Die Globalisierer blockieren die Globalisierung

26.03.2002

Interview mit dem heimlichen Revolutionär Michael Hardt, Co-Autor des Buchs "Empire", das sich zur Bibel linker Protestbewegungen mausert

"Empire" ist vieles. Es ist eine linke Theorie der Globalisierung, eine Analyse der Macht, ein Schrei nach mehr Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - und es ist Kult. In Berlin etwa - und da natürlich in Mitte - gibt es einen Literaturzirkel, der schon seit einem Jahr an der Lektüre des Buches knabbert. Weil es die Hintergründe von Genua darstellte, bevor es dort zum großen Knall kam. Und bei der Beschreibung der Multitude, den neuen Netzwerken der Menge, Seattle im Text nicht einmal erwähnt.

Michael Hardt. Foto: André Hercher

Was passiert, wenn ein ehemaliger Anhänger der italienischen Roten Brigaden und ein bislang eher unbekannter amerikanischer Literaturprofessor zusammen ein Buch über die Globalisierung schreiben? Im Fall von Empire landeten Antonio Negri und Michael Hardt einen Treffer. Das Werk hat seinem Erscheinen im Jahr 2000 eine heftige Debatte in linken akademischen Kreisen ausgelöst und wird als "Bibel der Protestbewegungen" von Seattle bis Genua gefeiert (Es rappelt im Emperium).

Während die Hype-Kurve rund um "Empire" in den USA bereits wieder abflaut, ist nun vor wenigen Tagen der über 400 Seiten dicke und nicht mit Verweisen auf Philosophen bis zurück zu den alten Griechen sparende Wälzer bei Campus auf deutsch erschienen. Auf einer Promotion-Tour erklärte Hardt seinen Anhängern in der Berliner Volksbühne sowie seinen Kritikern bei einer Diskussionsrunde mit Daniel Cohn-Bendit in der Repräsentanz der Deutschen Bank Unter den Linden die Paradoxien der Globalisierung und seine Utopie einer wahrhaft globalen und demokratischen Gesellschaft.

Das Empire materialisiert sich geradewegs vor unseren Augen.

Einleitungssatz von "Empire"

Aus der Sicht Hardts, der mit seinen leichten Locken und einem jungenhaften Gesicht nicht gerade wie ein Revoluzzer wirkt, muss die Linke die Demokratie von der Ebene des Nationalstaats, dessen Freund der Denker nicht ist, auf die globale Sphäre heben und dabei die bisherigen Repräsentationsformen neu erfinden. Und natürlich spart der Literaturprofessor in seiner Gegenwartsanalyse auch nicht an Kritik an seinem Präsidenten George W. Bush und dessen "Erpressungsmethoden" im Krieg gegen die "Achse des Bösen". Im Gespräch mit Telepolis stellt Hardt außerdem sein Verhältnis zu el Qaida, zum Anarchismus und zur neuen Organisation von Macht klar.

"Empire" wird von Intellektuellen wie Slavoj Zizek bereits als das Kommunistische Manifest unserer Tage gehandelt. Fühlen Sie sich wohl mit solchen Kennziffern?

Michael Hardt: Es ist auf jeden Fall ein kommunistisches Buch. Mit diesem Teil der Beschreibung kann ich leben. Aber es ist kein Manifest. Dafür ist es zu lang und es präsentiert auch kein politisches Programm. Wir versuchen die gegenwärtige Weltordnung zu beschreiben. Natürlich machen wir auch Gegenvorschläge. Aber die praktische Arbeit sollte lieber in politischen Bewegungen erfolgen.

Wie manifestiert sich die globale Machtstruktur? Bei "Imperium" denken viele einerseits ans alte Rom, andererseits aktuell an die USA.

