Der Geist, der aus der Flasche kam

16.03.2002

Eine andere Urheberrechtsdiskussion: George Soros will wissenschaftliche Artikel verfügbarer machen

Als Philanthrop richtig populär geworden ist der ungarisch-amerikanische Milliardär George Soros wohl durch das Verschenken von einigen hundert Kopierern im kommunistisch beherrschten Ungarn der achtziger Jahre. Damals ging es darum, das staatliche Kopiermonopol aufzubrechen, um den Zugang zu Ideen und Informationen zu demokratisieren. Ein ganz ähnliches Ziel verfolgt die jüngste Initiative von Soros' Open Society Institute: Drei Jahre lang wird mit einer Million Dollar jährlich die sogenannte Budapest Open Access Initiative unterstützt. Mit Hilfe dieser Mittel sollen Lösungen gefunden und gefördert werden, um Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften einem breiten Publikum kostenlos zugänglich zu machen.

Das Thema ist auch für Nicht-Wissenschaftler von enormer Brisanz. Die Verfügbarkeit von Beiträgen in wissenschaftlichen Zeitschriften ist so etwas wie ein Paradebeispiel für die Irrwege des Urheberrechts: Forscher werden für ihre Beiträge nicht bezahlt. Auch die meisten Wissenschaftler, welche die Aufsätze vor Veröffentlichung im sogenannten Verfahren der Peer-Review gegenlesen und deren Qualität beurteilen, tun dies kostenlos. Und dennoch kosten Abonnements dieser wissenschaftlichen Zeitschriften immens viel Geld: für ein Jahr Brain Research des niederländischen Verlages Elsevier Science müssen Bibliotheken zum Beispiel 16607 Euro zahlen.

Peter Suber, Philosophieprofessor am amerikanischen Earlham College gehört zu den Kritikern der Preispolitik der Zeitschriftenverlage:

"Das größte Problem ist, dass die Preise der Zeitschriften (sowohl der gedruckten als auch der online publizierten) seit drei Jahrzehnten stärker gestiegen sind als die Inflationsrate oder die Budgets der Bibliotheken."

Die Folge: Abonnements werden abbestellt, neue Zeitschriften nicht abonniert, Mittel von Büchern zu Zeitschriften umgeschichtet. Zur Zeit betragen Abonnementgebühren durchschnittliche 35 Prozent der Gesamtbudgets. Die Folgen der Preissteigerung: Während die Zahl der Zeitschriften steigt, sinkt dennoch die Verfügbarkeit ihres Inhalts insgesamt.

Peter Suber ist einer der Wissenschaftler, die diese Entwicklung aufhalten wollen. Er veröffentlicht den Free Online Scholarship Newsletter, in dem die Möglichkeiten des Internet für wissenschaftliche Veröffentlichungen diskutiert werden. Eine andere Initiative, die Public Library of Science mobilisierte im vergangenen Jahr fast 30000 Forscher aus 175 Staaten, die erklärten, Zeitschriften zu boykottieren, die Artikel binnen sechs Monaten nach Veröffentlichung nicht zur kostenlosen Nutzung freigeben (Wissenschaftler fordern eine zentrale Datenbank für alle Veröffentlichungen). Richard Stallman, Gründer des GNU-Projektes forderte damals im Magazin Nature: "Science must push copyright aside.".

Der Ansatz der "Budapest Open Access Initiative" (BOAI) unterscheidet sich von dem der "Public Library of Science". Das Ziel ist nicht, den Verlagen durch Druck der Autoren und Peer-Reviewer Zusagen für einen freien Zugang abzupressen. Vielmehr will BOAI den Aufbau paralleler Strukturen unterstützen.

Eine dieser Strukturen ist die sogenannte Selbst-Archivierung durch Wissenschaftler. Der Begriff meint kostenlos zugängliche Archive, in denen Wissenschaftler ihre andernorts erstveröffentlichten Beiträge ablegen. Dabei ist es wichtig, einen gemeinsamen Standard zu schaffen, der eine Recherche in all diesen Archiven über ein zentrales Interface ermöglicht. Ein Beispiel dafür ist das Open Archives Initiative Protocol for Metadata Harvesting, das einen Standard für die XML-Kodierung von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu etablieren versucht. Ein Beispiel für Anwendung dieses Standards ist die Eprints.org-Software, deren erfolgreiche Anwendung beispielsweise das Citebase-Archiv demonstriert.

Eine andere Gruppe von Projekten, welche die BOAI fördern will, sind alternative Fachzeitschriften, die einen kostenlosen Zugang und zugleich durch Peer-Review garantierte Qualität bieten. Eines der ältesten Beispiel ist das Magazin First Monday, das seit Mai 1996 erscheint. Einige dieser Magazine - wie zum Beispiel das New Journal of Physics finanzieren sich durch Veröffentlichungsgebühren, welche die Autoren aus ihren Forschungsbudgets bezahlen können. Die Vor- und Nachteile solcher neuen Finanzierungsformen werden seit längerem diskutiert.

Angesichts der Diskussion um die "Public Library of Science" sagte Derk Haank von Elsevier Science:

"Der Geist ist aus der Flasche gekommen. Wie kriegen wir ihn wieder hinein?"

Mit George Soros' Hilfe vielleicht gar nicht.

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