Weg mit den Büchern!

20.02.2002

Mehr Bibliotheksrevolution mit weniger Geld: Träume eines scheidenden Bibliotheksdirektors

Bielefeld lag schon immer ganz, ganz vorn. Jedenfalls bei Bibliothekaren. In der Bielefelder Universitätsbibliothek gab es die ersten CD-ROMs und lange Öffnungszeiten bis Nachts um Eins; hier trifft man sich, um sich über den Stand der Technik zu informieren. Denn in Bielefeld waltet ein Mann, der Gott mit dem Sportwagen sucht: Karl Wilhelm Neubauer, Bibliotheksdirektor, Theologe und Porschefahrer. Neubauer will die Bibliotheken abschaffen, damit neue Informationsnetze wachsen können.

Gutenberg-Bibel

Dieses Mal war alles ein bisschen anders als sonst. Die im Zweijahresturnus stattfindende Bibliotheks-Konferenz hieß schon Bielefeld 2002 Conference, und Neubauer, der Umstürzler, verabschiedete sich, zweiundsechzig erst, nach sechzehn Jahren im Amt in den Ruhestand. Er selbst hielt nicht einmal einen eigenen Vortrag. Statt seiner sprang der nordrhein-westfälische Ministerialrat Friedrich Bode in die Bresche, als einer der angekündigten Redner überraschend ausfiel.

"Alle meine Bemerkungen sind ihm zuzuschreiben", also Neubauer. Das gab Bode gleich am Anfang seiner Ausführungen über die Bibliothekskrise und die Zukunft der wissenschaftlichen Information frank und frei zu.

Was Neubauer und sein Komplize im Schilde führen, ist nichts weniger als eine Revolution. Einer waschechten bibliotheks-geschichtsphilosophischen Teleologie folgend, wollen sie die Institution "Bibliothek" an ihren Widersprüchen zugrunde gehen lassen, um Platz zu schaffen für das Neue.

Deshalb sollen die alten Büchereien auch nicht mit neuen Mitteln subventioniert werden - und das obwohl die deutschen Bibliotheken heute im internationalen Vergleich weitaus besser dastehen als in den 60er bis 80er Jahren. "Mehr Geld für die Erhöhung des Erwerbsetats", das behauptete Bode alias Neubauer mit ketzerischem Elan, würde die notwendigen Strukturveränderungen verhindern, denen sich unsere Hochschulbibliotheken stellen müssen.

Die erste virtuelle Bibliothek stammt aus dem 19. Jahrhundert

Bayerische Staatsbibliothek

Der Plan ist einfach: Elektronische Medien sollen auf Dauer die Bücher und digitale Medien die Bibliotheksnetze ersetzen. In diese Richtung geht auch schon die Empfehlung der Hochschul-Rektoren-Konferenz zur Reduzierung der Etatkrise wissenschaftlicher Bibliotheken vom letzten Frühjahr, das Positionspapier der Initiative Information und Kommunikation und die Empfehlung des Wissenschaftsrates zur digitalen Informationsversorgung durch Hochschulbibliotheken.

Der Grundstein zur Umwandlung der Bibliothek in eine Art Informationsbeschaffungszentrale, so sieht es zumindest Neubauers Version der Geschichte, wurde in Deutschland schon im neunzehnten Jahrhundert gelegt, mit dem Gesamtkatalog der Preußischen Bibliotheken. In Ermangelung einer großen Nationalbibliothek, wie es sie etwa in England oder in Frankreich gab, schuf der Katalog die Basis für den Fernleihverkehr - und somit für eine zumindest ideelle Nationalbibliothek. Jener Gesamtkatalog, das behauptet Neubauer, ist bereits eine erste "virtuelle Bibliothek".

"Virtuelle Bibliothek" ist der wenig ansprechende, weil abgeschmackt-technokratisch und alles andere als revolutionär klingende Name für das große Neue, das Neubauer vor Augen schwebt. Bei einer virtuellen Bibliothek kommt es, ebenso wie beim Fernleihverkehr, nicht darauf an, wo die gewünschten Dokumente stehen. Sie sind von überall her zugänglich - und das für jedermann. Eine virtuelle Bibliotheken hat etwas von einer "Bring-Bibliothek" oder, um ein anderes Schlagwort der gegenwärtigen Debatte zu verwenden, einer "hybriden Bibliothek", einem Zwitterwesen aus Bücherei und Informationszentrale. Sie ist eine Bibliothek ohne Bücher.

Vom einmal Kaufen und oft Benutzen zum Pay-per-View

Bibliothek des Theologischen Seminars der Universität Zürich

Bei nichtvirtuellen Bibliotheken gibt es das Problem, dass Fernleihen ziemlich teuer sind. Durch die Verschickung, vor allem durch die aufwändige Bearbeitung der Leihvorgänge entstehen Kosten in Höhe von etwa dreißig Euro pro Dokument. Wären alle Bestände elektronisch verfügbar, so dass der Leser zuhause sich das Schrifttum lediglich auf einer Print-On-Demand-Maschine ausdrucken oder in sein E-Book (Das Buch lebt weiter) laden müsste, ließe sich dieser Prozess gewiss einfacher gestalten.