Michael Hardt: Wir versuchen eine Machtform zu beschreiben, die sich vor allem von der Form der Macht oder der Souveränität des Imperialismus der ehemaligen europäischen Kolonialstaaten absetzt. Die neue Macht, das Empire, ist gerade ein Imperium "ohne Rom". Sie funktioniert in Form eines Netzwerks, also gerade nicht zentralistisch. Die USA haben darin eine privilegierte Rolle, vor allem im militärischen Bereich. Sie stellen gleichsam einen Knoten im Netzwerk dar. Aber es gibt nicht mehr diese Zentralität, die für die früheren imperialistischen Beziehungen kennzeichnend war.

Michael Hardt mit Stefan Krempl. Foto: André Hercher

Da Sie von Netzwerken sprechen: Welche Rolle spielen die neuen Technologien dabei? Wir haben ja viel gehört von der befreienden Kraft des Internet. Andererseits beschreiben sie die Hochtechnologie doch auch als Macht zur Unterdrückung der neuen "Arbeiterklasse"?

Michael Hardt: Mit dem Begriff Technologie hat es dieselbe Bewandtnis wie mit dem Terminus Globalisierung. Die Technologie allgemein oder die neuen Informationstechnologien im Besonderen wirken nicht von sich aus befreiend oder kontrollierend. Sie können tatsächlich neue Formen der Beherrschung begründen, die sich fürchterlicher auswirken als frühere Herrschaftsformen. Aber sie können auch das Gegenteil bewirken.

Globalisierung ist Ihr großes Stichwort. In diesem Zusammenhang konfrontieren Sie die Leser mit einem Paradox: Einerseits lehnen Sie die gängigen Globalisierungskräfte wie Konzerne und die große Politik ab und sympathisieren mit den Protestbewegungen, andererseits fordern Sie ein "Mehr" an Globalisierung. Wie passt das zusammen?

Michael Hardt: Die Protestbewegungen, die ich als einen enormen politischen Fortschritt betrachte, sind nicht gegen die Globalisierung an sich gerichtet. Sie sind gegen die spezifische, momentan durchgesetzte Form der Globalisierung. In der Presse und von vielen Politikern wird Globalisierung immer eindimensional präsentiert: "Sie sind entweder an Bord oder Sie sind draußen." Doch vernünftiger ist es, auf andere Möglichkeiten der Globalisierung hinzuweisen. Die Protestler fordern mehr Freiheit, mehr Gleichheit und mehr Demokratie. Das scheinen mir die besseren Globalisierungsargumente zu sein. Denn die gegenwärtige Globalisierungspolitik behindert beispielsweise die freie Migration der Menschen. Die so genannten "Anti-Globalisierer" fordern dagegen eine produktivere und demokratischere Globalisierung.

Lassen Sie uns zurückkommen auf Marx: Brauchen wir eine Revolution, um die echte globale Demokratie zu erreichen?

Michael Hardt: Sicher.

Aber Sie liefern keine Anleitung? Oder liegt sie in dem von Ihnen beschriebenen "Willen, dagegen zu sein" begründet?

Michael Hardt: In der menschlichen Geschichte geht es immer wieder um das Zurückweisen von Autorität und um die Sehnsucht nach Freiheit. Meine feste Überzeugung ist, dass sich das fortsetzt und unsere Welt verändert. Aber es passiert nicht von allein. Ich trete gemeinsam mit vielen anderen für einen rapiden Wechsel in der Welt ein. Und den kann man als Revolution bezeichnen.

Welche Rolle spielt der 11. September in Ihrem Szenario?

Michael Hardt: Die Terroranschläge haben in keiner Weise ein befreiendes Potenzial oder den Wunsch nach Wandel gezeigt. Aber auch die jetzt aktiven Gegenkräfte führen uns nicht weiter. Beide sind zwar nicht moralisch vergleichbar, aber beide scheinen sich gegen größere Freiheiten in der Welt zu stemmen. Es ist am besten, gegen beide Kräfte zu sein, auch wenn der Druck gerade in den USA nur in eine Richtung zielt. Uns wird da wieder eine Situation vorgeführt, die angeblich alternativenlos ist. Das ist eine soziale und politische Erpressung, gegen die wir uns wehren müssen.

