Die Folgen des Giftgasanschlags der Aum in der Tokioter U-Bahn

Volker Hummel 20.04.2002

Über Haruki Murakamis "Untergrundkrieg"

Terror und Krieg haben Konjunktur. So ist es wohl zu erklären, dass der Dumont Verlag an den Originaltitel von Haruki Murakamis Buch über den Saringas-Anschlag auf die Tokioter U-Bahn die Silbe "-krieg" angehängt hat. Das passt in die derzeit offiziell sanktionierten Erklärungsmuster, die Terrorakte zu Kriegserklärungen umdefinieren und damit an die "barbarischen" Ränder der "Zivilisation" verweisen. Was Murakamis Buch jedoch auszeichnet, ist neben einer außerordentlichen Zurückhaltung bei den Interviews mit Opfern des Anschlags ein kluges Verharren vor allzuschnellen Erklärungen angesichts des medial fabrizierten "Unfassbaren".

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Am 20. März 1995 durchstachen fünf Mitglieder der Aum-Sekte, die sich jetzt Aleph und sich von der Vergangenheit distanziert hat, in den Zügen verschiedener U-Bahnlinien Tokios mit ihren Schirmspitzen kleine Plastikbeutel, in denen sich das Nervengas Sarin befand. Der Anschlag, bei dem zwölf Menschen starben und Tausende zum Teil schwer verletzt wurden, zielte auf das wohl am stärksten frequentierte und dichteste Nahverkehrssystem der Welt. Wie die Nervenbahnen Tokios stellen sich die vielen miteinander verschlungenen Bahnlinien dar, die auf einer dem Buch beigefügten Karte zu sehen sind. Blickt man auf dieses vielfarbige Netz, wird klar, dass Sektenführer Shoko Asahara eine Katastrophe viel größeren Ausmaßes vorschwebte. Getroffen werde sollte die japanische Gesellschaft an ihrer empfindlichsten Stelle, mit Hunderten von Toten, sozusagen als erster Akt eines Weltuntergangstheaters à la Aum.

Mag die Opferzahl auch hinter Asaharas Erwartungen zurückgeblieben sein, die verunsichernde Wirkung auf die japanische Gesellschaft hätte nicht größer sein können. Ein Land, das sich bis dahin als sicherster Ort der Welt verstanden hatte, sah sich plötzlich einer unbedingten Zerstörungsbereitschaft gegenüber. Und bei den Tätern handelte es sich auch noch um Mitbürger, und zwar teilweise um hervorragende Akademiker, Ärzte und Ingenieure, die in Aums "Ministerium für Wissenschaft und Technik" beschäftigt waren. Wie war es möglich, dass über Jahre hinweg (Aum wurde offiziell 1984 gegründet) diese Entwicklungen von der Öffentlichkeit kaum bemerkt wurden?

Der auch hierzulande einem großen Publikum bekannte Schriftsteller Haruki Murakami ("Mister Aufziehvogel", "Gefährliche Geliebte") begann seine Interviews ein Jahr nach dem Anschlag mit einer einfachen Frage: "Warum?" Ihn beschlich im Fortgang seiner Nachforschungen zunehmend das Gefühl, dass trotz eines gewaltigen medialen Aufruhrs diese eine Frage noch nicht beantwortet hinreichend worden war. Ungenügend fand er die Pauschalisierungen und simplen Erklärungsmuster, mit denen die japanischen Medien arbeiten:

"Die bisherige Berichterstattung [...] arbeitet durchgängig mit Polarisierung von 'wir', d.h. die 'unschuldigen Opfer und die Seite des Rechts', und 'sie', d.h. die 'schuldigen Täter und das Unrecht'."

Interessanterweise findet sich die Kritik an den Pauschalisierungen der Medien auch in vielen Interviews mit Opfern wieder. Es sind weniger Rachegefühle gegen die Täter, die in den Gesprächen zutage treten, als Kritik am öffentlichen Umgang mit dem Ereignis. So erklärt z. B. Yoshiko Wada, Witwe des Anschlagopfers Eiji Wada, vor der Presse, dass eine nähere Untersuchung der Ermordung des Rechtsanwalts Tsutsumi Sakamoto, der im Oktober 1989 23 Familien vor Gericht vertrat, deren Kinder sich Aum angeschlossen hatten, den Anschlag vielleicht verhindert hätte. "Das habe ich auch vor der Kamera gesagt, aber sie haben es einfach rausgeschnitten. Als ich nach dem Grund fragte, hieß es, das könnten sie ihren Werbespotkunden nicht zumuten."

