Fernsteuerbarer Roboter soll Journalisten in Kriegsgebieten ersetzen

07.03.2002

Der am MIT Media Lab entwickelte Rover "Afghan eXplorer" ist vielleicht nur ein Kunstprojekt, aber er soll, verbunden mit hohen Erwartungen, schon bald aus Afghanistan berichten

Die Idee läge möglicherweise gar nicht so ferne. Ebenso wie man Kampfroboter entwickelt oder bereits die ersten bewaffneten und ferngesteuerten Drohnen im Afghanistankrieg eingesetzt hat, lassen sich Roboter für alle möglichen Zwecke vorstellen, bei denen es Aufgaben zu erledigen gilt, die für Menschen unmöglich oder zu gefährlich sind. Und wenn man schon ferngesteuerte oder automatische Roboter zur sicheren Fernerkundung anderer Planeten einsetzt, ließe sich die hierfür entwickelten Rover doch auch für die Berichterstattung in Kriegszeiten einsetzen. Folglich wurde nun von einem Mitarbeiter des renommierten MIT Media Lab der auf vier Rädern fahrende und fernsteuerbare Journalistenroboter Afghan Explorer vorgestellt.

Das ziemlich nach Veräppelung klingende Projekt, das von der Computing Culture Group unter der Leitung von Chris Csikszentmihalyi seit Dezember letzten Jahres geplant und schon einmal auf einer Website vorgestellt wurde, gibt sich ganz aufklärerisch. Frieden könne nur von wechselseitigem Verständnis kommen, doch die Menschen der mächtigsten und technisch am weitesten fortgeschrittenen Nation in der Welt, die eigentlich jederzeit und von jedem Ort umfassende Informationen erhalten sollten, seien nicht nur geografisch, sondern auch hinsichtlich der Informationen vom Rest der Welt isoliert. Das sei auch deswegen schlecht, weil zunehmend mehr US-Soldaten in friedenserhaltende Missionen oder in Kriegen mit Menschen verwickelt seien, von denen man oft noch nicht einmal gehört habe. Um aber entscheiden zu können, ob diese Missionen und Kriege gerechtfertigt sind, müssten die amerikanischen Bürger über Medien ausreichende Informationen über das erhalten, was da in der Ferne wirklich vor sich geht.

Aber spätestens seit dem Golfkrieg werden die Journalisten - angeblich zur Sicherheit der Truppen - daran gehindert, an alle Orte zu gelangen und frei über die Geschehnisse zu berichten. Der Krieg in Afghanistan habe so großenteils ohne Zeugen stattgefunden. Afghanistan sei aufgrund der bestenfalls sehr einseitigen Informationen so weit von den USA wie der Mars entfernt. Warum also sollte man nicht, schlägt Csikszentmihalyi vor, Roboter an die Front auf der Erde schicken, wie man sie zur Erkundung möglichen extraterrestrischen Lebens auf dem Mars oder anderswo einsetzt?

"Seit den frühen 90er Jahren haben die USA den Journalisten den Zugang zu den Kriegsgebieten verwehrt. Das bedeutet, dass die Steuern zahlenden US-Bürger wenig Kenntnis davon haben, was mit ihren Soldaten und ihren Steuergeldern geschieht. Die Lösung: Eine ferngesteuertes Robotiksystem zur Kriegsberichterstattung, das Bilder, Töne und Interviews in Echtzeit liefern kann."

Würden solche Rover, die für 10.000 US-Dollar zu haben sind, massenweise die eigenen Soldaten, ihre Gegner und die Zivilisten für die Zuhause an den Bildschirmen Sitzenden beobachten und gar mit ihnen Gespräche führen, dann würde der Krieg nicht nur in Echtzeit stattfinden, sondern möglicherweise auch bald zu Ende sein, denn Dialog schafft Frieden. So also würde die Technik also wunderbarerweise nicht nur das Informationsproblem lösen, wenn es denn die Regierungen, Militärs und Kämpfer aller Seiten zulassen, sondern gleichzeitig auch für die "internationale Verständigung" sorgen. Afghanen könnten direkt über den Roboreporter zu den Amerikaner sprechen, und diese wiederum mit den Afghanen (sofern das Problem der - automatischen? - Übersetzung gleich noch mitgelöst würde). Nebenbei wüsste dann auch der Feind stets in Echtzeit, was die gegnerischen Kollegen gerade so machen, was die Ersatzjournalisten freilich nicht beliebter werden lassen dürfte als die menschlichen Vorbilder.

Vielleicht könnte dies ja auch eine Möglichkeit sein, den Krieg als Reality-TV live mitzuerleben (In den Krieg mit Reality TV) - solange der Rover, ausgestattet mit Videokamera, Mikrofon, Lautsprecher, Flachbildschirm, elektronischem Kompass, GPS-Empfänger, Solarzellen und einem Notebook, den Beschuss überlebt und sich im Gelände entsprechend bewegen kann. Mit einer Geschwindigkeit von 5 Stundenkilometern darf man wohl nicht zu viel erwarten. Aber es ist ja auch noch nur ein Projekt - oder vielleicht auch nur ein Kunstwerk.