Das ist natürlich nicht alles. Denn angedacht ist auch, die Bibliotheken aus ihrer Pflicht zur Bereitstellung von Dokumenten gänzlich zu entlassen. Im extremen Fall würde der Nutzer die Dokumente direkt von den Verlagen erhalten; die Abrechnung würde im Modus "pay per view" über die Bibliotheken oder direkt über den Leser erfolgen. Somit wäre die Ursprungsidee einer Bücherei - einmal kaufen, oft benutzen - in ihr Gegenteil verkehrt. E-Books würden so oft gekauft, wie sie benutzt werden. Abmildern ließe sich dieser Extremfall durch Pauschalverträge und Lizenzen.

Die Vorteile eines Systems, das den direkten Zugang zur Literatur gewährt, liegen auf der Hand. Die Leser könnten so, ganz individuell und ohne Vermittlungsinstanzen, bestimmen, wie die Ressourcen verteilt werden. Andererseits: Was würde Verlage hindern, die Lesegebühren für Bücher, die besonders stark nachgefragt werden, einfach dementsprechend zu erhöhen? Für wenig gelesene Titel gilt paradoxer Weise das gleiche. Wenn beispielsweise die vielen teueren Nachschlagewerke von den Bibliotheken erst gar nicht mehr angeschafft würden, sondern die jeweiligen Artikel bei den Verlagen direkt bestellt würden, dann stiege deren Preis ins Unermessliche.

Statt Bibliotheken Suchmaschinen?

Dies alles ist Zukunftsmusik. Noch gibt es keine E-Books zu vernünftigem Preis und in überzeugender Qualität, wenn man auch im kleineren Stil versucht, mit E-Book Projekten wie dem der American Historical Association das neue Medium für wissenschaftliche Publikationen zu nutzen und dabei eine wirklich andere Art von Büchern zu fabrizieren - so wie dies Robert Darnton einmal in einem Aufsatz im New York Review of Books beschrieb.

Aber elektronische Bücher sind ein Nebenschauplatz. Noch sind nicht einmal die Bibliothekskataloge alle digitalisiert - von Texten ganz zu schweigen. Aber in einigen Bereichen scheint die Zukunft zum Greifen nahe. In der Physik, das hat Neubauer in einem Vortrag einmal vorgerechnet, kann man bereits jetzt auf siebzig bis achtzig Prozent der "Preprints" in elektronischer Form zugreifen - kostenlos, von den Servern der Institute. Damit ist ein weiterer Aspekt der bevorstehenden Bibliotheksumwandlung angesprochen: das elektronische Publizieren.

Nicht nur die Bibliotheken als Sammellager von Dokumenten, auch die Verlage scheinen allmählich ihrer Monopolstellung verlustig zu gehen. Neubauer will es fördern, wenn sich im elektronischen Publizieren Konventionen herausbilden, die als Entsprechung zu dem Gütesiegel dienen könnten, welches eine Veröffentlichung in einer anerkannten Fachzeitschrift immer noch bedeutet. Seit Jahren nämlich klagen die Bibliotheken über die steigenden Kosten der Abonnements (Verlage treiben Hochschulbibliotheken in die Krise). Die Versuche, mit der Bildung von Einkaufsgemeinschaften, so genannten Konsortien, bessere Bedingungen bei den Verlagen auszuhandeln, insbesondere was das Angebot an elektronischen Zeitschriften betrifft, haben sich nur bedingt als erfolgreich erwiesen. Die Verleger haben sich in die Position hineinmanövriert, den Bibliotheken die Zusammenstellungen der Abo-Pakete diktieren zu können, so dass diese Vieles kaufen müssen, was sie gar nicht benötigen, nur um an die gewünschten Titel zu gelangen.

Gerade weil sie mit dem Konsortienmodell und den alten Prinzipien brechen, sind Neubauers radikale Reformideen so attraktiv. Aber es gibt viele Fragen, die es zu klären gibt. Bode und er haben sie nicht einmal angeschnitten. Wer soll die Dokumente, auch auf lange Zeit, archivieren, wenn nicht die Bibliotheken? Wie soll im Pay-per-view-Modus abgerechnet werden: Über die Bibliotheken? Oder direkt mit dem Benutzer, der von der Bibliothek vielleicht ein gewisses Kontingent an "Bestellpunkten" erhält? Und dann gibt es das Problem, dass die Literatur in den verschiedenen Fächern unterschiedlich teuer ist. Wie will man, wenn man die Kostenverteilung individualisiert, vermeiden, dass Wissenschaftler aufgrund ihres Faches benachteiligt werden? Und die Bibliothekskataloge: Will man die durch "Google" ersetzen?

Nur wenn Antworten auf solche Fragen gefunden werden, wird man Skeptiker, die an dem alten Modell der Bibliothek festhalten, von der Notwendigkeit einer Virtualisierung überzeugen können.

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