Entertainment aus elektronischem Abfall
Spamradio macht aus E-Mail-Müll ein Internetradioangebot
Die Spamradiostation ging letzten Montag online und war schon kurze Zeit später, ganz im Gegenteil zum verhassten Spam, ein Hit. "Wir sind gegen Spam, aber manchmal ist er witzig," finden Ian Morrison und Richard Airlie, die Macher von Spamradio und sind sich ihres schwarzen Humors bewusst. Für viele Empfänger ist Spam überhaupt nicht witzig, sondern ein unwillkommener Gast, dem man so wenig Aufmerksamkeit wie möglich schenkt, bevor man ihn mit dem Löschbutton schnell verabschiedet. Fast jeder fällt heute dieser Marketingstrategie zum Opfer.
"Marketing per Massenmail ist der Fluch des Internets. Jeden Tag macht Spam sich mit Selbstsicherheit in deiner Mailbox breit. Es gibt immer ein neues Angebot, einen neuen Weg, wie Du dein Leben verbessern kannst, das darfst du auf gar keinen Fall ignorieren." Wenn das so ist, dann hat Spam eine eigene Radiosendung verdient, meinen Morrison und Airlie. Mit Spamradio versuchen sie auf einen nette Art Kritik zu üben. Und machen sich einen Spass aus etwas, das sie eigentlich hassen.
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Spam, der Slangterm für unerwünschte elektronische Werbesendungen, hat seinen Ursprung bei der britischen Komödien-Truppe Monty Python. "It all started with an old Monty Python skit in which a group of Vikings sing a chorus of "SPAM, SPAM, SPAM..." at increasing volumes in an attempt to drown out other conversation." Der Lebensmittelhersteller Hormel Foods legt großen Wert auf diesen Ursprung, denn seine registrierte Marke SPAM soll nicht mit dieser Plage des Informationszeitalters in Verbindung gebracht werden.
1997 versuchte die Firma Einwand gegen Sanford Wallace's Website spamford.com zu erheben. Doch Wallace, selbsterklärter "King of Spam", und mit Promo Enterprise und Cyber Promotions damals einer der meistgehassten Spammer überhaupt, antwortete mit Spam. Mittlerweile hat sich die Firma Hormel beruhigt und besteht nur noch darauf, das ihr rosafarbenes Dosenfleisch als "SPAM Luncheon Meat" bezeichnet wird. Doch die Aktualität von Spam hat ganz und gar nicht nachgelassen. Die Federal Trade Commission erhält täglich ca. 4.500 Beschwerden bezüglich unerwünschter Emailsendungen. (vgl. Werde reich, glücklich und satt!!!)
Marketingstrategien, die mit E-Mailwerbung arbeiten, sind oft überaus träge. Die Ökonomie von Spam setzt auf Masse. Bei diesem Verfahren geht es nicht darum, genaue Datenbanken mit Verbraucherinformationen anzulegen, sondern Mailinglisten, die potentielle Interessenten beherbergen könnten, werden bedient. "Was wird uns denn da in den meisten Fällen verkauft?" fragt Ian Morrison. "Der Inhalt dieser Angebote hat doch oft überhaupt nichts damit zu tun, was man gebrauchen könnte, da versucht man Produkte für den PC an Mac-Benutzer zu vertreiben. Spam heißt, jedem alles zu schicken."
Und Spam kostet nicht nur Zeit, sondern der Empfänger ist auch an den Kosten für die unerwünschten Daten beteiligt. Für die Marketingagentur macht es so fast keinen Unterschied, ob sie 1.000 oder 100.000 Mails verschickt. Nach einer Studie der Europäischen Union von Februar 2001, betragen die Kosten für unerwünschte E-Mails 10 Milliarden Euros im Jahr.
Im Gegensatz zu den meist lausigen E-Mailangeboten voller sexistischer und rassistischer Konnotationen, arbeitet Spamradio mit sauberer Ironie. "Wir sind daran interessiert, dass die Qualität von Spamradio so gut wie möglich ist. Der Spam soll gut klingen. Wir ästhetisieren hier das, was eigentlich unter aller Sau ist. Spam hört sich nicht gut an, wenn man ihn liest. Wird er einem aber vorgetragen, erhält er eine besondere Qualität. Man darf natürlich nicht vergessen, dass dieser Genuss, wie bei einem Glas Vodka, mit Nachgeschmack ist, und der ist bitter. Auf einmal fragt man sich, wie man diesen Müll so amüsant finden kann."
Mit Hilfe von Filterprogrammen werden alle Junkmails der Macher von Spamradio direkt aus ihren Inboxen an das Radiosystem weitergeleitet. Der Emailmüll wird als einfache Textfiles abgerufen und von einem Text-to-Speech-Programm in Audiofiles umgewandelt, die dann als Mp3s gemixt mit Hintergrundmusik in einem live Audiostream 24 Stunden non-stop abrufbar sind.
Eine distanzierte Männerstimme trägt jede Mail voller Ernsthaftigkeit vor. Mit zunehmender Länge wird der Spam unverdaulicher und die Männerstimme langsamer; der Zuhörer spürt die Lächerlichkeit. Einen wirklich surrealen Touch erhält die Spaminszenierung aber erst durch die musikalische Untermahlung, die zu 90% von dem Label Monotonik stammt.
"Der Sound sorgt dafür, dass der Spam leichter zu verdauen ist. Die Songs werden nicht extra ausgewählt, sondern das geschieht nach dem Zufallsprinzip."
Spamradio ist kein interaktives, sondern ein autonomes System. Das heißt, man kann keinen Spam an Spamradio weiterleiten. "Versuche mal mit einem Spammer in Kontakt zu treten, das ist so gut wie unmöglich." Spamradio verhält sich hier ganz im Sinne des Spam, den es kritisiert. Außerdem haben Morrison und Airlie nie Spam bestellt, und haben auch nicht vor, das in Zukunft zu tun. Schließlich bekommen sie auch so genügend unerwünschte Post, um ihre Radiosendung am laufen zu halten.
"Spam sollte man ernst nehmen. Wir holen ihn aus der privaten Inbox und bringen das Problem an die Öffentlichkeit. Wir geben dem Spam eine Stimme, um Stimmen gegen ihn zu mobilisieren." Bisher gibt es keinen einheitlichen Beschluss gegen Spam. Die Macher von Spamradio sehen es aber als wünschenswert an, dass es in der Zukunft Gesetzte gegen Spam gibt, denn schließlich haben wir ein Recht auf Privatsphäre und Datenschutz.
http://www.heise.de/tp/artikel/12/12174/1.html- Spam bekämpfen mit Positivliste (29.3.2002 2:16)
- Nein (28.3.2002 19:15)
- Schwätzer !! (28.3.2002 16:45)
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