Die dritte Front in Mexiko

Harald Neuber 03.03.2002

Das Internet ist offener Schauplatz des sozialen Konflikts in Chiapas geworden

Es ist alles wohl überlegt: Die abgenutzte Mütze zieren drei rote Sterne, über das Gesicht ist eine dicke Wollmütze gezogen aus der nur die grünen Augen hervorstechen. Den Gürtel ziert ein leeres Pistolenhalfter, über die Schulter spannt ein Gurt mit Patronen. Marcos, der "Subkommandant" der "Zapatistischen Armee zur Nationalen Befreiung" (EZLN) vereint zwei vermeintlich unvereinbare Welten. Der Guerillero nutzt die Symbolik der mexikanischen Revolution ebenso wie die technischen Neuerungen des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Internet stellt für die Zapatisten im Unterschied zu anderen lateinamerikanischen Guerillabewegungen dabei nicht nur ein Propagandamittel dar, es ist Teil ihrer politischen Strategie.

  • mobil
  • drucken
  • versenden
Mit Handy und Patronengurt: Subkommandant Marcos. Foto: Indymedia Chiapas

Schon bald nach der spektakulären Besetzung mehrer Städte im südlichen mexikanischen Bundesstaat Chiapas am ersten Januar 1994 wurde die militärische Unterlegenheit der Bewegung deutlich. Die Prophezeiung einer schnellen Niederlage der Aufständischen bewahrheitete sich trotzdem nicht, denn die Gruppe setzte ihren Kampf auf medialer Ebene fort. Für die Aufständischen sei die virtuelle Sphäre, hatte Marcos damals in einem Interview erklärt, ein völlig neuartiger Raum, den es zu besetzen gelte. Acht Jahre nach dem überraschenden Auftritt der Gruppe ist dieses Ziel weitgehend realisiert.

Der Krieg der Netzwerke

Erstaunlich dabei ist, das die EZLN keine eigene offizielle Homepage besitzt. Unter www.ezln.org findet sich zwar eine Seite, die aber wurde unmittelbar nach dem medienwirksamen Auftritt der Zapatisten 1994 von dem US-amerikanischen Literaturstudenten Justin Paulson angemeldet - durchaus nicht gegen die Interessen der Gruppe. Zur Strategie der EZLN gehört nicht ausschließlich der Aufbau der eigenen Organisation mit dem Ziel der Übernahme der Macht, sondern Vernetzung und Aufbau der "Zivilgesellschaft". Mehr als einmal haben sie sich deswegen die herbe Kritik übriger, orthodox orientierter Guerillabewegungen Lateinamerikas eingehandelt.

Fuer den Marsch der Zapatisten auf Mexiko-Stadt im Februar 2001 wurde auch massiv im Internet geworben. Foto: Indymedia Chiapas

Als der ehemalige mexikanische Außenminister José Angel Gurría den zapatistischen Aufstand aber mit Sorge um das Image seiner Regierung als Krieg der Druckerschwärze und des Internet abzutun versuchte, begegnete ihm der Subkommandant mit Häme. Gurría versuche gegen ein Bild anzukämpfen, dass er nicht von Mexiko aus kontrollieren könne, weil es gleichzeitig überall sei, so Marcos. Derzeit finden sich unter dem Stichwort "EZLN" weit über 100.000 Einträge im Netz. Viele davon sind in den USA gehostet, wo Bürgerrechtler und Datenschützer ein politisch motiviertes Vorgehen gegen die Seiten denkbar schwer machen würden.

Schenkt man den Thesen von David F. Ronfeldt von der RAND-Cooperation Glauben, so herrscht in Mexiko seitdem ein "sozialer Krieg im Netz". Die Zapatisten, so lautet die grundlegende These des Sicherheitsanalysten, hätten eine neue Form des sozialen Kampfes entwickelt. Nicht nur die Fundamente des mexikanischen politischen Systems seien dadurch erschüttert worden, auch die Interessen der USA würden bedroht, schlussfolgern die RAND-Analysten in der 168 Seiten fassenden Sicherheitsstudie, die in Buchform veröffentlicht wurde.

