Hetzjagd durch die Zeit

Die Neuverfilmung der "Zeitmaschine" scheitert an schlechtem Timing

Herbert George Wells gilt vielen als der Begründer der modernen Science Fiction. Anders als Jules Verne, der von weitgehend bekannten, aber unzugänglichen Naturbereichen erzählte, beschäftigte Wells sich mit Möglichkeiten jenseits der Naturerkenntnis. In seiner 1895 erschienenen Erzählung "Die Zeitmaschine" beschrieb er erstmals ein Gerät, das eine gezielte Bewegung durch die Zeit erlaubt und schuf damit ein ungemein erfolgreiches Genre. Interessanterweise entstand fast gleichzeitig die Technologie, die bis heute die besten Zeitreisen ermöglicht: das Kino.

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Guy Pearce als Wissenschaftler und Erfinder Alexander Hartdegen. Bild: Copyright Warner Brothers, DreamWorks SKG

Diese Parallele, die geradezu nach einer filmischen Umsetzung schreit, hat Simon Wells (ja, er ist tatsächlich der Urenkel des Schriftstellers), der sich jetzt an eine Neuverfilmung des Science-Fiction-Klassikers gewagt hat, nicht interessiert. Stattdessen fügt er dem an paradoxen Verwicklungen reichen Genre mit The Time Machine ein neues Paradoxon hinzu: Er erzählt eine Zeitreisegeschichte, ohne sich wirklich für Zeit zu interessieren.

Der alte Wells verarbeitete in seinen Erzählungen aktuelle Tendenzen von Wissenschaft, Technik und Politik, spekulierte darüber, spann sie fort. Das Blickfeld seines Urenkels scheint sich dagegen auf den Werkzeugkasten für Drehbuchautoren und Spezialeffekte zu beschränken. Nicht einmal ansatzweise verwebt er wissenschaftliche oder philosophische Reflektionen über die Zeit in die Geschichte. Außer ein paar kryptischen, mathematischen Formeln auf einer Schiefertafel verweist nichts auf den physikalischen Hintergrund der Zeitmaschine.

Das Misstrauen in den ursprünglichen Plot zeigt sich schon bei der Motivation der Hauptfigur. "Was bringt einen Mann dazu, trotz der schier unüberwindlichen Hindernisse die Grenzen der Zeit zu sprengen?", fragte sich Drehbuchautor John Logan. In Wells' Erzählung wie auch in George Pals oscarprämierter Filmversion aus dem Jahr 1959 lautet die Antwort: Forschergeist und Drang nach Erkenntnis. Aber die Produzenten fürchteten wohl, das könnte heutzutage nicht mehr so recht ziehen.

"Wir hatten das Gefühl", sagt Logan, "dass wir dem heutigen Publikum einen überzeugenden, wirklich handfesten Grund liefern müssen."

Mit anderen Worten: Eine Liebesgeschichte musste her, wir sind schließlich in Hollywood. Nun baut der geniale Gelehrte Alexander Hartdegen, von Guy Pearce mit einer Mischung aus Unbeholfenheit und Besessenheit überzeugend und sympathisch verkörpert, die Zeitmaschine also, um einen tragischen Unglücksfall ungeschehen zu machen, bei dem seine Verlobte ums Leben kam. Eine schöne Idee, die aber die fatale Konsequenz hat, die titelgebende Maschine zu einem bloßen Mittel zum Zweck zu degradieren. Da kann die Zeitmaschine noch so schön aussehen (das Design ist angelehnt an die Erstverfilmung) - von nun an spielt sie unweigerlich die zweite Geige.

Die Liebesgeschichte verläuft allerdings schon nach kurzer Zeit im Sande: Alexander stellt fest, dass er die Vergangenheit nicht ändern kann und reist nun in die Zukunft. Warum? Das bleibt im Dunkeln. Bevor die eigentümliche Faszination einer Zeitreise sich entfalten kann, ist sie aber auch schon wieder vorbei. Als der Protagonist dann über 800.000 Jahre in der Zukunft beim Volk der Eloi erwacht, erreicht der Film seinen dramaturgischen Tiefpunkt: Statt sich für die Bemühungen um Verständigung und die Annäherung an das fremdartige Volk Zeit zu nehmen, präsentiert Wells eine Frau, die fließend und akzentfrei Alexanders Sprache spricht. Sie sei Lehrerin, heißt es zur Erklärung. Spätestens an dieser Stelle kann man das Kino eigentlich verlassen. Die 800.000 Jahre bleiben nichts weiter als eine bedeutungslose Ziffernfolge auf dem Zählwerk der Zeitmaschine. Ein Gefühl für diese unvorstellbare Zeitspanne kann sich bei solch plumpen Plot-Konstruktionen nicht einstellen.

Der "Uber-Morlock". Bild: Copyright Warner Brothers, DreamWorks SKG

Zwar ist die Zukunftswelt tricktechnisch durchaus eindrucksvoll gestaltet (Wells hat zuvor bei mehreren Trickfilmen mitgewirkt) und der Kampf mit dem unterirdischen Volk der Morlock, die die Eloi beherrschen und sich von ihnen ernähren, packend inszeniert. Doch das sind oberflächliche Qualitäten, die nach dem Film schnell wieder verblassen. Eine Verfilmung der "Zeitmaschine", die den Stoff der Erzählung wirklich in die Gegenwart übertragen will, müsste aufgreifen, was in dem Jahrhundert seit der Erstveröffentlichung passiert ist. Das wäre sicher auch im Sinne des alten Wells, der ja selber ein aufmerksamer Beobachter der Wissenschaften gewesen ist. Dabei bietet sich insbesondere die Verwandtschaft von Kino und Zeitmaschine an. Das Kino versetzt uns nicht nur ohne große Umstände auf die Schlachtfelder Cäsars, in den Wilden Westen oder in zukünftige Weltraumsiedlungen. Film ist überhaupt von seinem Wesen her eine Kunstform, die mit der Zeit spielt, sie dehnt, rafft, zerstückelt.

Doch für all das hat sich Simon Wells keinen Deut interessiert. Er hat die Zeitmaschine im 19. Jahrhundert belassen und sich in einer Geschichte mit schlecht motivierten Charakteren und unausgewogenem Erzählrhythmus verheddert. Es dürfte schwer fallen, einen anderen Zeitreisefilm zu finden, der mit so wenig Zeitgefühl inszeniert wurde.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12142/1.html
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