Virtuelles Troja
Dreidimensionale Visualisierung leistet nicht nur die Umsetzung für wissenschaftliche Hypothesen, sondern ist gleichzeitig auch ihr Prüfstand
Wie kaum eine andere Ausstellung polarisiert "Troja" Wissenschaftler und Besucher gleichermaßen: War Troja nur ein Provinznest oder gar, wie Grabungsleiter Manfred Korfmann meinte, eine anatolische Metropole? War der Grabungshügel Hisarlik tatsächlich Schauplatz des sagenumwobenen Trojanischen Krieges?Der Wissenschaftlerstreit um Troja wurde "vor allem von der Visualisierung der publizierten Befunde provoziert", meint Hanns-Ulrich Mette, Leiter des Pädagogischen Dienstes der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle. Sie verlängerte die Ausstellung aufgrund des Besucheransturms bis zum 1. April. Zur letzten Station der Aussstellung, die zuvor in Stuttgart und Braunschweig zu sehen war, kamen bislang mehr als 200.000 Besucher.
Die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, bedarf nicht nur buchstäblicher Knochenarbeit auf dem Feld, sondern auch Phantasie. Beides miteinander zu verbinden, ist eine Kunst, die Ausstellungsmacher beherrschen müssen. In der Bonner Troja-Ausstellung ist ihnen das mit dem "virtuellen Troja" auf neue Weise gelungen: Die Besucher erleben vor zwei Leinwänden eine Zeitreise nach Troja: Vom heutigen Grabungshügel bis zurück in die Bronzezeit rekonstruieren drei Pentium-III-Rechner ein dreidimensionales Troja. Selbst die fortschreitende Versandung der Flussmündung und die schleichende Veränderung der Vergetation wird berücksichtigt.
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Auf jede Besuchergruppe kann sich ein Lotse, der durch das Programm führt, individuell einstellen. Die eine interessiert sich nur für das spätbronzezeitliche Troja VI, während sich der andere eine spezifische Vorführung der griechisch-römischen Epoche von Troja VIII wünscht. Dabei kann sich der Lotse auf dem virtuellen Grabungshügel sowohl räumlich, als auch zeitlich frei bewegen. Keine vorher festgelegten Pfade legen seinen Rundgang fest, weil das Programm auf alle Ausgrabungsdaten zugreifen und so in Echtzeit die Bilder errechnen kann.
Visualisierungsfallen
Anders als das klassische Troja-Modell aus Holz, das in Stuttgart die Kontroverse entflammte, ob das bronzeitliche Troja je über eine Unterstadt verfügte, zeigt die Computersimulation mehr als nur Häuser symbolisierende dunkelgefärbte Holzwürfelchen: Der Betrachter sieht zunächst eine Rekonstruktion der Häuser, die auf den Grabungsbefunden beruht. Im Fall der Unterstadt sieht er dann eine hypothetische Totalrekonstruktion, die lediglich auf geomagnetischen Messungen beruht. Kleine Szenen mit Soldaten, Händlern und anderen Stadtbewohnern deuten den Kontext von Fundorten an.
Hanns-Ulrich Mette ist davon überzeugt, dass der Streit um die Unterstadt "sicherlich nicht so aufgebauscht worden wäre, wären die Hypothesen wie in der Computersimulation als solche klar erkennbar gewesen." Das von Manfred Korfmann entworfene Holzmodell hatte jedoch Grabungsbefunde nicht klar genug von der hypothetischen Totalrekonstruktion getrennt und damit den erbitterten Streit mit dem Althistoriker Manfred Kolb provoziert. Dieser Ansicht ist auch Steffen Kirchner, Projektleiter von "TrojaVR":
"Der Streit wäre sicherlich erst einmal intern geführt worden, da die Visualisierung sehr ernüchternd ist."
