Riskante Operation gelungen: Hubble überstand künstliches "Koma" und "Herztransplantation"

Harald Zaun 14.03.2002

Jetzt muss der Patient nur noch aus der Narkose erwachen

Es war ein risikoreiches und auch finanziell kostspieliges Unternehmen. Aber der ganze Aufwand könnte sich gelohnt haben. In einer extrem arbeitsintensiven Operation im Weltall tauschten zwei Reparaturteams der US-Raumfähre 'Columbia' die störanfällig gewordene Energieschaltzentrale des zwölf Jahre alten Teleskops aus und bestückten dasselbige dabei mit einem neuen "Herz" und noch anderen diversen Extras. Jetzt, nachdem die Crew wieder sicheren Boden unter den Füssen hat, beginnt für die NASA indes das große Zittern. Denn erst in den nächsten Wochen entscheidet sich, ob die neuen Geräte auch allesamt einwandfrei funktionieren.

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Bilder: NASA

Kann es sein, dass unser Drang ins All und unser Streben nach Exploration einem genetischen Imperativ entspringt, der uns keine andere Wahl lässt, so zu handeln, wie dies beispielsweise in der Raumfahrt gerade der Fall ist? Oder wie soll man es sich anders erklären, dass wir uns mittlerweile im Orbit derart heimisch fühlen, dass wir keine Kosten und Mühen scheuen, um in regelmäßiger Unregelmäßigkeit Astronauten, Kosmonauten, alsbald auch Taikonauten und bisweilen sogar schon die ersten Wohlstands-Touristen dorthin entsenden, obgleich doch dieses Abenteuer nach wie vor immer noch hochgefährlich ist.

Ganz gleich wohin die Reise auch geht: Wie so oft ist auch hier der Mensch und nicht die Technik das schwächste Glied in der Kette. Trotzdem scheint spätestens seit der erfolgreichen Reparatur des Hubble-Weltraumteleskops durch Astronautenhand der früher oft künstlich hochstilisierte Dualismus zwischen bemannter und unbemannter Raumfahrt passé. Inzwischen hat es sich herumgesprochen, dass die kognitiven und taktilen Fähigkeiten des Menschen (bislang) noch jedem Roboter überlegen und vorerst unersetzlich sind.

Wie wichtig der Mensch in der Raumfahrt ist, offenbarte sich jetzt bei der Anti-Aging-Kur (Vgl. Anti-Aging für Hubble-Weltraumteleskop) des Hubble-Teleskops, die am Dienstag mit der Landung der Columbia offiziell erfolgreich abgeschlossen wurde, und die nach Angaben der Weltraumbehörde zu den schwierigsten, anstrengendsten und wichtigsten Missionen in der bisherigen Shuttle-Geschichte zählte.

Knapp 36 Stunden im All rumgewerkelt

Insgesamt fünf Tage musste das Weltraumteleskop intensive Reparatur- und Renovierungsarbeiten über sich ergehen lassen, wobei es die umfangreiche Generalüberholung ohne große Schrammen schadlos überstand. Seit Montag letzter Woche haben zwei Astronauten der US-Raumfähre Columbia insgesamt 35 Stunden und 55 Minuten an dem Hubble-Weltraumteleskop herumgewerkelt und damit zugleich einen neuen Rekord aufgestellt. Während ihrer knochenharten Weltraum-Arbeitseinsätze weilten die zwei Reparaturteams, die aus den US-Astronauten John Grunsfeld/Richard Linnehan und Jim Newman/Mike Massimino bestanden, sogar 29 Minuten länger im Orbit als bei der ersten Servicemission für das Weltraumteleskop.

Während der fünf Außeneinsätze wurde das Hubble-Teleskop erstmals in seiner 12-jährigen Karriere völlig abgeschaltet, primär deshalb, um die Astronauten vor einem eventuellen Stromschlag zu schützen und eine ungewöhnliche Herzoperation vorzubereiten. Wurden in den ersten beiden Tagen die beiden Sonnensegel durch modernere und leistungsfähigere Arrays ersetzt, so kümmerten sich tags darauf kosmische Chirurgen um den im künstlichen Koma liegenden Patienten. Diese pflanzten ihm eine neue Energiekontrolleinheit ein, tauschten somit Hubble's altes Herz gegen ein neues ein. Dabei zeigten die Operateure Grunsfeld und Linnehan trotz der klobigen Raumfahrer-Handschuhe erstaunliches Fingerspitzengefühl. Der von ihnen durchgeführte Austausch der Faint Object Camera gegen die Advanced Camera for Surveys (ACS), klappte ebenso wie am Schnürchen, wie die Installation eines neues Kühlsystems für die Near-Infrared Camera and Multi-Object Spectrometer (NICMOS).

"I'm a little saddened"

Als das zusätzlich mit einem neuen Kraftantrieb ausgerüstete Fernrohr am Samstag um 11.04 Uhr MEZ von Nancy Currie, die bei der Wartungsmission für die Bedienung des 15 Meter langen Roboterarms zuständig war, von der Arbeitsplattform der "Columbia" wieder ins freie All befördert wurde, war das letzte kritische Manöver geglückt. "Viel Glück, Mr. Hubble. Die Besatzung wünscht Hubble viel Glück auf der neuen Reise mit neuen Instrumenten zur Erforschung des Universums", lautete der Abschiedsgruß der Besatzung für das orbitale Fernrohr.

