Der Blitzkrieg Bop
Ekstatischer Frauenbefreier oder Totengräber der 68er? Gedanken zur Rezeption von Andreas Baader
Das Bedürfnis des Menschen, im Blutvergießen einen hohen oder gar erhabenen Sinn zu entdecken, ist dermaßen elementar, daß der Verstand dabei auf verlorenem Posten steht.
Ich wolt lieber einen todten, denn einen ungezogenen Sohn haben.
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Obwohl beide Erklärungen zutreffen, reichen sie nicht aus, um diesen "verlorenen" Sohn heimzuführen. Im Bewusstsein der Deutschen bildet Baader immer noch einen unverdaulichen Fremdkörper, der gegen alle Regeln einer autoritären und servilen Gesellschaft verstieß, der man nach dem Krieg Demokratie verordnet hatte. Statt liberalem Dialog forderte er das härteste Spiel, das "größte der männlichen Abenteuer", den Krieg, in den er sich mehr und mehr verwickelte, bis daraus tödlicher Ernst geworden war. Dies hat sich seit Baader in Deutschland niemand mehr getraut - nicht einmal virtuell.
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Entgegen allen Versuchen ihn dazu zu machen, scheint Baader jedoch kein entschlossener Krieger gewesen zu sein, sondern eher jemand, der für die Dauer eines bestimmtes Zeitraumes intuitiv mit der fortschreitenden Tendenz eines kollektiven Bewusstseins identifiziert war und das historische Glück hatte, auf das energetische Potential wie auch das Strandgut einer gescheiterten Studentenrevolte zu treffen, die er teilweise beerbte. Schritt für Schritt erst konnte sich in diesem Klima die Wandlung des Mediums Baaders vom Spieler zum Staatsfeind Nummer 1 vollziehen.
Wie alle Medien brauchte auch Baader eine Weile, um sich seiner Macht und der daraus resultierenden historischen Chance bewusst zu werden; sie zu einem ekstatischen Himmelsflug zu nutzen, der ihn schließlich in eine biographische Abyss führte und noch einmal die dunkle Seite der Ekstase vor den Augen der deutschen Ohnemichels manifestierte. Vielleicht wurde Baader dadurch zum Totengräber der 68er, die sich durch den Niedergang ihrer militanten Fraktion tief betroffen, so weit aus der Öffentlichkeit zurückzogen.
Ohne die ausgehende Studentenrevolte, die eine generelle Unzufriedenheit, insbesondere innerhalb des weiblichen Anteils hervorgebracht hatte, wäre Baader vermutlich dem Duktus des kleinkriminellen und rotlichtigen Milieus verhaftet geblieben. Sein biographisches Umfeld, sein Bewusstsein über die eigene Besonderheit und Sensibilität, das er seit frühster Jugend anhand von exhibitionistischen Persönlichkeitszügen kultivierte (als sei die Welt eine Bühne, die einzig der Darstellung seiner Einzigartigkeit diene) führte schließlich zu einem empfundenen Mandat als selbst ernannter Träger "des wahren Lebens" - übrigens nicht unähnlich dem Che Guevaras, der wie Baader jetzt wieder als Symbol und Ikone auf T-Shirts und Schallplatten-Covern auftaucht. The makings of a star.
Beide Männer schafften es bis zu ihrem Lebensende nicht, sich von ihrer Persona der Selbstvergötterung zu lösen und blieben in großer Gefahr, der Dunkelheit, dem Chaos haften, um schließlich einen gewaltsamen Tod zu finden. Trotzdem oder gerade deshalb sind sie zu Idolen geworden, die es im Bewusstsein vieler zumindest wagten zu leben "anstatt in Pantoffeln vor dem Fernseher auf Tod durch Bier" zu warten.
