten? Die mit viel Sachverstand und einem eigentümlichen Gemisch aus Understatement und Leidenschaft geschriebene Saga von der Besiedlung des Mars durch die "ersten Hundert" muss doch weitergehen!
Und dann setzt leider in Band 2, irgendwo zwischen Hellas Planitia und Olympus Mons, die Langeweile ein. Robinson nimmt die Leser auf zu viele und zu lange Reisen durch die Wüsteneien zwischen den Oasen mit und zeigt einem zu viele der unterschiedlichen Kulturen und Stämme, die sich inzwischen auf dem Mars gebildet haben, wobei die Bewunderung des Lesers für die detailscharfe Recherche in Widerwillen umschlägt. Dadurch setzt er das Charisma des Buchs aufs Spiel - und verliert. Blue Mars schließlich hinterließ viele Leser ratlos und wütend: "Bloße Spekulation", "zu Tode beschriebene Landschaften", "konfus" - so lauteten noch die freundlicheren Urteile.
Tad Williams: Otherland I - IV (1996 - 2001)
Die zweifellos traurigste Bauchlandung der letzten zehn Jahre legte allerdings Tad Williams hin. Als er seine Helden Renie und !Xabbu gegen eine virtuelle Verschwörung der Supermächtigen antreten ließ, ging ein Rauschen durch den Blätterwald: ungewöhnliche Schauplätze (Südafrika) und Protagonisten (so z.B. der an progeria infantilis erkrankte Orlando Gardiner), eine extrem flexible Handhabung der Cliffhanger- Technik, die pfiffige Einblendung von "Nachrichten aus der Zukunft" zu jedem Kapitelbeginn und das aktuelle Thema (die Wahnidee der totalen Virtualisierung) ließen auf einen großen Wurf hoffen. Selbst als Williams in Otherland II in eine ähnliche Falle wie Robinson tappte und zu viele virtuelle Zivilisationen in Folge abfeierte, war das Ergebnis immer noch ansprechend.
Im dritten Band begann konzeptloses Remmidemmi den Spannungsbogen zu ersetzen, und obwohl "Sea of Silver Light", die letzte Folge, teilweise wieder an die Magie von Otherland I anschließen konnte, war die tatsächliche Auflösung derart bescheiden, dass sie die ganze Serie wie aufwendig bedrucktes Toilettenpapier wirken ließ. 3300 Seiten, und dann ein Ende, das an die stereotype Abschlussszene aus den Waltons erinnerte, wenn das Licht ausgeht: Selten war die Enttäuschung bitterer.
Natürlich ist das nicht alles neu. Wenn man an das "Dune"-Debakel mit seinem wunderbaren ersten Band und den teilweise katastrophalen fünf (!) Nachfolgern denkt, fallen einem die Parallelen sofort auf. Aber was verleitet eigentlich Autoren wie Simmons, Robinson und Williams dazu, als Tiger zu springen und als Bettvorleger zu landen? Da ist sicher zunächst einmal der Wunsch, es mit den ganz Großen aufzunehmen. Aber nicht jeder ist ein Tolkien (von den Konkurrenten aus dem Charakterfach wie z.B. Proust oder Johnson ganz zu schweigen), und allzu oft fällt die geschaffene Welt über die Langdistanz wieder auseinander. Außerdem wären da die Marktbedingungen.
Ich vermute hinter der Monomanie der Zyklen- und Serienleser ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Heimat in einer Parallelwelt, die zeitgemäße Form des Eskapismus. Um dieses Bedürfnis zu befriedigen, müssen die Serien lang sein, die Folgen müssen in verläßlichen Abständen erscheinen, und sie müssen, um ihrem grundsätzlich affirmativen Subtext gerecht zu werden, "rund" und "befriedigend" abgeschlossen werden - letzteres eine Forderung, die von allen hier genannten Autoren (vielleicht mit Robinson als Ausnahme) erfüllt wird. In diesem Fall wären die großen Zyklen wirklich nichts anderes als "Die Waltons" für Technologienerds, Heftchenromane im Schwartenformat. "Freie" Autoren bleiben von solchen Erwartungen unbeeinflusst? Schon Ende des 19. Jhdts wucherten englische Romane uferlos, weil die kommerziellen Leihbüchereien für dickere Bücher (resp. längere Serien) höhere Leihgebühren verlangen konnten.
Analog dazu führt das übergroße Leserbedürfnis nach escape zu einem Teufelskreis: weil nur Zyklen (oder zumindest richtig dicke Bücher) vermarktbar sind, wird wenig anderes gedruckt, weil wenig anderes gedruckt wird, kommen die Leser nur mit Zyklen oder richtig dicken Büchern in Kontakt. Deutschsprachige SF-Kurzgeschichten in Buchform? Mission impossible, jedenfalls wenn es um einen Verlag mit gewisser Reichweite geht. Phantastische Romane unter 400 Seiten? Kaum zu finden.
Schade eigentlich. Würde sich das ändern, müssten sich die Autoren nicht andauernd einen Bruch heben. Und die Leser könnten entdecken, daß die dünneren Bücher manchmal die besseren sind.
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11787/1.html- ok, soweit so gut (19.2.2002 17:29)
- Startreck (19.2.2002 11:35)
- Du kannst nix dafür, also rege Dich nicht auf. (19.2.2002 11:31)
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