Datenberge
Eine ganz klare Trennung tatsächlicher Befunde von Rekonstruktionen wird die Arbeitsversion des Programms leisten, an der zur Zeit noch gebastelt wird. Dafür setzen die Wissenschaftler zunächst die Daten für jeden einzelnen ausgegrabenen und vermessenen Gebäudekomplex zentimetergenau mit einem handelsüblichen Auto-CAD-3D-Programm zusammen. Die GPS-referenzierten Häuser und Fundorte werden ebenfalls zentimetergenau in einem Koordinatennetz verortet, das eine 20-Kilometer-Umgebung von Troja umfasst. Selbst einzelne Keramikscherben werden samt Grabungszusammenhang digitalisiert.
Für die Rekonstruktionen der Häuser verwendeten die Wissenschaftler für das griechisch-römische etwa zwölf Häusertpyen, für das spätbronzezeitliche Troja sogar fünzig verschiedene Typen. Dabei kam es jedoch auch zu Überraschungen, stellte Steffen Kirchner fest:
"Die ersten Häuser mussten wir bis zu zehnmal ändern, weil die zweidimensionalen Skizzen sich als unplausibel erwiesen."
Fensterstürze, Türen, Dachkonstruktionen mussten immer wieder angepasst werden. Die dreidimensionale Visualisierung leistete damit nicht nur die Umsetzung für Hypothesen, sondern war gleichzeitig auch ihr Prüfstand und löste auf die Archäologen eine, so Kirchner, "gravierende Rückwirkung" aus.
Für die Bonner Version wurden die Grabungsschichten Troja II, VI und VIII komplett erfasst. Die Ergebnisse der letztjährigen Sommergrabung werden derzeit nachgetragen. Im Sommer soll der erste Prototyp für den wissenschaftlichen Gebrauch stehen. Dann können die Archäologen neue Grabungsbefunde per Laptop auf den Server in Berlin überspielen und vor Ort erste Hypothesen visuell überprüfen. Bis Juli 2003 sollen alle Troja-Daten im System sein.
Dass eine virtuelle Repräsentation nicht nur für Besucher gemacht wird, sondern auch von den Forschern direkt genutzt werden kann, ist das eigentlich Neue. Der archäologische Workflow reicht von der Grabungsstelle direkt bis zur Datenbank. Die Daten müssen nicht mehr erst mühsam in eine Datenbank eingespielt werden, sondern sind direkt verfügbar.
Schon zuvor gab es eine 3-D-Rekonstruktion von Troja, erstellt von Stuttgarter Architekturstudenten mit Unterstützung des Architekten Wolfgang Zöller im Rahmen eines Lehrauftrags: "Die Studenten rekonstruierten anstatt normaler Reihenhäuser eben das antike Troja". Aus dem studentischen Projekt, das ohne Fördergelder auskam, entstand sogar eine CD-ROM, die im Theiss-Verlag erschienen ist. Auf der Computermesse CAT 2001 in Stuttgart konnten sich Besucher auf der Basis der Daten sogar in Echtzeit durch Troja im Maßstab 1:1 bewegen.
Das archäologische Prestigeprojekt Troja VR hat hingegen rund 1,1 Millionen Euro gekostet. Etwa 430.000 Euro investierte die Berliner Firma ART+COM in das Projekt, das vom Bundesforschungsministerium unterstützt wurde. Danach werden die Tübinger das Projekt eigenständig fortführen. Die Berliner arbeiten gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut schon an einer weiteren, nicht minder ehrgeizigen Anwendung: Bis 2003 wollen sie das komplette Niltal digitalisieren. Das Faszinierende an der virtuellen Archäologie für Kirchner ist, dass "es hier um ein lebendes System geht, das man international vernetzen kann". Das Interesse für solche Anwendungen sei überwältigend. Schon bald könne man sich vielleicht nicht nur in Troja virtuell bewegen, sondern im ganzen Mittelmeer - und, so Kirchner hoffnungsvoll, "das Fernziel ist die ganze Welt".
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12153/1.html- ... oder für SGI? (25.3.2002 13:55)
- Prozessortyp (25.3.2002 12:48)
- schleichwerbung für Intel ? (25.3.2002 11:45)
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