NASA gönnt Rentner im Weltraum keinen ruhigen Lebensabend
Genau 30 Jahre nach ihrem Start wurde die Raumsonde Pioneer 10 genötigt, sich zu melden
Seit 30 Jahren driftet die nunmehr müde gewordene Pioneer-10-Sonde im All und hat seitdem eine ganze Menge kosmischer Abenteurer überstanden. Der Ruhestand wäre verdient gewesen. Doch 30 Jahre nach dem Start hat die NASA mit Hilfe des Deep Space Networks am Wochenende die Raumsonde abermals kontaktiert. Und siehe da: Zum Entzücken der NASA-Forscher antwortete der pflichtbewusste astrale Rentner.
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| Bilder: NASA |
Als am 2. März 1972 die NASA-Raumsonde Pioneer 10 vom Cap Kennedy Space Center mit einer dreistufigen Trägerrakete vom Typ Atlas-Centaur ins All startete, rechnete zu diesem Zeitpunkt kein NASA-Mitarbeiter damit, dass der Satellit genau 30 Jahre später einmal wieder reaktiviert und einen zweiten Frühling erleben würde. Aber genau dies ist am Samstag geschehen.
Einfach nur glücklich
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"Wir sind absolut glücklich, dass wir dieses Raumschiff immer noch kontaktieren können", brachte Robert Hogan seine Freude zum Ausdruck, der schon beim Start der Sonde vor 30 Jahren dabei war und für den Sektor "Weltraumprojekte" am NASA Ames Research Center verantwortlich ist. Bei der Kontaktaufnahme mit Pioneer 10 halfen die über die ganze Erde verteilten Antennenschüsseln des "Deep-Space-Networks" (DSN). "Als ewiger Optimist habe ich immer daran geglaubt, dass es klappt", gesteht auch Pioneer-10-Projektmanager Dr. Larry Lasher vom Ames-Forschungszentrum im kalifornischen Silicon Valley. "Pioneer 10 ist in der Vergangenheit bereits mehrfach abgeschrieben worden, aber irgendwie hat sie es immer wieder geschafft", betont Lasher.
Unverhofft hatte der Weltraumveteran bereits im August 2000 zum Entsetzen der NASA-Verantwortlichen einfach seine Rente eingereicht. Zwar konnte die NASA nochmals am 9. Juli 2001 mit Pioneer kurz in Kontakt treten; unmittelbar darauf jedoch blieb es ruhig um den einstigen interplanetaren Flitzer. Trotz mehrfacher Kontaktierungsversuche ließ sich die Raumsonde zu weiteren Überstunden nicht mehr überreden und ignorierte das irdische Funkfeuer.
Jetzt aber hat sich der Flugkörper, der zurzeit mit einer Geschwindigkeit von 12,24 km/sec (relativ zur Sonne) durchs All rast, aus einer Distanz von 79.86 AU (von der Sonne aus gesehen) - dies entspricht 11.94 Milliarden Kilometer - wieder in Erinnerung gebracht. Dies allerdings nicht aus eigenen Stücken, sondern nur, weil am Freitag das "Deep Space Network" in der NASA aktiv zur Tat schritt und ein Signal an das entlegene Raumschiff sandte. Summa summarum 22 Stunden und 6 Minuten dauerte es, bis die Daten ausgetauscht waren. Dabei beschränkte sich Pioneer darauf, mit einem schwachen Signal kurz zu antworten, dass von der Station 63 des DSN im spanischen Madrid aufgefangen wurde. Hierbei handelt es sich um jene 70-Meter-Schüssel, die auch das Primärsignal aussandte, mit dem das auf lediglich acht Watt Leistung ausgelegte Pioneer-Kommunikationssystem anscheinend reaktiviert werden konnte.
Kosmischer Pensionär hatte bewegte Jugend
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| Pioneers Ankunft beim Jupiter |
Streng genommen hat der Weltraumrentner sich den Lebensabend, den er eigentlich in Ruhe genießen wollte, redlich verdient. Denn das Leben, auf das Pioneer 10 inzwischen zurückblicken kann, war von zahlreichen und nicht risikoarmen Höhepunkten geprägt. So durchquerte der kosmische Pensionär in seiner Jugendzeit nach dem Passieren des Mars als das erste von Menschenhand geschaffene Objekt den äußerst gefährlich eingestuften Asteroidengürtel. Nachdem die Sonde diese kritische zwischen Mars und Jupiter gelegene Zone schadlos überstand, in der kilometergroße Brocken und Myriaden kleiner Gesteinsteile herumschwirren, trabte das Raumvehikel Ende 1973 in einer Entfernung von nur 131.000 Kilometer über die Ammoniak-Eiswolken des größten Planeten unseres Sonnensystems hinweg und überstand auch das Strahlenbombardement, mit dem Jupiter das irdische Gefährt willkommen hieß. Zahlreiche Fotos dokumentieren, dass sich der ganze Aufwand seinerzeit gelohnt hatte.