Mexico's Zapatista movement exemplifies a new approach to social conflict that we call social netwar. Mexico, the nation that gave the world a prototype of social revolution early in the 20th century, has generated an information-age prototype of militant social netwar on the eve of the 21st century. This study examines the nature of this netwar and its implications, not only for Mexico but also for our understanding of the prospects for similar conflicts elsewhere.

The Zapatista "Social Netwar" in Mexico, David F. Ronfeldt (1998)

Weil die Zapatisten es fertiggebracht hätten, ein "Spektrum von Instablilitäten" im Nachbarstaat der USA zu erzeugen, verstehen Ronfeldt und seine Coautoren die zapatistische Strategie in der vom US-Militär in Auftrag gegebenen Studie als eine "neue Herausforderung" für die Sicherheitspolitik in Mexiko, den USA und dem Rest der Welt.

Foto: Indymedia Chiapas

Die Präsenz im Internet diene in erster Linie dem Kontakt zu NGOs (Nichtregierungsorganisationen). Die wiederum zeichneten für Diffusion der politischen Inhalte und den Aufbau von internationalen Netzwerken verantwortlich, die wiederum auf die mexikanische Regierung im Sinne der Zapatisten einwirkten. Nicht die direkte militärische Auseinandersetzung sei also das Ziel der EZLN, sondern der Aufbau solcher befreundeten Netzwerke. Ironie der Sache: Der rechte Analyst Ronfeldt bestätigt einen Uralt-Slogan der Linken, dass die Solidarität eine Waffe sein. Folgerichtig empfehlen die Autoren aber, dass die Arbeit der NGOs künftig ein stärkeres Interesse des US-Militärs gewidmet werden sollte.

Konsequenzen der Sicherheitsstudien

Wenn Mexiko und das Internet für die Zapatisten ein Versuchsfeld "für andere ähnliche Konflikte" ist, was bedeutet das aber im Umkehrschluss? Im September 2000 kündigte der mexikanische Präsident Vicente Fox eine umfassende Modernisierungskampagne für den, so Fox in einer Radioansprache, "unterentwickelten Süden" (seines Landes) an. Zu dem Plan gehörte der Ausbau des Internets und anderer medialer Infrastruktur (Zweite Conquista?). Fast zeitgleich veröffentlichte die mexikanische Tageszeitung "La Jornada" eine interne Studie für den mexikanischen Präsidenten, in der unter dem Titel "Chiapas 2000" Taktiken zur "Auslöschung" einflussreicher (aufständischer) Gruppen, insbesondere der EZLN, anempfohlen werden.

So sollten zunächst die Gründe für den bewaffneten Konflikt in Chiapas analysiert werden. Darüber hinaus gelte es, so heißt es in "Chiapas 2000", den Einfluss der bisherigen Akteure aller Seiten zurückzudrängen, um die politische Hoheit in Chiapas wiederzuerlangen. Zentrale Bedeutung kommt in dem Papier der medialen Begegnung des Konfliktes zu. Bei Sozialprogrammen solle der Eindruck entstehen, dass diese nicht aufgrund des Druckes der EZLN, sondern wegen der "berechtigten Forderungen unserer indigenen Brüder in Chiapas" gestartet würden. Dadurch könne es Vicente Fox im In- und Ausland wieder möglich werden, eine Protagonistenrolle einzunehmen.

Um die mediale Hoheit wiederzuerlangen, müsse "die soziale Kommunikation durch audivisuelle Medien bestimmt" werden. Damit soll man auf propagandistischer Ebene die Strategie kopiert werden, die Subkommandant Marcos mit dem Internet verfolge. Der Ausbau der eigenen Internetpräsenz tue das Übrige.

Die Gegenseite ruht sich auf ihren Lorbeeren aber nicht aus. "Es ist offensichtlich, dass Fox auf das Fernsehen als Propagandamittel setzt", sagt Paco, einer der Mitarbeiter des Büros von Indymedia in Chiapas. In San Cristóbal de Las Casas haben sie in einem kleinen Raum ihr Büro eingerichtet. Von zwei ausrangierten Computern, "die nur dank eines befreundeten Computerfreaks wieder laufen", witzelt der Student, wird die Seite ständig aktualisiert.