Ob Baaders Leben in Wirklichkeit nicht von einem Kampf gegen die politischen Verhältnisse der damaligen BRD geprägt war, sondern eher eine Suche nach individueller Inspiration und Ekstase darstellte, ist eine der noch zu klärenden Hauptfragen zu Baaders Person und der gesamten Studentenrevolte. Der Kampf der Loslösung der Persona vom Kollektiv, gilt als entscheidender Schritt auf dem Weg zur Menschwerdung. In der Psychologie der Archetypen steht er auch für den Kampf mit den Toten - die im Krieg gefallenen Väter und das Erbe der Nationalsozialisten - sowie der "großen Mutter" - den Frauen, von denen Baader Zeit seines Lebens umgeben war und mit denen er weitaus besser zu kommunizieren verstand als mit dem männlichen Geschlecht oder seiner Nemesis, dem BKA-Chef Horst Herold.
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| Thorwald Proll, Horst Söhnlein, Andreas Baader und Gudrun Ensslin (v.l.) auf dem Archivbild vor der Urteilsverkündung vor der Vierten Großen Strafkammer des Landgerichts Frankfurt/Main am 31. Oktober 1968. |
Baader ist, wie auch Che Guevara, durch die im Laufe der Siebziger Jahre erstmals Welt umspannenden Medien zum Helden jener geworden, die an ähnlichen Konstellationen, zu scheitern drohten, beziehungsweise zum leibhaftigen Antichristen jener, welche die Auseinandersetzung und die Begegnung mit dem Irrationalen, Dionysischen seit jeher fürchten und die heute in der deutschen Medienlandschaft jeden Montag die Neuigkeiten aus dem Viertem Reich verwalten (während sie das Dritte immer noch ausschließlich als "Krebsgeschwulst am Körper einer verspäteten Gesellschaft" behandeln.) Die reine Annahme, dass die nationalsozialistischen Gräueltaten keine Atavismen oder Überreste eines mittlerweile überkommenen Hanges zum Irrationalen, sondern möglicherweise Taten eines immer noch latenten letalen Ekstaseversuches der zeitlich weit über den Beginn des Dritten Reiches hinausgeht, führt in Deutschland fünfzig Jahre nach Kriegende immer noch zum Vorwurf des Faschismus. Die Zensur ist in Kraft, Materialien, Bücher, Akten werden unter Verschluss gehalten oder sind verboten. Die Furcht vor dem Auftauchen neuer Informationen ist groß - vielleicht so groß wie die vor dem Erscheinen Baaders und der RAF, nach dem Sommer der Liebe.
Das Auftauchen des Irrationalen, des Weiblichen, die Suche nach Sinn und Ekstase ist in Deutschland - sehen wir vom Oktoberfest und der Love Parade einmal ab - seit dem Dritten Reich mit dem Stigma des Holocausts belegt und die Furcht vor deutscher Ekstase scheint im Angesicht unserer jüngsten Geschichte berechtigt.
Den berufslosen Andreas Baader und die Studentinnen Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof, im Angesicht des organisierten Terrors deutscher Konzentrationslager, als Terroristen und ihre Sympathisanten als Verbrecher zu brandmarken und mit Berufsverboten zu belegen, erscheint heute eher wie die Fortsetzung eines hilflosen Versuches diese unbewältigte, in Zyklon-B erstickte Ekstase zu externalisieren. Man wollte sich auf einem kleineren und positiven Nenner treffen und einen inneren Feind unserer Demokratie eliminieren - das Recht des einzelnen auf ein "Großes Leben". Diesen Versuch hat das Wirtschaftswunder mit seiner infantilen Gartenzwerg-Kultur und der fortgesetzten Hochachtung für Kleinkunst und belanglose Kulturprodukte in der deutschen Literatur- und Filmwelt bis zum heutigen Tag wieder und wieder unternommen. Andreas Baader hat versucht, diesem kleinen Leben zu entkommen.
Um Baaders Rolle für die deutsche Nachkrieggeschichte zu verstehen, müsste man sich ein paar unbequeme Fragen stellen. Darunter auch, wie es ausgerechnet einem Patriarchen aus dem Rotlichtmilieu gelingen konnte, seinen Frauen das Selbstbewusstsein einer gleich berechtigten Weiblichkeit zu vermitteln und sie zu einem bewaffneten, eigentlich sehr unweiblichen Kampf zu motivieren - nämlich die Waffe in die Hand zu nehmen und abzudrücken?