Nach dem erfolgreichen Vorbeiflug an Jupiter erwies sich Pioneer 10 jedoch als so langlebig, dass es zur Erforschung der Heliosphäre eingesetzt wurde, jenem Bereich, der die Grenze zwischen unserem Sonnensystem und dem extrasolaren Raum markiert. Wo genau diese Grenze verläuft, und wie weit der Einfluss der Sonne ins All reicht, konnte Pioneer 10 auch bis zum 31. März 1997 indes nicht erklären. An diesem Tag wurde die gesamte Mission dann auch offiziell beendet.
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| Pioneer fotografiert Jupiter |
Alsbald könnte aber der hochbetagte Kundschafter im All einen zweiten Frühling erleben. "Pioneer 10 lebt weiter", verdeutlicht Projektmanager Dr. Larry Lasher. "Die Tatsache, dass wir weiterhin mit diesem Raumschiff in Kontakt treten können ist fantastisch. Wir sind überglücklich. Seit dem Sommer haben wir ohne Ergebnis nach dem Signal von Pioneer 10 gelauscht. Und dann kamen wir zu der Überzeugung, dass, wenn die Sonde nicht mit uns reden will, wir mit der Sonde reden müssen."
Legendäre Aluminiumplatte
In Zukunft soll der Kontakt zu Pioneer 10 vom Deep Space Network der NASA weiterhin aufrechterhalten werden - so lange wie möglich. Sekundiert werden die Network-Spezialisten dabei von den SETI-Forschern, die bei ihrer Fahndung nach einer außerirdischen Radiobotschaft sicherlich ihren Anteil dazu beitragen, dass die Sonde nicht mehr so schnell verstummt, weil Pioneer 10 für die Radioastronomen ein ausgezeichneter Indikator ist, um die Leistungsfähigkeit ihrer Antennen zu überprüfen. Insbesondere die Mitarbeiter des Phoenix Projects, die Anfang dieses Monats wieder mit dem hochsensibelsten und zugleich weltweit größten unbeweglichen Radioteleskop, der 305-Meter-Aluminiumschlüssel in Arecibo (Puerto Rico) arbeiten dürfen, werden die Gunst der Gelegenheit nutzen und versuchen, das knapp über 11 Lichtstunden entfernte Pioneer-Signal einzufangen - nicht nur zu Trainingszwecken.
Denn das Interesse der SETI-Detektive an Pioneer 10 hat nicht zuletzt auch einen nostalgischen Hintergrund. Dies resultiert daher, dass das 270 Kilogramm schwere Raumschiff - wie seine Schwestersonde Pioneer 11, die am 5. April 1973 die Erde verließ - mit einer interplanetaren Botschaft in Gestalt einer 15 mal 22,5 Zentimeter großen und 1,27 Millimeter dicken Aluminiumplatte bestückt ist, die ihrer Zeit von den SETI-Pionieren Frank Drake und Carl Sagan entworfen wurde. Das von ihnen konzipierte Bild, auf dem ein menschliches Paar vor der Raumsonde Pioneer 10 stehend zu sehen ist und andere seltsame Symbole eingraviert sind, hat mittlerweile Kultstatus.
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| "Ein Gruß in die Zukunft - ein Gruß aus der Vergangenheit" |
Fragt sich allerdings nur, ob unsere vermeintlich intelligenten Brüder im All mit diesen Informationen überhaupt etwas anfangen können. Was mögen sie denken, wenn sie die Sonde mitsamt der bizarren Metallplakette einmal zu Gesicht bekommen, sofern sie ein solches überhaupt besitzen? Wie diese auch immer aussehen mögen - ihre Neugierde müssen die Damen und Herrn da draußen in den Tiefen des Alls noch ein klein wenig zügeln. So ungefähr zwei Millionen Jahre wird es halt noch dauern, bis Pioneer 10 das Sternbild Stier erreicht und den Mutterstern passiert sowie den Heimatplaneten der Aliens erreicht, um den friedvollen irdischen Gruß zu übermitteln.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12018/1.html- Rache der Sonde (8.3.2002 7:57)
- Wohin damit? (7.3.2002 18:48)
- Pioneer und die Leute dahinter (7.3.2002 18:40)
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