Alle Handys dieser Zelle vernetzt Euch!

Krystian Woznicki 23.02.2002

Ortsbezogene Mobil-Technologien auf dem Vormarsch

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Auf dem 3GSM World Congress waren so genannte "location-based" (ortsbezogene) Mobiltechnologien in aller Munde. Orientierung also: Finden sie die nächstgelegenen Clubs, Kinos, EC-Automaten und Tankstellen. Und mehr!

Auch auf dem 3GSM World Congress in aller Munde: Botfighter verknüpft die Handy-User im Umkreis einer Mobilfunkzelle und lässt sie gegeneinander in SMS-Schlachten antreten

Medienberichten zu Folge, stellte der französische Konzern Webraska auf der 3GSM einen Dienst für England vor: "Pub Finder", dem Namen nach ein Service, der alle wichtigen Trinkstätten in der jeweiligen Nähe des Handy-Besitzers aufzeigt. Sobald die Bar gefunden ist, können User sich mit ihren Freunden kurzschließen, indem sie ihnen eine vorformatierte Textnachricht mit der Adresse zukommen lassen.

Ähnliches wird bereits in 1600 deutschen Städten angeboten und funktioniert in den meisten Fällen entweder über GPS (hier sind so genannte Global Satellite Positioning Chips im Handy) oder über das Messen der Distanz, die der jeweilige Handybesitzer bezogen auf den Sendemast einer Mobilfunkzelle hat.

Zwar fand die Technologie nach dem 11.September enorme Verbreitung, doch ist sie seit geraumer Zeit Bestandteil diverser Experimente und Produkte (Vgl. Handliches Mapping). Ihr Ziel besteht darin, das tragbare Kommunikationswerkzeug zu einer omnipotenten Fernbedienung der Konsumgesellschaft zu machen. Katalysiert wurde der Trend wie so oft jedoch durch spielerische Anwendungen. (Vgl. Der kabellose Spielplatz)

Make Love and War

In Tokio waren seit Februrar 1998 so genannte Lovegetys im Einsatz, Handy-große Partnervermittler, die von der japanischen Firma Erfolg entwickelt wurden und sich im ersten Jahr zu jeweils 25 Dollarn über 400 000 Mal verkauft hatten.

Die Liebesgeräte, eine Art vernetzter Kontaktanzeiger, waren mit drei Einstellungsmöglichkeiten ausgestattet: "chat", wenn man zum Plaudern aufgelegt war. "karaoke", wenn man nach einem "Gesangsgenossen" suchte und "get-get", wenn man sofort zur Sache kommen wollte.

Wenn ein aktiver Lovegety einem anderen nahe genug kam - die Signale von aktiven Lovegetys waren anfangs nur bis zu einer Entfernung von viereinhalb Metern registriert - dann begann er zu piepsen und machte die Träger auf eine mögliche Bekanntschaft aufmerksam. Wenn es "funkte", dann blinkte es grün! Irgendwann sah man nur noch junge Menschen mit suchenden Blicken und dem Kontakt-Gadget in der Hand durch die Straßen rennen: ein urbanes Massenphänomen.

Auch die schwedische Firma Its Alive sagte sich, dass man mit einer einfachen Idee die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzen kann und brachte letztes Jahr mit einem breiten Grinsen ein Spiel für alle Handy-User auf den Markt. Counter-Strike für SMSer, möchte man meinen. Doch Botfighter ist mehr und verspricht anders als der Lovegety auch außerhalb des Herstellerlandes Verbreitung zu finden.

Im Internet stellt man sich seinen Kampf-Roboter zusammen und schlüpft dann in seine Haut. Nach Zufallsprinzip scannt das Handy die Umgebung nach anderen Mitspielern. Jederzeit könnte man folgendes SMS erhalten: "Achtung! Spieler Cyber-Bot ist 500 Meter nördlich des De Haen Platzes." Also schnell nach Norden rennen.

Erst wenn der gegnerische Cyber-Bot innerhalb von 500 Metern Reichweite ist, kann man endlich Patronen-SMS losfeuern. Das Duell dauert solange, bis der Schwächere aufgibt. Der Sieger erhält einen Bonus und kann seinem Roboter bessere Waffen mit grösserer Reichweite kaufen.

Weiblicher Raum?

Berichten zu Folge wird Botfighter häufig im Auto gespielt. Einige Fahrer rasen sogar bis an die Randzonen der Stadt, bis sie Mitstreiter finden. Spätestens hier dürfte klar werden, dass es sich nicht um einen, wie Medientheoretiker Mc Kenzie Wark es nennt, feminine space handelt, der im Zuge der massiven Handynutzung Konturen annimmt. Obwohl Handys vermeintlich von mehr Frauen als Männern genutzt werden, ist das Ballerspiel sicherlich in erster Linie Männersache.

Auch der Lovegety wurde vor allem von japanischen Männern gekauft, was insofern trostlos war, als dass es kaum zur gleichgeschlechtlichen Vernetzung gekommen sein wird. "Men: be sure that you have the man's Lovegety," warnte die blaue, für Männer vorbehaltene Packung. Schliesslich sollten blaue nur auf rosa-farbene, für Frauen bestimmte Geräte, reagieren.

Gate 5

Der in Berlin ansäßigen Firma Gate 5 dürfte die private Fernbedienung eher als Gender Bender erscheinen. Keine Trennung zwischen den Geschlechtern also. Längst hat sich das Gerät als massentauglich erwiesen. In den Augen der Gründer war das ohnehin schon immer beschlossene Sache. Jedenfalls widmen sie sich der Technologie nicht erst seit gestern. Noch bevor die Firma 1999 gegründet wurde, hatten Leute wie Andreas Steinhauser (heute technischer Vorstand bei Gate 5) ihre Köpfe in den unterschiedlichsten Projekten.

Sie entwickelten u.a. bei Art+Com Software für mobile Anwendungen. Und so überraschte es nicht, als Steinhauser auf dem Transmediale-Panel SMS-Encounters nicht nur Hintergründe so genannter environment sensitive applications erläuterte, sondern auch kurz die Geschichte der Handy-Hacker skizzierte. Stichwort: Ping of Death oder wie man das Handy seines Kommunikationspartners außer Gefecht setzen kann.

Die Software-gewordenen Erkenntnisse solcher frühen High-Tech-Bastler-"Spiele" laufen dieser Tage in der so genannten zone 5 Engine zusammen: Sie ist applikationsübergreifend und endgeräteneutral konzipiert und verwandelt portable Hardware in intelligente Begleiter, die nicht nur ein Gefühl für unsere Umgebung entfalten, sondern auch über unseren Charakter genau Bescheid wissen. Lokalisierung ist also erst im Schulterschluss mit Personalisierung wirklich brisant.

Nicht zufällig stellt Gate 5 auf der kommenden CeBIT "People Finder" vor, der auf Java-fähigen Smartphones läuft: Mit dieser Anwendung für das aktive und passive Lokalisieren von Personen lässt sich feststellen, ob Freunde in der Nähe sind, um sich dann spontan mit ihnen an bestimmten Orten zu verabreden und gemeinsame Aktivitäten zu planen. Über Profile und Opt-out-Funktionen haben Benutzer jederzeit die Kontrolle darüber, ob und von wem sie geortet werden können.

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11918/1.html
Kommentare lesen (12 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem

SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS