Literativität, oder wie?

Tom Appleton 31.03.2002

Über die Notwendigkeit für ein neues Wort im Deutschen

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Als Anfang der 80er Jahre Neil Postmans "Das Verschwinden der Kindheit" auf Deutsch erschien, musste sich der Übersetzer, Reinhard Kaiser, eingestehen, dass es für den zentralen Begriff des Buches kein deutsches Äquivalent gab. Es handelt sich dabei um das Wort Literacy. Damit wird im englischen Sprachraum die Fähigkeit gemeint, zu lesen. Lesen als eine schmerz- und mühelose Fähigkeit, die zugleich die Bereitschaft mit einschließt, dieses Lesen auch gerne und sogar lustvoll zu tun.

Postmans Übersetzer prägte für Literacy den Begriff "Literalität", der sich freilich nicht eingebürgert hat. Auch heute, fast zwei Jahrzehnte später, hat sich kein wirklich gutes deutsches Wort gefunden - obwohl "Das Verschwinden der Kindheit" ein Bestseller war und Postmans Ideen damals breit diskutiert wurden. Anscheinend wurde - während sonst fast jedes beliebige englische Wort ins Deutsche herüber genommen wird - ein Äquivalent für Literacy von niemandem schmerzlich vermisst. Vermutlich gehörte im "Land der Dichter und Denker" der Mangel an Lesern zum Alltag. Der riesige, aufgeblähte deutsche Buchmarkt diente also nur der Verschönerung von Wohnzimmern, so wie die schwedischen Bücher auf den Modell-Regalen bei IKEA!

Doch nein, ich übertreibe. Tatsächlich musste niemand das Wort "Literalität" erfinden. Es existierte bereits und existiert immer noch. Im Internet finden sich Dutzende Webseiten dazu. Dennoch möchte ich bezweifeln, dass allzu viele meiner Leser und Leserinnen (alles doch eher gebildete Leute, nehme ich an) das Wort überhaupt kennen. Wie steht es also wirklich mit der Lesefähigkeit in Deutschland? Offenbar musste erst eine PISA-Studie daherkommen, ein von der OPEC bezahltes "Programme for International Student Assessment", um festzustellen, dass es schlecht bestellt stand um die Befähigung zu Lesen - bei den deutschen Kindern.

Damit hat sich zwar jetzt über Nacht ein Äquivalent für "Literacy" eingefunden. Eben die Lese-Kompetenz. Aber natürlich gab es bereits früher eine Fülle von Wörtern, die hier die Leerstelle umkreisten und scheinbar vollkommen zufrieden stellend ausfüllten. Die "Lesefähigkeit", "Lesefreudigkeit", und "Lesebereitschaft" etwa, ebenso "Belesenheit", "Bücherwurm", "Blaustrumpf", etc.. Alle diese Begriffe bezeichnen jedoch, bei genauerem Hinsehen, einen Ausnahmezustand: das übertriebene Nase-in-die-Bücher-Stecken der jugendlichen Hanni-&-Nanni-Konsumentin oder des erwachsenen Schreibers und Schriftgelehrten. Man denkt dabei an weißbärtige Druiden, an Bewohner des Elfenbeinturms, die das Buch als Mittel zur Magie benutzen, nicht anders als ihr jugendliches Pendant, Harry Potter.

Auch der Gegenbegriff beschreibt einen übertriebenen Zustand. Der Analphabet ist "ein des Lesens Unkundiger", der möglicherweise nur mit Mühe die Buchstaben seines eigenen Namens entziffert. Dass jemand noch nicht einmal das Alphabet "beherrscht", ist etwas uns so fern Liegendes, dass wir es nur in Ländern der Dritten Welt anzusiedeln vermögen. Analphabetismus beschreibt keine Realität, die wir kennen. Selbst die TV-Werbung, die auf die Leseschwäche einheimischer Erwachsener hinweist, spricht dieses Wort nicht aus.

So fehlen uns also wichtige Wörter, bzw. es entstammen diejenigen Wörter, die uns zur Beschreibung der Lesefähigkeit oder Lese-Unfähigkeit zur Verfügung stehen, einer feudalen, einer geradezu mittelalterlichen Zeit. Sie beschreiben Gegebenheiten, die unserer Wirklichkeit nicht allein um einige Jahrzehnte, sondern buchstäblich um Jahrhunderte hinterher hinken. Dass diese Wörter uns über den wahren Zustand des Lesens und der Lesefähigkeit in unserer Gesellschaft hinwegtäuschen, hat der besagte PISA-Report deutlich gemacht.

Funktionaler Analphabetismus

In unserer Gesellschaft grassiert der funktionale Analphabetismus. Lesen wird als mühsame Arbeit verstanden, gerade von Schülern, und der gelesene Text wird nicht verstanden. Um also diese Dinge, die in unserer Zeit geschehen, adäquat zu beschreiben, benötigen wir moderne Wörter.

Das englische Wort Literacy - und sein Gegenteil: Illiteracy - bezeichnen solche Erscheinungen unserer Welt. Gemeint ist mit Literacy die automatische Fähigkeit, die man in der westlichen Welt bereits im Kindesalter erwirbt, oder theoretisch erwerben sollte, eine ganze Buch- oder Zeitungsseite sofort und mühelos, und wesentlich schneller als mit Hilfe der gesprochenen Sprache, schon auf ein flüchtiges Hinblicken hin komplett zu erfassen. Ebenso gehört zu Literacy die aktive Fähigkeit, selber Text zu produzieren - ohne literarische Allüren, einfach als erlernte Beherrschung und Anwendung der geschriebenen Sprache und Rechtschreibung. Computer-Literacy meint, in der Fortsetzung dieses Begriffs, den natürlichen Umgang mit dem Computer. Numeracy meint die Fähigkeit, mit Zahlen umzugehen. Literacy ist also das Kennzeichen des normalen, mündigen Bürgers, das Merkmal des Menschen in einer modernen, demokratischen Industriegesellschaft.

