Die Vertreibung des Homo Oeconomicus
Der Beweis kommt aus dem Spiellabor: Die neuen Gegner des rationalen Nutzen-Maximierers sind Experimentalökonomen
Der Homo Oeconomicus ist ein Dummy. Wie alle seine Artgenossen muss er die Drecksarbeit erledigen. Und dafür auch noch Prügel einstecken: Immer wieder muss er sich testen lassen, ob er überhaupt geeignet ist für den Job.
Der Jobauftrag des Homo Oeconomicus heißt: Erkläre menschliches Verhalten! Zu diesem Zweck sind dem Dummy zwei Maximen einprogrammiert. Sie betreffen die Zweckrationalität und das Eigeninteresse (Wie du mir, so ich dir). In früheren Versionen des Oeconomicus, die immer noch in manchen Lehrbüchern zu finden sind, ist er ausgestattet wie ein wandelnder Computer - mit widerspruchsfreiem Zielsystem, versehen mit vollständigen Informationen und der Fähigkeit, die Folgen seiner Handlungen optimal zu kalkulieren. Neuere Modelle des Oeconomicus sind dem menschlichen Rationalitätsniveau angeglichen worden und berücksichtigen Unsicherheiten in der Entscheidungssituation und Informationskosten. Auch unter das Dach der Eigennutzprämisse hat man, dem Druck der Kritik nachgebend, alles Mögliche zusammengepfercht und dem Oeconomicus altruistische Neigungen und Präferenzen für nichtmaterielle Güter zugestanden.
Gleiches mit Gleichem vergelten
Eine neue Herausforderung, die den wandlungsfähigen Champion am Ende dennoch zu Fall bringen könnte, kommt nun aus den Reihen der Experimentalökonomen. Sie setzen dem prinzipiengeleiteten Oeconomicus ein Modell entgegen, das vor allem auf Untersuchungen im Spiellabor fußt.
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Einer der Köpfe der neuen Bewegung ist der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr, der das Institute für Empirical Research in Economics an der Universität Zürich leitet. Den Experimentalökonomen geht es vor allem darum, bekannte psychologische Sachverhalte in Gruppenspielen zu modellieren und auf ihre ökonomischen Konsequenzen hin zu untersuchen.
Eine Basistatsache, die sich in vielen der Versuche immer wieder bestätigt hat, ist, dass vierzig bis fünfzig Prozent menschlicher Akteure sich in uneigennütziger Weise "reziprok" verhalten: Sie vergelten Wohlwollen mit Wohlwollen und reagieren auf feindselige Handlungen mit Feindseligkeit - auch dann, wenn ihnen dadurch Kosten entstehen (s. Altruistisches Strafen). Sie tun dies zudem sogar in irrationaler Weise: Arbeitsverträge, die den Beschäftigten für den Fall, dass sie eine vereinbarte Leistung erbringen, einen Bonus in Aussicht stellen, führen zu sehr viel größerer Leistungsbereitschaft als Verträge, in denen Arbeitnehmer, die ihren Pflichten nicht nachkommen, mit einer Strafe rechnen müssen - auch, wenn beide Verträge rechnerisch aufs gleiche hinauslaufen.
Wozu hohe Gehälter taugen
Die Experimentalökonomen zeigen bisher vor allem, was passiert, wenn man den Präferenzen-Regler des Modell Oeconomicus mit Blick auf die tatsächlich verbreiteten Zielvorstellungen justiert. Während das Modell der klassischen Ökonomie vorhersagt, dass ein Bestand von Waren oder Arbeitskräften früher oder später - bei fallenden Preisen - vom Markt aufgekauft wird, demonstrieren die Laborexperimente von Fehr und seinen Kollegen, dass genau dies nicht immer zutrifft.
Die Arbeitsleistung der Beschäftigten und somit die Effizienz eines Unternehmens, darauf deuten die Untersuchungen hin, lassen sich wesentlich durch Bezahlung steuern. Arbeiter "antworten" auf hohe Bezüge damit, dass sie sich kooperativ geben und die gewünschte Leistung wirklich erbringen - was sie nicht müssten. In dieser Erwartung bieten Arbeitgeber mehr als den minimalen Lohn.
Schon das ist eine Abweichung vom Modell des Oeconomicus. Aber weiter noch: Eine Senkung der Gehälter würde demotivierend wirken, die Arbeitsmoral sinken - selbst dann, wenn die Kürzungen nur neue Angestellte beträfe. Aus diesem Grunde beschäftigen die Arbeitnehmer in Fehrs Experiment von sich aus keine Arbeiter unter Preis - auch wenn sie diese aufgrund eines großen Angebotes an Jobsuchenden billig einkaufen könnten. Das Überangebot bleibt bestehen.
Was die anderen denken
Die Schweizer Experimente zeigen übrigens nicht nur, dass Dummy "Homo Oeconomicus" als universaler menschlicher Platzhalter völlig ungeeignet ist, sondern auch, dass das Menschenbild "Oeconomicus" unter ordinären Akteuren viel weniger verbreitet ist als unter Ökonomen. Der Erfolg der "reziproken" Spieler hängt vor allem davon ab, dass sie - wie auf dem Aktienmarkt - richtig einschätzen, was die anderen Spieler glauben und tun. Offensichtlich gehen viele davon aus, dass auch die Mitspieler sich in nicht-egoistischer Weise reziprok verhalten - und fahren gut damit.
Gleiches gilt für die Rationalitätsannahme, wie Fehr im Vortragssaal gerne mit einem kleinen Spiel demonstriert. Zwanzig Testpersonen werden gebeten, eine Zahl zwischen eins und hundert auf einen Zettel zu notieren. Jene Person, deren Zahl am nächsten bei siebzig Prozent des Durchschnitts der gewählten Zahlen liegt, bekommt fünfzig Euro. Wenn alle "hundert" notieren würden, läge die Gewinnzahl bei siebzig. Weil alle das wissen, und alle wissen, dass alle es wissen, wird kein Spieler eine Zahl notieren, die höher ist als neunundvierzig - siebzig Prozent von "siebzig". Diese Überlegung lässt sich fortsetzten, so dass, wenn man es gründlich bedenkt, die Gewinnzahl gen Null tendieren sollte. Tatsächlich aber gewann bei der letzten Vorführung ein die Rationalität der anderen Spieler gering schätzender Teilnehmer mit der Zahl "einundzwanzig".
Von E. Fehr erscheint demnächst: E. Fehr und Gerhard Schwarz (Hrsg.): Psychologische Grundlagen der Ökonomie. Über Vernunft und Eigennutz hinaus. Verlag der Neuen Züricher Zeitung, 2002
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12075/1.html- Regierungsmaschine (30.3.2002 9:33)
- KI im Militär (30.3.2002 8:44)
- ca depend... (30.3.2002 8:38)
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