Abtasten in Finsternis

01.04.2002

Schweizer Dokumentarfilmer begleitet den Kriegsfotografen James Nachtwey

Alles kaputt. Häuser, Autos: Kaputt. Stromleitungen, Strassen: Kaputt. Menschen: Tot oder zerstört. Der Boden dampft noch. Krieg. Ist gerade vorbei. Oder nicht? Hohes Surren japanischer Servomotoren. Ein Mann fotografiert. Im Hintergrund: Eine Moschee. Das Kosovo im Juni 1999.

Still aus "War Photographer", © Christian Frei Filmproductions

War Photographer des schweizerischen Produzenten und Dokumentarfilmers Christian Frei ist ein Film, den man vor nicht allzulanger Zeit noch nicht so hätte machen können. Frei hat dem Magnum-Kriegsfotografen James Nachtwey eine von Zürcher Tüftlern konstruierte Microcam auf die Spiegelreflex montiert. Somit sehen die Zuschauer von Freis Film das Grauen der Welt aus Nachtweys Blickwinkel. Manchmal ist die Microcam umgedreht und man sieht Nachtweys Gesicht, während er fotografiert.

Das nervend hochfrequente Sirren des Filmtransports von Nachtweys Kamera ist die Begleitmusik zur Selbstzerstörung ganzer Völkerscharen, das Klicken von Verschluss und Spiegel das asynchrone Metronom zum aussetzenden Herzschlag der menschlichen Zivilisation. Von Nachtwey stammt dieses Foto eines von mehreren Machetenhieben verstümmelten Kopfes aus dem Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi. Nachtwey ist eine still funktionierende Sonde, vom Mediensystem auf die der Sonnenseite des Kapitalismus abgewandten Seite des Planeten geschickt, die hart schwarzweiße Bilder von dort an die klimatisierten Bodenstationen sendet.

Still aus "War Photographer", © Christian Frei Filmproductions

Der Film zeigt Nachtwey bei der Arbeit und in seiner New Yorker Wohnung. Bei der Arbeit, das heißt, die Kamera folgt ihm in das Kosovo (1999), nach Jakarta (1999) nach Ramallah (2000) und in die Schwefelmine von Kawah Ijen (Indonesien, 1999). Dazu kommen Interviews mit Nachtweys Freunden und Kollegen wie CNN-Chefreporterin Christiane Amanpour und Blicke in die Redaktion des Stern, wo ein Artikel mit Fotos von Nachtwey vorbereitet wird. Drei Redakteure stehen vor einer Fotowand mit Nachtwey-Bildern aus dem Kosovo. Man überlegt, probiert, ordnet. "Das ist schön", sagt einer der Redakteure. Nachtwey wird später im Interview sagen, dass immer weniger Zeitschriften dazu bereit seien, Fotos wie die seinen zu drucken, weil die Anzeigenkunden ihre Werbeseiten lieber neben Fashion-Strecken platziert sähen als neben Bildern, die von der mörderischen Realität unseres Planeten erzählen. Diese Aussage macht fast soviel Angst wie die zitternden Bilder aus Krieg und Zerstörung.

Der Film stellt Fragen: Kann Photojournalismus etwas zum Guten hin bewirken, wenn er so intensiv ist wie der von Nachtwey? Nachtwey glaubt: Ja. Stumpft Nachtwey ab, angesichts all dieses Elends? Antwort von sich selbst und allen seinen Bekannten: Nein, was alle Beteiligten, inklusive Nachtwey selbst, ehrlich zu überraschen scheint. Profitiert man als Kriegsberichterstatter nicht vom Elend der Hungernden und Ausgebombten? Nachtwey sieht diese Gefahr, andererseits habe er seit über 20 Jahren konsequent darauf hingearbeitet, Kriegsfotograf zu werden, um das Leiden der betroffenen Menschen einer möglichst breiten Öffentlichkeit in den Industrienationen möglichst deutlich zu zeigen. Es gelingt ihm. Nachtwey spricht ruhig und präzise. Im Labor gibt er genaue Anweisungen. Auf dem Schlachtfeld rennt er neben jungen Palästinensern gegen israelische Truppen an, die man nie zu sehen bekommt. Tränengasgranaten fliegen. Nachtwey kauert sich hustend in ein dreckiges Eck in Ramallah. Einer seiner Freunde äußert die dunkle Vermutung, dass Nachtwey den Adrenalinkick braucht, um sich selbst zu spüren. Wenn dem so ist, dann hat der Photograph für diese Sucht wenigstens ein produktives Ventil gefunden.