Das Wort bezeichnet mithin etwas ganz Gewöhnliches - anders als im Deutschen, wo das Wort "Literat" die hypertroph ausgebildete literarische Ader des Bildungsbürgers, bzw. die proletarische Möchtegern-Geste des Büchergilde-Kunden, bezeichnet oder die besondere, randständige Sensibilität der Kaffeehaus-Boheme. Das Wort "Literat" assoziiert man im Deutschen ja eben nur höchst selten mit Karlsruhe oder Kaiserslautern, dafür aber umso mehr mit Namen wie Karl Kraus oder Anton Kuh. Mit dem Wiener Cafe.

Indessen ist es schade, dass heute dieser "Literat", der Einbürgerung von Literacy im Wege steht. Reinhard Kaiser hatte Literacy ja mit "Literalität" wiedergegeben - ein Wort, das es zweifellos gibt, das sich aber, wie ich meine, bei uns nicht breitflächig durchgesetzt hat. Ich meine auch, dass es sich im Dunstkreis von literal verliert, was soviel wie "buchstabengetreu", oder "faktisch richtig" bedeutet.

Ich suche nach einem ähnlichen aber anderen Wort. Das englische Adjektiv zu Literacy beispielsweise ist literate, was sich im Deutschen unschwer als "literat" wiedergeben ließe. Ich glaube nicht, dass man das klein geschriebene Wort mit dem groß geschriebenen verwechseln würde. Nicht nur die Literaten wären literat genug, hoffe ich, den Unterschied zu bemerken. Das Gegenteil dazu wäre dann "illiterat", wie im Englischen, was ich freilich auch schon auf Deutsch gehört habe - in einem auf Tonband aufgezeichneten Vortrag von Vilém Flusser. Er brachte das Fremdwort en passant völlig mühelos ins Deutsche ein, vor einem Live-Publikum, das damit keine Probleme zu haben schien.

Das Hauptwort dazu müsste dann wohl "Literatie" heißen, bzw. in der Verneinung, "Illiteratie", was wieder nicht so schön ist. Man könnte auch, von Literativität sprechen, wie ich es hier tue, (einfach weil es mir besser gefällt.) Jedenfalls gefällt es mir wesentlich besser als Literalität. Und ich denke nicht, dass eine Verwechslung mit der ähnlich silbenüberfrachteten und fast nicht mehr aussprechbaren "Literarizität" (eines Textes) droht. Es mag dahingestellt bleiben, ob es sich hierbei um besonders schöne Wörter handelt. Aber vielleicht schleift sich bei stärkerem Gebrauch ohnehin eine passende Form ganz von selber ein.

Literativität der Erwachsenen

Auf alle Fälle wäre es nützlich, wenigstens EIN Wort dieser Art im Deutschen zu besitzen, um die Vorstellung von "Literacy", von einer allgemeinen Lesefähigkeit und Lesebereitschaft, überhaupt mit einem Begriff belegen zu können - und um darüber sprechen zu können. Postmans Gedanke, der sich an dieses Wort "Literacy" anschloss, verdient übrigens ebenfalls eine Neuauflage, eine Neu-Durchdenkung. Die Kindheit, meinte Postman, sei eine Erfindung der Neuzeit, ein Resultat des Erwerbs von Literacy. Erst nachdem es den langen Lernprozess in der Schule und den Unterschied zwischen lese- und schreibfähigen Erwachsenen und den noch-auszubildenden Kindern gab, meinte er, konnte es auch eine eigenständige Kindheit, als schützenswerten Sonderraum, geben. Zuvor seien Kinder wie kleine Erwachsene behandelt und praktisch sofort in das Leben der Erwachsenen integriert worden. Das Fernsehen, meinte Postman weiter, gefährde nun die Literacy und damit die Kindheit.

Tatsächlich wissen wir, dass dies stimmt. Es ist so. Kindergartenkinder spielen mit ihren Barbie-Puppen die Sex-Videos ihrer Eltern nach, und sechsjährige Tina-Turners treten im Shopping Center oder im TV als Karaoke-Künstlerinnen auf, geschminkt und körperbetont gekleidet, mit dem Akzent auf "sexy". Die Kinderarbeit kommt uns via Mode- und Möbelgeschäft aus Thailand oder Bangladesh ins Haus. Der Punkt, wo Postmans Ansatz heute jedoch weiterzudenken wäre, ist dieser: erodiert nicht der täglich mehrstündige TV-Konsum gerade auch die Literacy der Erwachsenen? Und wird nicht allein ein Verschwinden der Kindheit erreicht - sondern auch ein Verschwinden des Erwachsenseins?

Wenn wir von der zu rettenden Lese-Kompetenz in deutschen Landen sprechen, sollten wir vor allem auch darüber nachdenken, wie die Literativität der Erwachsenen zu retten ist. Sonst haben wir in 20 Jahren überall nur noch computerisierte "mecanograficos", wie die bezahlten mexikanischen Briefeschreiber genannt werden, deren Dienste von Analphabeten in Anspruch genommen werden. Also so etwas wie Schreibgeräte, die auf das gesprochene Wort reagieren, bzw. die den geschriebenen Text in vollmundige Sprache übersetzen. Ein technologisiertes Mittelalter - ein ferngesteuerter Analphabetismus ohne politisch mündige Bürger -- und das in ganz Europa. Eine dystopische Perspektive die, wie mir scheint, bereits unangenehm nahe an unsere jetzige Realität heranreicht.

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12175/1.html
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