Terrorbekämpfung: Krause Thesen und DNA-Projekte

Brigitte Zarzer 05.03.2002

US-Behörden wollen DNA-Proben von den Gefangenen in Afghanistan und Kuba - mit teils skurrilen Argumenten

US-Medienberichten zufolge will das FBI eine Gen-Datenbank von den gefangenen Taliban- und al-Qaida-Kämpfern einrichten. Angeblich sollen mutmaßliche Terroristen dadurch schneller identifiziert werden. Die Erklärungen zu den inzwischen publik gewordenen DNA-Projekten im Kampf gegen den Terrorismus klingen allerdings durchwegs merkwürdig.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Das wahrscheinlich kurioseste Argument für die Einrichtung einer DNA-Datenbank kolportiert CNN. Die Militärs würden sich darüber beklagen, dass die Inhaftierten von einem Verhör zum anderen völlig unterschiedliche Geschichten erzählen. Eine DNA-Probe könnte hier helfen, werden Militärvertreter zitiert.

"If each detainee could be identified through his DNA sample, officials said, it would help them determine who's who and whether they were telling the same story."

Schenkt man CNN Glauben, so sind die US-Militärs also nicht fähig, die dreihundert auf Kuba festgesetzten Personen auseinander zu halten. Soweit Otto-Normalverbraucher bekannt, reichen in westlichen Gefängnissen Fingerabdruck, Foto, mit Nummern versehene Kleidung, etc. aus, um die Insassen nicht zu verwechseln. Frage deshalb an Radio Eriwan: Sehen sich die "Gotteskrieger" sehr ähnlich? Und warum erzählen die Guantanamo-Häftlinge den Amerikanern eigentlich nicht die Wahrheit?

Aber wir haben es nicht mit Radio Eriwan zu tun, sondern mit CNN. Der renommierte Nachrichten-Sender begnügt sich mit den unsinnigen Militäraussagen und gibt auch keine Aufklärung darüber, weshalb ausgerechnet eine Gen-Datenbank bei den erwähnten Ermittlungsproblemen Abhilfe schaffen sollte. Etwas kritischer ging in diesem Fall die Nachrichtenagentur AP vor. Der Bericht stellt gleich eingangs fest, dass unklar bleibt, wofür die Behörden das genetische Material konkret nutzen wollen. AP ebenso wie die New York Times geben Aussagen von US-Behörden wieder, die mit Terrorismusprävention argumentieren. Beide Medien bleiben aber ebenfalls eine Erklärung schuldig, wie das konkret funktionieren soll.

Fakt ist hingegen, dass das FBI von Gefangenen des Afghanistan-Krieges, insbesondere von mutmaßlichen al-Qaida-Mitgliedern Haarproben und Hautpartikel einsammelt. Daraus sollen aufschlussreiche DNA-Analysen gezogen und so die vom FBI ausgemachten Top-Terroristen aufgespürt werden. Allen voran gelte es natürlich Usama Bin Ladin zu finden. Bereits vor wenigen Wochen hieß es, die USA hätten Mitglieder des Bin Ladin-Clans um Haarproben und ähnliches ersucht, um damit dem genetischen Fingerabdruck von Usama auf die Spur zu kommen. Zwei Aussagen dazu sind tatsächlich nachvollziehbar. Wenn Usama Bin Ladin bei den Angriffen auf Afghanistan getötet worden ist oder noch wird, so könnte man mit entsprechendem Gen-Material die Identität auch bei einer entstellten Leiche feststellen. Und nachdem die USA ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgelobt haben, müssen sie nun fürchten, dass Headhunter ihnen falsche Leichen unterjubeln. Dieses Risiko könnte man mit genetischem Vergleichsmaterial begrenzen.

Nach diesen beiden logischen Highlights führt das Bin Ladin-DNA-Projekt schließlich aber doch wieder ins Kuriositätenkabinett der Hypothesen und Argumente. So zitiert das Wochenmagazin Focus den US-Wissenschaftler und Gerichtsmediziner Victor Weedn: "Ob eine Leiche oder ein Gefangener tatsächlich Usama bin Ladin ist oder nicht, kann mit hundertprozentiger Sicherheit nur mit Hilfe eines DNA-Tests festgestellt werden." Da Forscher üblicherweise solche Vermutungen nicht einfach aus dem Hut zaubern, kann also davon ausgegangen werden, dass verschiedene US-Ermittler meinen, Usama Bin Ladin könnte sich eventuell als Kriegsgefangener tarnen. Guantanamo oder ein Gefangenlager in Afghanistan wäre unter den Hunderten bisher genannten sicher der originellste Aufenthaltsort.

Der Streifzug durch die Medien befördert in Zeiten wie diesen durchaus Skurriles zu Tage. Leider ist das Kapitel "Strike against Terrorism" doch zu ernst, um in Gelächter auszubrechen. Nachdem sich zum Thema DNA-Datenbank für Terrorismusverdächtige kaum stichhaltige Argumente finden lassen, liegt die Vermutung nahe, dass die US-Behörden es einfach wissen wollen. Frei nach dem Motto: Zuerst eine kleine Datenbank für mutmaßliche al-Qaida-Terroristen, weitere werden später folgen.

Die rechtliche Basis für das problematische Unterfangen erweiterter DNA-Datenbanken wurde bereits mit dem PATRIOT Act HR 3162 vom 25. Oktober 2001 geschaffen. Darin wird die Zielgruppe (bisher primär Sexualstraftäter) sehr weit gefasst. So sieht die SEC. 503 des HR 3162 einen Ausbau von Gen-Datenbanken für Terroristen und andere Gewalttäter vor. Da der Terrorismusbegriff unter dem Eindruck der Anschläge in den USA ebenso wie später in Europa ausgesprochen schwammig definiert wurde, haben diverse Bürgerrechtsgruppen aber zurecht gegen die Gefahren erweiterter DNA-Datenbanken protestiert.

Das konkrete Vorhaben mit DNA-Proben von Afghanistan-Gefangenen wird derzeit vom amerikanischen Justizministerium geprüft. Es benötigt außerdem noch die Billigung vom Kongress. Von der amerikanischen Öffentlichkeit ist wenig Widerstand zu erwarten. Schließlich will man ja Bin Ladin fangen. Die Frage ist nur, wer letztlich in eine DNA-Datenbank für Terrorismusverdächtige geraten wird?

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12003/1.html
Kommentare lesen (18 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS