Sing the body electric

Goedart Palm 23.03.2002

Cyborg-Professor Kevin Warwick will Superman helfen und selbst Batman werden

Wird es langsam Zeit, diese gebrechliche Maschine aus Fleisch, Knochen und Nerven an der Rezeption der Schöpfung abzugeben und gegen zuverlässigeres Gerät einzutauschen? Es riecht nach Unsterblichkeit, Wiederauferstehung und sinnlicher Totalaufrüstung, seitdem der britische Professor Kevin Warwick in den letzten Jahren seinen Ehrgeiz daran setzt, als erster Cyborg in die Geschichte des posthumanen Maschinenzeitalters einzugehen. So viel Ruhm hat seinen Preis.

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Mitte März diesen Jahres ließ sich Warwick, der bereits zuvor zum Fortschritt der Wissenschaft Chips in seinem Körper beherbergte, zwei Stunden lang operieren. 1998 hatte sich Warwick einen Chip in den Arm einpflanzen lassen, der Lichter anmachte und Türen öffnete, wenn der Versuchsprofessor ins Büro ging (Der Forscher als Publicity Stuntman). Im "Radcliffe Infirmary" in Oxford wurde diesmal ein Siliziumchip mit 100 Elektroden, jede so dünn wie ein Haar, in das linke Handgelenk implantiert und mit dem Mittelarmnerv des "nutty" Professors verbunden. Der Chip ist subkutan mit einem Sender-Empfänger-Gerät verdrahtet, das die Nervenbotschaften per Radiosignal an einen Computer weiterleitet (Details der Versuchsanordnung).

Alles lief bei der bislang einmaligen Operation glatt. Die freiwillige Cyborgisierung soll dem Fortschritt der Wissenschaft dienen, insbesondere Menschen mit Rückenmarksverletzungen wenigstens einen Teil der verlorenen Steuerungsfunktionen zurückgewähren. Das kostspielige £500.000-Experiment wurde unter anderem vom "National Spinal Injuries Centre" in Stoke Mandeville (UK) und dem "David Tolkien Trust for Stoke Mandeville, National Spinal Injuries", einem Fundraiser für die Forschung im Bereich von spinalen Schäden, unterstützt.

Die Cyborg-Forscher hoffen darauf, dass nun Nervenimpulse aufgezeichnet, aber auch wieder in die menschlichen Nervenbahnen eingespeist werden können. So könnten Signale, die etwa Fingerbewegungen kodieren, aber auch für komplexere Zustände wie Schmerzen oder gar Glücksgefühle zuständig sind, digital gespeichert und im Not- oder Glücksfall jederzeit abrufbar sein.

O I say, these are not the parts and poems of the Body only, but of the Soul, O I say now these are the Soul!

Walt Whitman, I sing the body electric

Nicht allzu weit in seinen Visionen von Aldous Huxleys "Brave New World" entfernt, träumt der Professor davon, dem Menschen instantane Glücksgefühle zu vermitteln, die nicht mehr von seinem konkreten Raum-Zeit-Erleben abhängig sind. "Instant Nirvana" (Marcus Hammerschmitt) mutiert also vom dubiosen Sektengeschäft zum hautnahen Computerspiel. Die Medizinindustrie hofft etwas praxisnäher auf künftige Umsätze, wenn etwa Querschnittsgelähmte wie Ex-Superman Christopher Reeve wieder befähigt würden, mit künstlichen Maschinenimpulsen ihre lahm gelegten Nervenbahnen zu ersetzen.

Warwick, der narzisstisch auf seiner Website als "I, Cyborg" in Anspielung auf Isaac Asimovs "I, Robot" figuriert und die Selbstinszenierungspraxis des Medienprofis beherrscht, verwahrt sich allerdings dagegen, nur als eitler Stuntman der Wissenschaft zu gelten: "Sich einer zweistündigen Operation zu unterziehen wäre wohl ein bisschen extrem, wenn es dabei nur um einem öffentlichen Stunt ginge." Ob nun Frankenstein, Rabbi Löw oder ein Spinner, dem Fortschritt dürfte es egal sein, welche Motive ihn antreiben und Warwick hat bereits letztes Jahr seine Seelenfrieden mit dem bioinvasiven Computer geschlossen: "Was gut für den Computer ist, ist dann auch gut für mich."

Die Wissenschaftler wissen indes noch nicht viel darüber, ob und welche Nervensignale sie nun tatsächlich aufzeichnen können und ob diese Signale in Zukunft auch jederzeit wieder abrufbar sind, um den menschlichen Körper zu steuern. Die Versuche werden bis auf weiteres einen Monat laufen, aber Aufmerksamkeitszampano Kevin Warwick ist schon jetzt von seiner historischen Mission überzeugt, die Welt fundamental verändert zu haben.

Warwick hat oft genug erklärt, dass die Zukunft des Menschen bzw. dessen, was von ihm übrig bleibt, eine Cyborg-Existenz sein wird. Batman Warwick träumt gar ganz von Sinnen, sich selbst mit Ultraschallsensoren auszustatten, um wie eine Fledermaus Objekte wahrnehmen zu können. Zwar glaubt der Wissenschaftler als Guinea-Pig, das den Verlockungen der "jointness" von Mensch und Maschine folgt, auch nicht, dass Superman in Kürze wieder seine volle Beweglichkeit zurückerlangen wird, aber vielleicht werde es ja demnächst wenigstens möglich, dass er mit Warwicks Killerapplikation zumindest wieder eine Teetasse heben kann.

Das wäre zwar nur eine kleine Handbewegung für Superman, aber ein großer Schritt für die Menschheit. Wenn Warwick dann noch einen Sinn für das Wünschbare im Chip bereit hält, dürften bald alle Menschen glücklich sein.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12154/1.html
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