Still aus "War Photographer", © Christian Frei Filmproductions

"Seine Jeans hatten Bügelfalte", stellt ein Kollege fest, der aus dem Off einen Streifen kommentiert, der Nachtwey und andere Pressefotografen bei gewalttätigen Unruhen in Südafrika zeigt. Der Fotoreporter neben ihm wird angeschossen und wird kurz darauf sterben. Man sieht Nachtwey, wie er seinem Kollegen hilft, seinen Oberkörper aufstützt. Außenrum tobt der Wahnsinn. Nachtweys auch unter widrigsten Umständen stets außerordentlich gepflegte Erscheinung sticht stets aus der Verkommenheit der Schauplätze hervor.

Er rast auf dem Rücksitz eines Motorroller-Taxis durch Jakarta, sein Spürsinn ruft ihn zu Schauplätzen, von denen alle anderen, die Kollegen seiner Zunft inklusive, eher davonrennen würden. Ein Kameramann von Reuters erzählt, wie ein indonesischer Lynchmob nach einem Attentat vier willkürlich herausgegriffene Ambonesen durch die Strassen Jakartas jagte und einen nach dem anderen tötete. Nachtwey mittendrin. Er habe die Menge auf Knien angefleht, die Menschen leben zu lassen. Keine Chance. Nachtwey konnte nur noch die Morde dokumentieren. Helfen oder fotografieren? Nachtweys Antwort: Wenn ich der einzige bin, der helfen kann, dann werde ich es tun. Er sehe seine primäre Aufgabe aber in der Dokumentation der Ereignisse, sei aber auch selbst durch seine Anwesenheit und sein Fotografieren Teil der Ereignisse.

Hier, also auf der reflektiven Ebene, zeigt sich eine der beiden Schwächen des Films. Nie wird die Frage aufgeworfen, inwieweit versierte Konfliktparteien die Arbeit der Berichterstatter und Fotografen für sich instrumentalisieren können und inwieweit das auch Nachtwey schon widerfahren ist. Während die Schwefelminenarbeiter oder die von Nachtwey in den Slums von Jakarta fotografierten Menschen ganz gewiss über jeden Manipulationsverdacht erhaben sind, ist das in hochpolitischen Konflikten wie in Palästina oder auf dem Balkan keineswegs so. Ein Pulk von Berichterstattern wird in weiße Bunny-Suits gepackt und von UNO-Experten an den Schauplatz einer Massenerschießung geführt, man drängelt sich um die besten Shots, Frau Amanpour holt sich eine Atemschutzmaske, es ist nicht mehr auszuhalten.

Nachtwey sagt, er könne seine Arbeit nur machen, weil ihm die Menschen, die er fotografiert, vertrauten. So auch die Einwohner eines von Albanern bewohnten Dorfs im Kosovo. Leichen werden ausgegraben, ein mit einer albanischen Flagge drapierter Sarg davongetragen. Hier hätte der Dokumentierende nachhaken müssen. Die wichtige Frage nach der Reflexivität der Kriegsberichterstattung wurde nicht gestellt. Ist die von Nachtwey reklamierte Nähe nicht auch ein Problem, wenn beim Rangehen auch die für die Berichterstattung wertvollen Aspekte der Distanz des Beobachters verloren gehen? Die Qualität der Scans der Realität und deren Konvertierung in die Wirklichkeiten unserer Mediensysteme ist von entscheidender Bedeutung für unser politisches Handeln.