Aus diesem Grund sind Sie auch ein Gegner des Kriegs des US-Präsidenten gegen die "Achse des Bösen"?

Michael Hardt: Dazu muss ich ein wenig philosophisch ausholen. Das Konzept des "gerechten Krieges", das seit dem Golfkrieg wieder aufgetaucht ist und auch heute ständig bemüht wird, fanden die europäischen Denker fürs Mittelalter und die Kreuzzüge geeignet. Dass es heute wieder en vogue ist, überrascht nicht. Denn die gegenwärtigen Kriege schmiegen sich in vielerlei Hinsicht an die alten Religionskriege an. Und gleichzeitig wird mit dem Begriff "Gerechtigkeit" sein Zwilling, "das Böse", geboren. Ich halte das alles für einen analytischen und politischen Fehler. Es ist ein destruktives und mystifizierendes Konzept. Natürlich habe ich auch keine Sympathie für bin Ladin und al-Qaida. Aber sie als "böse" zu bezeichnen verhindert, sie richtig anzupacken. Diese Dämonisierung zwingt uns ein falsches Verständnis globaler Machtstrukturen auf.

Sehen Sie eine spezifische Rolle für Europa beim Aufbau einer demokratischeren Welt?

Michael Hardt: Europa sollte nicht mehr oder nicht weniger wichtig sein wie alle anderen Weltregionen. Demokratie kann generell nicht von oben bestimmt werden. Sie ist ein kollektives Projekt. Die Konstruktion von Demokratie muss in sich selbst demokratisch sein.

Sie sprechen in diesem Kontext auch gern von Anarchismus und dem Sturz der großen Regierungen.

Michael Hardt: In den Bewegungen, die aus den jüngsten amerikanischen Globalisierungsprotesten entstanden sind, spielt der Anarchismus gerade für die involvierten Jugendlichen eine große Rolle. Anarchismus ist für sie gleichbedeutend mit Freiheit. Das passt auch zum Kern der amerikanischen Punker-Ethik, die auf das "Do it yourself"-Prinzip hinausläuft. Das deckt sich zwar nicht genau mit dem, was ich unter Anarchismus verstehe. Aber ich glaube, dass ideologische und begriffliche Unterscheidungen in diesem Fall keine große Rolle spielen. Also bin ich gern bei diesem so genannten Anarchismus dabei, da es dabei darum geht, Dinge kollektiv zu entscheiden. In unserem Buch reden wir andererseits anarchistischen Beziehungen nicht das Wort, da sie das Ende der politischen Struktur bedeuten würden. Wir fordern stattdessen alternative Formen politischer Organisation.

Formen, die Sie als "die Menge" (multitude) bezeichnen?

Michael Hardt: Genau. Da geht es uns um ein soziales Subjekt, das sich immer in der Vielheit begreift und nicht auf eine Einheitsstruktur reduzieren lässt. Es bleibt immer eine Pluralität, aber eine, die auch gemeinsam handeln kann. Es geht also nicht um die Masse oder den Mob, nicht um das Fehlen von Organisation. Die besten Beispiele für die "Menge" sind die Globalisierungsproteste von Seattle bis Genua. In ihnen blieb die Verschiedenheit der einzelnen Gruppierungen immer bestehen. Aber sie konnten sich gemeinsam organisieren und sprachen mit einer Stimme.

Betrachten Sie die Protestbewegungen so auch als eine neue Verkörperung der Marxschen Internationale?

Michael Hardt: Es gibt in ihnen sicher einen Geist der Globalisierung oder einen Wunsch, globale Beziehungen aufzubauen. Auch die sich auf Marx beziehende proletarische Internationale enthielt Formen dieser Sehnsucht. Heute dürfte "Internationale" aber nicht mehr der richtige Begriff sein, da er impliziert, dass jede nationale Einheit getrennt bleibt von anderen. Heute erleben wir einen hybriden Mix, der über einen Flickenteppich nationaler Identitäten hinausgeht.

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