Das Gnutella-Revival

08.03.2002

Das dezentrale Tausch-Netzwerk ist größer und stärker denn je

In den letzten Tagen wurden die Karten in der Welt der Tauschbörsen komplett neu gemischt. Gewinner wurde dabei überraschenderweise das Gnutella-Netzwerk, das seine Nutzerzahl über Nacht vervielfachen konnte. Entgegen anderer Erwartungen brach es unter der Last des Ansturms nicht zusammen.

Genau wird man wohl nie klären können, was denn nun wirklich Anfang letzter Woche mit Morpheus passiert ist. Fest steht: Das einst beliebteste aller Tauschbörsen-Programme funktionierte plötzlich nicht mehr. Morpheus-Betreiber Streamcast macht dafür den Konkurrenten KaZaA verantwortlich, doch der spricht von unbezahlten Rechnungen. Als Konsequenz des Streits veröffentlichte Streamcast Ende letzter Woche eine neue Version des Morpheus-Programms, die auf Gnutella-Technologie basiert.

Allein von der Software-Website Download.com wurde dieses Programm mittlerweile acht Millionen Mal heruntergeladen. Zwischenzeitlich verzeichnete der Gnutella-Anbieter Limewire.com bis zu 500 000 gleichzeitig mit dem Netz verbundene Nutzer. Einen annähernd vergleichbaren Ansturm hatte es erst einmal gegeben. Im Sommer 2000 verlangte ein US-Gericht die Schließung der MP3-Tauschbörse Napster. Tausende von Fans schauten sich nach Alternativen um, entdeckten Gnutella und legten das Netzwerk damit völlig lahm.

Aufstieg und Niedergang eines Mythos

Als der Winamp-Programmierer Justin Frankel Gnutella im März 2000 veröffentlichte, galt das Programm schnell als das hippste aller Filesharing-Tools. Im Gegensatz zu Napster verzichtete es ganz auf einen zentralen Datenbank-Server. Suchanfragen wurden einfach von Nutzer zu Nutzer weitergeleitet. Das Netz schien damit unzensierbar. Einen ersten Beweis dieser Theorie lieferte ausgerechnet Frankels Arbeitgeber AOL. Der Medienriese hatte die Winamp-Schmiede Nullsoft ein paar Monate zuvor aufgekauft und sah es nun gar nicht gern, dass einer seiner besten Mitarbeiter auf der Napster-Welle mitschwamm. Die Website Gnutella.com wurde nach wenigen Tagen auf Druck von AOL geschlossen.

Doch das Tauschen wurde dadurch nicht unterbrochen, denn Gnutella funktionierte ja ohne Server. Die Filesharing-Fans feierten dies als Sieg über die Medienindustrie. Als dann wenig später noch das Protokoll des Netzwerks durch eine gezielte Indiskretion bekannt wurde, konnte der Gnutella-Kult so richtig losgehen. Unzählige Programmierer begannen, eigene Clients für das Netzwerk zu entwickeln. Doch schon früh gab es auch kritische Stimmen. So erklärte ausgerechnet Gnutella-Entwickler Frankel, eigentlich habe er das Programm nur für "einige hundert Nutzer" konzipiert. Im Sommer 2000 wandte sich zudem einer der Napster-Entwickler mit einer Fundamental-Kritik an die Öffentlichkeit. In seinem Paper "Why Gnutella can't scale" rechnete Jordan Ritter vor, dass Gnutella früher oder später an seiner eigenen Datenlast ersticken werde.

Die Praxis schien ihm Recht zu geben. Für Modem-Nutzer wurde Gnutella schnell zu einer zähen und frustrierenden Angelegenheit, da ein Großteil ihrer Bandbreite für das Weiterleiten anderer Leute Suchanfragen drauf ging. Als dann im Juli 2000 die Napster-Fans das Netzwerk komplett zusammenbrechen ließen, verlor Gnutella für viele Filesharing-Freunde seinen Reiz. Auch die Industrie atmete erst einmal auf. So erklärte im April letzten Jahres ein Vertreter der RIAA, Gnutella bereite der Musikindustrie keine schlaflosen Nächte. Das Netzwerk sei zu klein und zu instabil, um eine ähnliche Bedeutung zu erlangen wie die damals sehr populären Open-Napster-Server.

"Kein Limit für die Zahl der Nutzer"

Nun ist Gnutella praktisch über Nacht wieder da. Zwar kam es in den letzten Tagen manchmal zu kleinen Aussetzern, doch im Großen und Ganzen hat sich das Netz als erstaunlich stabil erwiesen. Im Durchschnitt greifen darauf seit einer Woche rund 300 000 Nutzer gleichzeitig zu. Noch Ende letzten Jahres waren 40 000 so etwas wie die absolute Obergrenze. Doch dann veröffentlichten die Entwickler des Gnutella-Clients Limewire Version 2.0 ihres Programms, das mit so genanten Ultrapeer-Features ausgestattet ist. Ultrapeers sind Rechner mit guter Netzanbindung, die temporär als Server für 50 Nutzer fungieren. Dadurch wird das Daten-Grundrauschen erheblich verringert. Das Netz wird auch für schmalbandig angebundene Nutzer brauchbar und bremst sich nicht mehr selbst aus. Im Prinzip könne Gnutella damit munter weiter wachsen, so Limewire-CTO Greg Wilson gegenüber Telepolis:

"Wenn das Gnutella-Netzwerk wächst, breitet es sich gleichzeitig auch aus, so dass es wirklich kein Limit für die Zahl der Nutzer gibt."

Wilson bedauert allerdings, dass tausende von Morpheus-Nutzern sich jetzt mit einem veralteten Gnutella-Programm herumschlagen müssen. Streamcast bietet seinen Nutzern eine leicht modifizierte Version des Gnucleus-Programms an, das noch ohne Ultrapeer-Features auskommt. Gerade Modem- und ISDN-Nutzer wären deshalb gut beraten, sich einen modernen Client wie Limewire oder BearShare zu installieren.

Das nächste Ziel: Intelligentes Suchen

Kann Gnutella also mit Audiogalaxy, KaZaA und Co. mithalten? In Sachen potentieller Netzwerk-Größe sicherlich. Ein Schwachpunkt liegt bisher allerdings noch in der Reichweite der Suchanfragen. Mit der neuen Generation von Gnutella-Programmen lassen sich laut Wilson zwischen 5000 und 10000 Nodes (Rechner von Nutzern) abfragen. Filesharing-Systeme mit zentralem Suchindex wie Audiogalaxy sind dem natürlich haushoch überlegen.

Auch KaZaA, das über eine ähnliche Architektur wie das neue Gnutella-Netz verfügt, scheint seine Suchanfragen etwas effizienter zu verwalten, limitiert die Zahl der Treffer jedoch auf 100 pro Anfrage. Derzeit arbeiten Gnutella-Entwickler noch daran, mit massenhaften Anfragen besser umgehen zu können und auch auf obskure Suchanfragen mehr Treffer liefern zu können. Die nächste Gnutella-Entwicklungsstufe kann Wilson damit auch schon benennen:

"Das läuft alles auf selektives und intelligentes Suchanfragen-Management hinaus."

Gnutella-Clients:

Limewire für Windows, Mac OS, Mac OSX, Linux
Limewire Source Code
Bearshare für Windows

Gnutella-Portale:

Gnutella.com Gnutelliums.com Zeropaid.com

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