Sind wir mehr Neandertaler als wir glaubten?

Cecilia Schreiber 25.02.2002

Verstärkte Suche nach den Zeichen für das "wahre Leben"

Mit der Entdeckung von Lucy in Äthiopien ist der menschliche Stammbaum auf die "Afrikaner" zurückgeführt worden. Unsere Urahnen sollen vor 50.000-40.000 Jahren aus dem östlichen Afrika über Kleinasien nach Europa gezogen sein und die Neandertaler vertrieben haben, die in unseren Breiten ansässig waren. Keineswegs, sagt Geoffrey Clark, Paläoanthropologe an der Arizona State University.

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Abbildung Lucy: Rekonstruktion der Arbeitsgruppe von Donald Johanson (Arizona State University)

Seine Botschaft heißt:

What we see in the allegedly 'sudden changes' in tool technology and 'art' in the Upper Palaeolithic could very well be due to changes in population densities that increased selective pressure for the expression of symbolic behavior to the extent that it became visible archaeologically for the first time.

Clarks Kritik, vorgetragen am 15. Februar anlässlich der Jahrestagung der AAAS (American Association for the Advancement of Science) in Boston, fokussiert auf die bisherige archäologische Betrachtungsweise, die den modernen Menschen, also den Afrikaner, an seinen Werkzeugen und seiner Kunst festmachen will. Gemach, so Clark, auch dort, wo der Waldschrat Neandertaler unangefochten dominierte, gibt es Funde, die nicht weniger Fortschrittliches erkennen lassen.

Die menschliche Ausdrucksform, die wir als "Art" verstehen, lässt sich mit immer größerer Sicherheit in einen Zeitraum vor der Invasion der tropischen Menschen einordnen. Die unterschiedlichen Steinwerkzeuge, bisher als Erkennungsmerkmale gehandelt, sind ebenfalls nicht rassespezifisch, sondern werden von der Örtlichkeit bestimmt. "These changes really follow a much more complex temporal and spatial mosaic pattern," beweist Clark.

Abbildung Neandertaler: Rekonstruktion der Arbeitsgruppe von Donald Johanson (Arizona State University)

Clark vermutet, dass die kulturellen und technischen Veränderungen in beiden Gruppen besonders mit der Populationsdichte zusammenhängt. Vor 57.000-24.000 Jahren dominierte mildes Klima. Somit bestanden gute Lebensbedingungen, die Zeit ließen, die Werkzeuge zu verbessern und Gefühle in Bilder umzusetzen. Die Eiszeit vor 24.000-12.000 Jahren hat die Bewohner aus dem Norden in die südlichen Gegenden getrieben. Weil mehr Menschen auf weniger Fläche lebten, häufen sich in Südfrankreich und Nordspanien die Funde. Aus derselben Zeitepoche stammen allerdings auch weit entfernte Höhlenzeichnungen, nämlich im Süden Australiens, die faszinierende Übereinstimmungen aufweisen. Aber nicht nur das: die uralte Technik hat sich bis heute oder immer wieder neu in der Tradition der Aboriginals erhalten.

Aus den Übereinstimmungen schließt Clark, dass Symbolismus oder Kunst das Wesen des Menschen ausmachen und nichts mit einer im Nachhinein interpretierten Entwicklungsstufe zu tun haben. Niemand kann also beweisen, dass sich Neandertaler und Afrikaner im Ausdruck voneinander unterschieden. Spinnt man den Gedanken weiter, können beide Rassen sehr wohl nebeneinander hergelebt und sich vermischt haben. Clark fordert deshalb, verstärkt nach den Zeichen für das wahre Leben zu suchen (social, environmental and/or demographic conditions).

Der Paläoanthropologe berührt einen wunden Punkt der Archäologie. Was wüssten wir über Griechen und Römer, wenn uns keine Schriften überliefert wären. Was wird man in 10.000 Jahren über uns sagen, wenn der Beton längst zerbröselt ist und nur noch unverottbare Plastikteile zum Vorschein kommen? Lebensqualität und Sozialverhalten verflüchtigen sich, wenn es nicht gelingt, den Tagesablauf unserer Vorfahren nachzuvollziehen.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11884/1.html
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