Verdrängung als Grundlage der Konstruktion eines singulären Ereignisses

Interessanter noch als das offene Eingeständnis der Käuflichkeit ist jedoch ein anderer Aspekt der Zensur. Denn das eigentlich Störende an Frau Wadas Hinweis dürfte sein, dass er die Öffentlichkeit auf ihr vorheriges Versagen im Umgang mit einem sehr wohl sich abzeichnenden Radikalisierung Aums stößt. Solche selbstkritischen Reflexionen stören das Verständnis des Anschlags als "singuläres Ereignis" ohne Beispiel, nicht vorhersehbar, eben jener Anfall von Wahnsinn, auf den sich sämtliche Medien in ihrer Darstellung geeinigt haben.

Spätestens jetzt sollte klar sein, worin die Aktualität von Murakamis Buch liegt. In einer Welt, die seit dem 11. September nach weithin akzeptierter und reproduzierter Lesart eine ganz andere geworden ist, scheint historisches Bewusstsein verpönt. Wozu über eigene Versäumnisse und Verantwortlichkeiten im Zusammenhang mit diesem "beispiellosen barbarischen Angriff auf die Zivilisation" reflektieren, wenn es sich doch sowieso um ein singuläres Ereignis handelt? Wozu über imperialistische Außenpolitik und ungezügelte Globalisierung nachdenken, wenn im Ereignis sich eben nur das gänzlich Andere, das Barbarische manifestiert? Murakamis Gespräche machen sehr schön deutlich, wie viel aktive Verdrängungsarbeit eine solche Lesart erfordert.

Zum Verdrängten gehören neben den Vorzeichen auch die Nachwirkungen des Ereignisses. Aus den Gesprächen in ihrer Gesamtheit spricht ein großer Wille zur Normalität, gleichzeitig aber ein Aufbegehren gegen das Schweigen angesichts des Leids der Opfer. So klagt Naoyuki Ogata: "Schweigen ist eine Schande. Inzwischen gerät das, was passiert ist, schon wieder in Vergessenheit." Und auch Frau Wada beklagt sich über die mangelnde Berichterstattung:

"Nicht einmal die Medien haben darüber berichtet, wie qualvoll die Opfer gestorben sind."

Das erinnert stark an die Bildersperre von den Ruinen des WTC und aus Afghanistan. Nachdem das Ereignis selbst ein paar Tage lang in einer Endlosschleife über die Bildschirme gelaufen ist, haben wieder die Talking Heads das Ruder übernommen. Reales menschliches Leid, sei es in New York oder Kabul, ist fast komplett abwesend im öffentlichen Diskurs. Oberstes Ziel scheint es zu sein, die Wunde, das Trauma sofort zu überdecken und ein Bild amerikanischer Unverletzlichkeit zu reproduzieren. Die Ideologie vom "singulären Ereignis" verträgt eben weder historische, außenpolitische Reflexionen noch Bilder von blutenden Amerikanern. Außerdem, und auch das tritt in vielen Interviews Murakamis zutage, denken Opfer nicht in erster Linie an Rache. Das ist und bleibt Politikern und ihren Zentralorganen vorbehalten.

Damals Wahnsinn vs. Normalität, heute Barbarei vs. Zivilisation. Haruki Murakami will über solche Vereinfachungen hinaus gelangen:

"Was wir brauchen, sind neue Worte, entstanden aus neuen Gedanken, mit deren Hilfe wir eine neue Geschichte erzählen (und mit der alten Geschichte aufräumen) können."

Im zweiten Teil des Buches macht er sich in Gesprächen mit Aum-Anhängern auf die Suche nach solchen Worten, die die Sekte und ihre Taten nicht als das radikal Andere, sondern als Spiegel begreift, "aus dem uns unser verzerrtes Abbild entgegengrinst". Erst wenn man lernt, diesen Anblick zu ertragen, kann man auch den wirklichen Ursachen für den 11. September ein Stück weit näher kommen. Als "singuläres Ereignis" hingegen verschwindet es schon bald aus dem Kurzzeitgedächtnis der Öffentlichkeit, nur um sich dann irgendwann "aus heiterem Himmel" zu wiederholen.

Haruki Murakami: "Untergrundkrieg. Der Anschlag von Tokyo". Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. DuMont Verlag, 450 Seiten, 18 Euro.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12141/1.html
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