Ölboom in der Taiga
Der russische Ölkonzern Jukos wird in Ostsibirien Öl fördern. Doch werden auch die dort lebenden Ureinwohner, die Ewenken, vom Wohlstand profitieren?
Der Autonome Kreis der Ewenken (Ewenkskij Awtonomnij Okrug, Hauptstadt: Tura) hat eine Fläche von 771.747 Quadratmetern, er ist fast so groß wie die Türkei, wird aber gerade mal von 20 000 Menschen besiedelt. Der Kreis gehört zu den ärmsten und unterentwickeltsten Subjekten der Russischen Föderation. Das Taiga-Klima ist hart, es gibt wenig Abwechslung.
![]() |
Doch der eintönige Alltag wird sich bald beleben. Der zweitgrößte russische Erdölkonzern, Jukos, wird dort nämlich Erdöl in großem Stil fördern. 1,5 Mrd US-Dollar will das Unternehmen nach eigenen Angaben in den kommenden fünf Jahren in die Erschließung dort lagernder Ölquellen investieren. Bis 2005 sollen jährlich 7,5 Mio. Tonnen des schwarzen Goldes gefördert werden. Geplant ist außerdem der Bau einer Pipeline nach China. Russland hat sich bereits im vergangenen Jahr verpflichtet, jährlich 25 Millionen t Öl in die Volksrepublik zu liefern. Nachdem die internationalen Erdölkonzerne massiv auf den lukrativen chinesischen Markt drängen, will sich auch Russland mit seinen riesigen Energievorräten ein Teil vom Kuchen abschneiden. Obendrein lassen sich so auch Allianzen schmieden, das entsprechende Abkommen hatten Präsident Wladimir Putin und Präsident Jian Zemin am 16. Juli unterzeichnet, zwei Tage nachdem die Vereinigten Staaten einen Raketenabfangtest im Pazifik durchgeführten.
Das Nachsehen hat bei diesen großen Plänen womöglich das wenig begünstigte Volk der Ewenken. Zwar ist in einem im vergangenen November von Jukos und dem UN Office for Project Service (UNOPS) geschlossenen Übereinkommen eine umfassende Entwicklung des Ewenken-Gebiets vorgesehen. Und der Jukos-Konzern tönt bereits, dass die Ölförderung Investitionen und Jobs in die unterentwickelte Gegend bringen werde, doch es ist zu bezweifeln, ob die Ewenken tatsächlich von dem Jobwunder profitieren werden, ganz zu schweigen von den Umweltschäden, die Erdölförderung anrichtet. Das Beispiel Westsibirien hat gezeigt, dass die indigene Bevölkerung nicht qualifiziert ist für die Arbeit, die die Ölindustrie mit sich bringt und die ökologischen Folgen verheerend sind. Immerhin jedoch haben die Aktivitäten von Jukos eine bessere Versorgung mit Strom und Heizöl ins Ewenken-Gebiet gebracht - Vorteile, von denen andere Bewohner des russischen Hohen Nordens nur träumen können.
![]() |
Die Ewenken, nicht zu verwechseln mit den ihnen verwandten Ewenen, gehören zu den vielen so genannten kleinen Völkern des Nordens. Sie waren ursprünglich Nomaden und lebten als Fischer, Pelztierjäger und Rentierzüchter, wobei es ihr besonderes Charakteristikum ist, sich von den Rentieren nicht nur zu ernähren und das Fell zu verwenden, sondern auch auf ihnen zu reiten. Bereits in den 30-Jahren investierte die sowjetische Führung in ihre Sesshaftmachung. Doch dann, als sich die Ewenken an das Leben in Dörfern gewöhnt hatten, kam der Zusammenbruch des Sowjet-Systems und damit die Wirtschaftkrise, die den sowieso schon strukturschwachen Ewenkischen Kreis besonders hart getroffen hat. Die Versorgung ist auf sämtlichen Ebenen nicht mehr gewährleistet, die Wirtschaft entwickelt sich nicht. Aber die meisten Ewenken sind heute zu einem Leben in der Taiga nicht mehr fähig. Ihre traditionelle Lebensform müssen sie aus Handbüchern lernen. Sie teilen das Schicksal vieler sesshaft gemachter Nomadenvölker: Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Letzterer ist nach Angaben einer Studie der Russischen Akademie der Wissenschaften so drastisch ausgeprägt, dass die Zahl der Ureinwohner in den kommenden Jahren um zwei Drittel sinken könnte. Die Lebenserwartung eines typischen ewenkischen Dorfbewohners ist seit 1991 von 50 auf 42 Jahre gesunken.
|
|
Die Ewenken haben es besonders schwer, wieder eine eigene Identität zu entwickeln, denn von den 29.000 Ewenken, die es heute schätzungsweise noch gibt, leben nur etwa 8.000 in ihrem Autonomen Kreis. Der Rest existiert weit verstreut in Jakutien, China und der Mongolei, was zu einer ziemlichen Isolierung der einzelnen ewenkischen Gruppen führte. Völker wie die Jakuten oder Burjaten sind sehr viel besser organisiert, sie leben konzentriert auf ihrem Territorium. 1993 ist zumindest ein überregionales Treffen der Ewenken in Tura zustande gekommen und es wurde eine Deklaration über die nationale Wiedergeburt der Ewenken verabschiedet - ein Erfolg, wenn auch ein bescheidener.
![]() |
Ob das zart aufkeimende Identitätsgefühl reicht, um angesichts des angekündigten Öl-Wohlstands eigene Interessen durchzusetzen und eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Strukturen zu erreichen, wird sich zeigen. Hier wird es auch auf die Politik des Gebietsgouverneurs ankommen. Doch der Posten ist - wen wundert's - seit dem vergangenen April, durch Boris Solotarew besetzt, einen ehemaligen Jukos-Manager.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12066/1.html- nicht wirklich (5.4.2002 15:38)
- Magazin fuer Netzkultur (3.4.2002 22:49)
- quod licet jovi non licet bovi (27.3.2002 17:29)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2