Die zweite Schwäche des Films ist an vielen Stellen der Soundtrack. Dieser Film hat unglaublich starke Bilder und Frei hätte auf diese Bilder allein vertrauen sollen. Immerhin hat er sich selbst auch mit in Gefahr begeben. Bilder wie diese brauchen keine Musik, die sagt: "Das ist jetzt dramatisch" oder "Das ist jetzt traurig". Die Kritikpunkte verblassen insgesamt jedoch angesichts der Unmittelbarkeit und Kraft des Films als Ganzes.

Ein wesentlicher Pluspunkt: die Montage. Nachtwey bei den Ärmsten der Armen, die zwischen den Eisenbahnschienen in Jakarta leben. Ein Familienvater, dem von der Bahn ein Bein und ein Arm abgefahren wurde. Ein schmutziger Zug fährt kreischend und Funken schlagend vorbei. Schnitt. Menschen steigen aus der Hamburger U-Bahn aus, gehen in das ultrasaubere Gruner-und-Jahr-Gebäude, wo heute schon die Horrorschlagzeilen von morgen komponiert werden.

Der Film ist voll von intelligenten visuellen Ideen. Auch die Schnitte von der Kamera-Kamera auf die fertigen Bilder sind so lakonisch wie brillant. Man hat einen direkten Vergleich, in welchen Situationen das Schwarzweißfoto besser funktioniert als das bewegt-farbige Videobild und wann es umgekehrt ist.

Nachtwey bewegt sich still durch den Wahnsinn, er jagt im Ghetto einen Film nach dem anderen durch. Man wundert sich von Sekunde zu Sekunde mehr, dass er vollkommen unbeschadet mit einer Kameraausrüstung, die locker 10.000 Euro wert ist, durch die verkommensten Gegenden der Welt laufen und dabei auch noch Menschen fotografieren kann, die von Diebstahl und Verkauf seines Equipments problemlos einige Monate leben könnten. Auch von dieser Seite lässt sich die Frage stellen, wie lange die von Nachtwey kultivierte Art der Berichterstattung unter den Bedingungen des bellizistischen Brutal-Kapitalismus noch funktionieren kann, selbst wenn sie sich mit diesem gewissermaßen in Symbiose befindet. Er selbst sei durch die Bilder aus dem Vietnam-Krieg zur Kriegsberichterstattung gekommen, gibt Nachtwey zu Protokoll. Allerdings, so fügte er an, seien die für die Kriege Verantwortlichen immer stärker daran interessiert, dass aus den Kriegsgebieten keine für sie unangenehmen Bilder mehr an die Öffentlichkeit kommen.

Kein Wunder, dass dieselbe Öffentlichkeit sich mehr für harmlos-debile Filmchen aus dem Umfeld der verantwortlichen Mächtigen interessiert als für das, was diese Lebensformen tagtäglich per Fernbedienung anrichten. "War Photographer" war für den diesjährigen Dokumentarfilm-Oscar nominiert und das zu Recht. Bekommen hat den Oscar dann "Murder on a Sunday Morning" der beiden Franzosen Poncet und de Lestrade, der sich mit dem täglichen Rassismus im amerikanischen Justizsystem auseinandersetzt - durchaus ein Beitrag der Jury zur Selbstkritik Amerikas. Doch zurück zu "War Photographer": Die Macher des Films, namentlich Christian Frei und Kameramann Peter Indergand, haben gemeinsam mit James Nachtwey ihr Leben für die freie Berichterstattung aufs Spiel gesetzt. Dieser Film ist großartig und für jeden politisch Interessierten ein Muss.

"War Photographer" von Christian Frei ist in der Schweiz bereits angelaufen. Laut Aussage des zuständigen Vertriebs wird der Film zwischen April und Anfang Juni auch in Deutschland in die Kinos kommen.

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