"Indem er (der Afghan eXplorer) den US-Bürgern, dem 'average Joe', es ermöglicht, virtuel in der beeindruckenden Schönheit der Natur Afghanistans virtuell präsent zu sein und aus der Ferne seine lange Geschichte und verschiedenen Völker kennen zu lernen, können wir für die gegenwärtige Situation eine Hilfe bieten. Und ganz ähnlich können wir, indem wir den Afghanen einen Eindruck von dem vermitteln, was wir sind - kein großer Satan, sondern ziemlich friedliche und freiheitsliebende Menschen -, nur den Weg für Frieden und Aussöhnung eröffnen."

Da geht uns natürlich das Herz über, auch wenn wir noch immer nicht genau wissen, ob Csikszentmihalyi, der ja möglicherweise auch mit dem Flow-Menschen gleichen Namens verwandt sein könnte, das wirklich ernst meint. Gegenüber Salon versicherte er kürzlich, es handele sich um keinen "Medienvirus", Ende Februar habe man den multimedialen Rover für die Teleoperation bereits auf den Straßen von Somerville, Mass., getestet. Die werden wahrscheinlich aber in besserem Zustand sein als die Straßen und das Gelände in Afghanistan. Aber Csikszentmihalyi ist sich sicher, dass der Rover "in jedem Gelände operieren kann, das für menschliche Reporter körperlich oder politisch zu gefährlich" sei. Und gerade mit dem ausufernden Krieg gegen den Terrorismus könne man schließlich an viele Einsatzorte von Syrien über den Sudan oder Indonesien bis hin zum Irak denken.

In einem Wired-Artikel über den Afghan eXplorer werden Journalisten aus Fleisch und Blut befragt, ob solch ein Journalistenroboter sie wohl ersetzen könne. Die Antwort ist natürlich nein. Wer stimmt auch freiwillig seiner eigenen Abschaffung zu. Csikszentmihalyi ist darüber allerdings am wenigsten besorgt, hat der doch bereits einen automatischen DJ-Robot als Kunstprojekt geschaffen, der auch schon in Wettstreit mit seinen menschlichen Kollegen getreten ist.

Angeblich soll der Journalistenrobot, der über das Internet gesteuert werden kann, Ende des Frühjahrs tatsächlich durch Afghanistan touren, Interviews machen und Bilder liefern, die dann im Netz veröffentlicht werden.

"Unser Plan ist es", so Csikszentmihalyi, "mit Künstlergruppen hier und in Afghanistan oder irgendwo anders zu arbeiten, um Botschaften zu verfassen, die die Menschen darüber aufklären, was das ist und was es für sie tun kann. Wahrscheinlich wird der Robot am ersten Tag erschossen und werden seine Bestandteile verkauft. Aber es wird ein Versuch gewesen sein."

Sollte dann noch Krieg in Afghanistan sein, dann würde der eXplorer vermutlich ziemlich schnell von den Soldaten oder Kämpfern zerstört werden. Die Frage ist natürlich auch, ob das Militär, wenn es schon menschlichen Journalisten den Zugang zu bestimmten Gebieten verwehrt, fernsteuerbare Roboter, die live Bilder und Töne senden können, anders beurteilen wird. Noch sei unklar, meint Csikszentmihalyi, welchen rechtlichen Status ein solcher Roboter habe, weswegen er überall hin dürfte, wo Menschen nicht zugelassen werden. Die unklare Rechtslage dürfte aber das Pentagon wenig kümmern, schließlich wird wegen der Sicherheit der Truppe auch die Pressefreiheit eingeschränkt.

Doch wahrscheinlich wird der kleine Roboroboter sowieso schon nach einigen Hundert Metern im unwegsamen Gelände, wenn denn das Wetter mitspielt und er genügend Energie hat, auf die Hilfe von Menschen angewiesen sein, um weiter voranzukommen oder ein Hindernis zu überwinden. Oder der fernsteuerbare Roboroboter wird irgendwo als Spielzeug enden, was er ja auch (noch) ist. Ansonsten wird man wohl weiterhin die Funktion einer Fernaufklärung, auch für journalistische Zwecke, von der Arbeit eines Reporters trennen, der Gespräche führt und Kontakt mit Menschen aufzunehmen versucht. Aber wer weiß schon, was in Zukunft geschehen und gewünscht wird? Schließlich wurden von einer Künstlergruppe auch schon Robots entwickelt, die Graffiti auf die Straßen schreiben oder Flugblätter verteilen, wenn es den politischen Aktivisten zu gefährlich wird, selbst aufzutreten.

"Pamphleteer, a propaganda robot which automates the often dangerous practice of distributing subversive literature to the public. In field tests, Pamphleteer consistently out-performed human activists in quantity, scope, and efficiency, and also scored significantly higher on the cuteness - obnoxious scale (COS)."

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