Stellt Andreas Baader in Deutschland immer noch ein mühsam soziologisch biographiertes Tabu-Thema dar, weil er uns in Wirklichkeit ein altes, in der westlichen Gesellschaft aber immer noch bedrohliches Männerbild präsentiert - das eines Mannes, den man, mit den Worten seines Freundes Rainer Langhans als Typus des Orients charakterisieren kann und der einen der letzten großen drohenden Konflikte auf dieser Welt, den zwischen Moslems und Christen symbolisiert? Weshalb wurden die bürgerlichen Frauen um Baader, wie die Journalistin Ulrike Meinhof zu tragischen Opfern stilisiert, während man den vorbestraften Szenegänger Baader zum Totengräber der Linken deklarierte?
Worin bestand Baaders Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht? Seine Anerkennung femininer Macht - der weiblichen Kraft der "Votze" - wie er es selbst ausdrückte, war und ist etwas, was die bürgerliche Frau von ihrem Mann nicht erhält. Stellten Frauen bei Baader womöglich etwas anderes dar, als minderwertige Männer?
Vor allem Männer betreten im Krieg ein Reich der menschlichen Erfahrung, das vom Alltäglichen mindestens so weit entfernt ist, wie "das Heilige". War die Eskalation der kriegerischen Handlungen um die RAF in Wirklichkeit eine Technik der Ekstase, wie vielleicht, Sex, Ecstasy und Techno? Sind "Ficken und Schießen ein Ding", wie Baader behauptete?
Die Encountergruppe Kommune 1, in der Baader sich gruppendynamisch schulte, diente dazu, sich selbst zu überwinden - ein Konzept nicht unähnlich dem nietzscheanischen Übermenschen, der lernt die Ketten seiner Herkunft, Familie, Gesellschaft und Gottheit zu transzendieren. In welcher deutschen Tradition befinden sich Baader und die RAF mit ihrem Idealismus und ihrer zerstörerischen Konsequenz? War Baader bereits der Vorläufer eines modernen Lifestyles, ein neuer Typus des Utopischen, der fernab von allen Theorien nur seiner eigenen Erfahrung traute, einem erfahrbaren Gott, der natürlich ekstatisch zu sein hatte? Wodurch wurde die geplante Himmelfahrt zum Höllengang und wie ist dieser Abstieg vermeidbar? Ohne sich diese Fragen zu stellen, wird man das Phänomen "Baader" und der RAF nicht weiter verstehen können, wird Baader weiterhin das "blutdürstige Bürschchen" oder der "Anarcho-Dandy" bleiben, als der er in den Medien immer noch dargestellt wird.
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| Die Dokumentation "Baader" von Christopher Roth läuft heute im Wettbewerb der Berlinale |
Begreifen wir den jungen Baader als Mitglied einer traditionsreichen Familie von deutschen Großlebenssuchern und Ekstatikern, die das wilde Leben in Deutschland suchten, so gelingt es uns vielleicht, einen tieferen Blick auf die nach Heil fiebernde deutsche Seele und den berserkerhaften Teil jener Kraft zu werfen, die immerzu "Gutes will und Böses schafft" und deren Ekstasebestrebungen uns Deutsche am Ende bisher noch immer in wahnwitzige Ernsthaftigkeit, abysmale Verranntheit oder den Holocaust führten.
Gibt es in Deutschland nun ein Leben mit und nach der Ekstase von 1968 oder führt sie uns, wie bei Andreas Baader unvermeidlich zurück in die Isolationshaft unserer so genannten Realität und in den Tod? Und wenn ja, wie könnte es aussehen?
http://www.heise.de/tp/artikel/11/11827/1.html- Akademische Ergüsse (16.2.2002 10:50)
- Comeback (16.2.2002 3:43)
- Ekstase und Enstase sind eins (16.2.2002 0:07)
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