Abgesehen von einer kleineren Panne, als beim dritten Außeneinsatz ein Leck in Grunsfelds Raumanzug den Ausstieg nur geringfügig verzögerte - nach NASA-Angaben war aus der Kühlung Flüssigkeit in den oberen Teil des Anzugs geraten - ging die Mission zur großen Freude der US-Raumfahrtbehörde reibungslos über die Bühne. Gerade die NASA hatte jeden Operationsschritt, insbesondere bei der "Herztransplantation", dem gefährlichsten Teil des Unternehmens, mit sorgenvollen Argusaugen beobachtet. Hätte dabei eines der empfindlichen Instrumente an Bord von Hubble Schaden genommen, wäre ein Totalausfall des Teleskops kaum zu verhindern gewesen. Ähnlich wäre es dem Späher ergangen, hätten sich die Außenarbeiten der Crew weiter verzögert. In diesem Fall hätten die extremen Temperaturen und die kosmische Strahlung die sensible Elektronik unweigerlich zerstört. Kein Wunder also, dass der Crew nach diesem delikaten Reparatureinsatz trotz Schwerelosigkeit im Orbit Zentnerlasten von den Schultern gefallen sind: "Wir sind begeistert, dass Hubble wieder fit ist", sagte Astronaut Richard Linnehan nach Abschluss der Arbeiten. "Ich dachte, wir schaffen es nie. Aber wir haben einfach weiter gemacht", sagte sein Kollege Dr. John M. Grunsfeld, der Leiter des Reparaturteams.

Ob die neue rund 172 Millionen Dollar (197 Millionen Euro) teure Ausrüstung sich amortisiert, werden die ersten Testläufe zeigen. Hier ist allerdings Geduld gefragt, da das Ganze sich über Wochen erstrecken wird. So wird das ACS sein erstes Licht erst am 7. April feiern. Und die ersten Bilder des generalüberholten Observatoriums, auf das jetzt die Hoffnungen vieler Astronomen ruhen, werden frühestens im Mai veröffentlicht. Gleichwohl entdeckte die NASA nach der Auswertung von Fotos, die die Reparaturteams zum Zwecke der Materialüberprüfung gemacht hatten, an "Hubble" insgesamt 571 Einschläge von Mikrometeoriten. Davon hatten einige sogar einen Durchmesser von mehr als einen Zentimeter. Nach NASA-Angaben hätte aber keiner dieser Einschläge die Funktion des Teleskops beeinträchtigen können.

Hubble wird im Museum enden

Derweil fiebern die Experten den ersten Bildern entgegen. Besonders interessiert sind die Forscher an Bildern aus dem Großen Orion-Nebel, einem Geburtsort junger Sterne, der 1500 Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Ein spektakuläres Gebilde darin ist der "Bow Shock" um den jungen Stern LL Ori. Eine solche halbmondförmige kosmische Bugwelle entsteht, wenn zwei Gasströme kollidieren. Im Falle von LL Ori verhält es sich so, dass dieser einen starken, schnellen Partikelstrom abgibt, der auf das Gas des Orion-Nebels trifft. Jetzt hoffen die Astronomen, dass Hubble alsbald die dreidimensionale Struktur dieser Bugwelle genauer unter die Lupe nimmt, um den Prozess von Sternengeburten "transparenter" zu machen.

"Bow Shock"

Ob das modifizierte Hubble-Weltraumteleskop wirklich das extrem schwache Licht eines Planeten außerhalb unseres Sonnensystem einfangen kann, so wie dies Holland Ford von der Johns Hopkins University kürzlich für zumindest theoretisch denkbar erachtete, bleibt offen. In einem Kurzinterview mit Telepolis sagte der Forscher hierzu wortwörtlich:

If a planetary system in the Alpha Centauri system is like ours, or ones that we have seen, I think the chances are small, perhaps 1 in 10 or less. But, again and again in science nature surprises us. We probably will not be so lucky to find a surprise, but the possibility is not vanishingly small.

NASA-Astronaut John M. Grunsfeld bei der Hubble-Operation

Eines ist aber so gut wie sicher: Bereits in zwei Jahren folgt die nächste Wartungsmission. Voraussichtlich bis 2010 wird Hubble im Orbit aber noch ausharren müssen, bevor die Ablösung in Gestalt des Next Generation Space Telescope eintrifft. Dann heißt es für Hubble: Koffer packen und nach 20-jähriger Arbeit im All Abschied nehmen von der alten Heimat. Gleichwohl bleibt dem Weltraumspäher ein schwacher Trost. Denn anders als viele Raumsonden oder Weltraum-Observatorien wird es weder im Orbit als Weltraumschrott enden oder in der Erdatmosphäre verglühen. Im Gegenteil: Anno Domini 2010 will die NASA den altersschwachen Pensionär zur Erde zurückholen und im bekannten "Smithsonian Institution's National Air and Space Museum (NASM)" in Washington ausstellen. Selbst einem Neil Armstrong wurde solch eine Ehre nicht zuteil.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12081/1.html
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