Die Welt ist fast alles, was Google ist

28.03.2002

Zur Macht der Suchmaschinen

Scientologen sind dafür bekannt, dass sie mit Kritik schlecht leben können. Methoden und Interna der sektiererischen Organisation, die alte Menschen fängt, um neue daraus zu machen, sollen nicht an das Licht der Öffentlichkeit dringen. Das provoziert zahlreiche Antiscientologen-Sites im Netz, die Dunkelmännerpolitik zu denunzieren. Scientology machte nun seinem zweifelhaften Ruf wiederum Ehre und bedrängte massiv Google, die Suchmaschine der Suchmaschinen, einen lautstarken Kritiker von der (Fest)Platte zu putzen.

Die immer wieder angefeindete Site Operation Clambake des Norwegers Andreas Heldal-Lund war den Sektierern seit Jahren ein Dorn im Auge, weil hier detailliert die dubiose Sektenpraxis beleuchtet wurde. Die Herren der Suchmaschine entsprachen zunächst den Herren der Sekte, weil Scientology Copyrightverletzungen monierte. Mit dem "Digital Millennium Copyright Act" (DMCA) lassen sich vorgebliche Urheberrechtsverletzungen schneidig verfolgen, wenn die legitimen Informationsinteressen der Öffentlichkeit den berechtigten Gebrauch ("fair use") überschreiten. Das ist juristisch vermintes Gelände und Google wollte sich mit der streitbaren Sekte nicht streiten. Auf der Suche nach der verlorenen Site protestierten User und Google - zwischen Scylla und Charybdis - entschied sich, zumindest die Homepage von Xenu.net wieder aufzunehmen.

Dieser Vorgang wirft zunächst ein Zwielicht auf den DMCA, der zweckwidrig als Knebel für unliebsame Kritiker eingesetzt werden kann. Es müsste längst ein unhintergehbarer Standard sein, dass für Zwecke der Aufklärung, der Wissenschaft und Kunst in umfassender Weise Quellen zitiert werden können. Kleinlichkeit ist hier fehl am Platz, wenn das Urheberrecht nicht zum Sargnagel der Informations- und Meinungsfreiheit vernetzter Gesellschaften werden soll.

Die globale Informationsherrschaft der Suchmaschinen

Noch bedeutsamer ist aber der Umstand, dass Suchmaschinen, allen voran Google, längst eine Wissensherrschaft begründen, der User in ihrem alltäglichen Gebrauch weitgehend unterworfen sind. Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte. Entscheidend ist nicht allein, welche Wissensspeicher eine Gesellschaft besitzt und in welchem Umfang über sie von Wissbegierigen verfügt werden kann, sondern letzthin bestimmt der typische Gebrauch von Millionen Nutzern über die herrschenden Meinungen.

Google ist ein Globalisierungssieger des Netzes und was in dieser Königssuchmaschine nicht verzeichnet ist, fristet sein Dasein eher an der Peripherie des vernetzten Wissens. Wer sucht heute noch verstaubte Zeitungsarchive oder Bibliotheken auf, um sich über den rasenden "Web"-Stuhl der Zeit zu informieren? Suchmaschinen und ihre Algorithmen üben immer stärker eine Informationsherrschaft aus, welche löblichen oder unlöblichen Absichten dabei von den Anbietern auch immer verfolgt werden. Längst stellt sich die Frage, ob Suchmaschinen wie Google, die de facto das Netzwissen universalisieren, nicht demokratisiert und von repräsentativen gesellschaftlichen Gruppen kontrolliert werden müssen.

Das ist zwar auch kein Schlag durch den gordischen Knoten, wie die jahrzehntelangen Diskussionen über den Binnenpluralismus des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland deutlich machen. Zumindest ist aber auch für das Netz zu verlangen, dass das Meinungsspektrum nicht in der Macht einiger weniger Anbieter austrocknet. Insbesondere ist der Prozess der Monopolisierung viel weniger spektakulär und damit unheimlicher als in Medien mit knappen Ressourcen, die argwöhnisch kontrolliert werden. Erwägenswert wäre es, aufgrund von Zugriffszahlen und anderen Parametern der Aufmerksamkeitsökonomie binnenpluralistische Standards für Suchmaschinen zu entwerfen. Solche Standards könnten neben der Beteiligung gesellschaftlich relevanter Gruppen wie Parteien, Gewerkschaften, Verbraucherschutzorganisationen etc. auch die Offenlegung von Suchalgorithmen umfassen.

Selbsthilfemaßnahmen wie das Google-Bombing sind nicht nur "hemdsärmelig", sondern tauschen auch nur die Vorgaben der Anbieter gegen subversive Strategien beliebiger Usergruppen aus. Google-Bombing funktioniert so, dass möglichst viele Seiten den Link mit entsprechendem Linktext tragen, der in der Rangliste nach oben geschossen werden soll. Obwohl also die gefundene Seite den Text selbst nicht enthalten muss, entscheiden, wenn sie Glück haben, schließlich Wohlmeinende oder Missgünstige für eine gewisse Zeit darüber, was diese Seite angeblich so zu bieten hat - und dass sie überhaupt unter bestimmten Suchbegriffen gefunden wird.

Ein Monopol für die Suche müsste wettbewerbsrechtlich verhindert werden

Mit sinnvoll strukturiertem Wissen, mit Relevanzen der Seite für die jeweilige Suchanfrage haben solche Manipulationen nichts mehr zu tun. Bei den bekannt aggressiven Aufmerksamkeitsstrategien von Sex-Sites und anderen kommerziellen Anbietern dürften solche Piratenmethoden auch wieder nur im anarchischen Linkbrei enden. Suchmaschinen sind gegen Korruptionsstrategien zu schützen, aber auch außenpluralistische Absicherungen, also die Gewährleistung von konkurrierenden Anbietern, sollten staatlich gefördert werden. Das Suchmaschinensterben ist eine pluralistische Sollbruchstelle, denn was nutzt die ganze Vernetzung, wenn nur über ausgedehntes Surfen zeitaufwändig relevantes Material ermittelt werden kann.

Letztlich sollte in der gesetzlichen Regelungspraxis gegenüber Suchmaschinen nicht anders verfahren werden als bei den gesetzlichen Regelungen des Wettbewerbs- und Kartellrechts. Der Einkauf von Spitzenplätzen in den chaotischen Wissenspyramiden der "search engines" sollte ausschließlich verboten werden, weil das dauerhaft die Voraussetzungen einer transparenten Wissensgesellschaft demontiert.

"Ich suche nicht, ich finde", befand Pablo Picasso zwar lange vor Erfindung der Suchmaschinen. Allein das aber sollte auch die Maxime der fröhlichen Wissenschaft in den Zeiten des Netzes sein.

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