Das chiapanekische Büro von Indymedia (IMC) war vor einem Jahr, unmittelbar vor einem großen Marsch der Zapatisten auf Mexiko-Stadt und den Demonstrationen gegen das Weltwirtschaftsforum in der Touristenstadt Cancún gegründet worden. "Indymedia in Chiapas arbeitet in einer besonderen Situation", sagt eine andere Mitarbeiterin, María, "denn wir müssen mit verschiedenen Sprachen umgehen." In den zapatistischen Gemeinden, aus denen und über die man berichtet, werden neben Spanisch drei verschiedenen indianische Idiome gesprochen. Auch wenn man die nicht beachten könne, so machen selbst spanische und portugiesische Seiten im Internet noch immer weniger als zehn Prozent aus.

Viele der lokalen Medienprojekte, die im Dunstkreis der Solidaritätsbewegung mit den Zapatisten entstanden sind, bieten in Anbetracht der Bedeutung der Medien im Ringen um die Meinungsführerschaft Kurse zum Umgang mit Medien an. Eine der in San Cristóbal ansässigen Organisationen etwa versucht Frauen aus den indigenen Gemeinden an der Videokamera auszubilden. "In Anbetracht des Analphabetismus in den Gemeinden sollen Videodokumentationen von den Betroffenen selber genutzt werden, um gegen Übergriffe der Polizei, Armee oder paramilitärischer Gruppen Druck aufzubauen", sagt Paco, der das Videoprojekt bei Indymedia betreut. Die Videos würden dann wiederum auf der IMC-Seite veröffentlicht werden. So versuche man, die Kluft zwischen den betroffenen Gemeinden und der Unterstützergruppen zu verringern. Bislang, sagt María, sei es doch so, dass ausschließlich über die Zapatisten berichtet werde. Deren Meinung aber sei bislang stets "durch einen Filter gedrückt" worden. Mit dem Videoprojekt wolle man dem Anliegen der Verbreitung "autentischer Information" gerecht werden.

Kathedrale von San Cristóbal: Auch die Dioezese sponsort unabhaengige Medienprojekte

Probleme mit den Behörden hat das Indymedia-Büro nach eigenen Angaben kaum gehabt. Allerdings sei in die Wohnung eines befreundeten ausländischen Journalisten eingebrochen worden. "Die Räume wurden durchwühlt und der Computer zerstört". Die Einbrecher hätten auf die Wand gesprüht: "Wir wollen hier keine ausländischen Journalisten."

Dessen ungeachtet wollen die meist studentischen Mitarbeiter des Büros ihre Arbeit ausweiten. Die internationale Vernetzung, zu der das Internet ein Hauptmittel ist, habe an Bedeutung nichts verloren. Deutlich sei auch, dass dem mexikanischen Staat das nicht entgangen ist. Als vor wenigen Wochen ein von dem Indymedia-Büro entworfenes Plakat in der Stadt geklebt wurde, auf dem US-Präsident George W. Bush als Terrorist bezeichnet wird, habe ein Rucksackreisender aus Portugal die Plakatierer angesprochen. Die Szene sei von einem Polizisten beobachtet worden, der den jungen Mann festnahm. Wenige Tage später wurde er abgeschoben.

Trotzdem sehen sich die Medienmacher neben den politischen Schwierigkeiten vor allem finanziellen Unwegsamkeiten ausgesetzt. Darum dient das kleine Büro zugleich als Internet-Café, durch das man die Kasse etwas füllen will. "Indymedia hängt nicht so sehr von Ressourcen ab, als vielmehr von der Aktivität der Leute", sagt Paco. Und am Ende bleiben noch die technischen Hürden. "Subkommandant Marcos hat eben keinen Server", meint dazu der Ezln.org-Gründer Paulson. Die Mitteilungen des berühmten Guerilleros würden nach wie vor beschwerlich mit Esel und Jeep aus dem Urwald an Militärkontrollen vorbeigeschmuggelt.

Harald Neuber, San Cristóbal de Las Casas, Mexiko

http://www.heise.de/tp/artikel/11/11980/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS