Realweltliche Probleme eines Cyborg

Florian Rötzer 01.04.2002

Steve Mann, Pionier für wearable computing, fühlt sich von Air Canada als Cyborg diskriminiert

Steve Mann ist der Pionier in Sachen wearable computing. Schon seit Jahren ist jetzige Professor an der Universität Toronto, der am renommierten MIT promovierte, permanent mit einem Computer, der mit dem Internet vernetzt ist, und einer Datenbrille oder früher einer Kamera unterwegs, um das total vernetzte Leben technisch und in allen anderen Hinsichten zu testen. Doch seit dem 11.9. haben sich die Zeiten auch für technische Pioniere verändert. Mann durfte wegen seines Outfits erst einmal in Toronto nicht ins Flugzeug.

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Steve Mann 1980

Steve Mann, der einen schon einmal übers Netz verfolgen ließ, was er so alles einkauft oder einfach visuell erlebt, der aber, was sein Intimleben betrifft, im Unterschied zu anderen stets zurückhaltend war und auch kritisch die Überwachungsmöglichkeiten des wearable und ubiquitous computing kommentierte, ist natürlich klar, dass er mit seiner Ausstattung nicht einfach durch die Sicherheitsmaßnahmen auf Flugplatz durchgelassen wird. Auch am 16. Februar diesen Jahres hatte er die Air Canada schriftlich vorgewarnt, dass er in Neufundland mitsamt seiner Ausrüstung an Bord gehen will. Dazu gehörte eine Datenbrille, mit der er stets auch Einblick auf Internetseiten haben konnte, und einem mit Elektroden ausgestatteten System zur Kontrolle seines Herzens.

Dummerweise aber ging die Ankündigung bei der Fluglinie verloren. Der Professor, der zwei Tage zuvor ohne Probleme von Toronto nach Neufundland geflogen war, zeigte seine Dokumente, die belegen sollten, dass er technisch und medizinisch ein international bekanntes Experiment durchführt, bei dem er ununterbrochen vernetzt ist. Er bat wie immer darum, das sein Computer nicht geröntgt werden soll, weil er empfindlicher als andere Notebooks sei. Doch am 16. 2. hatte stieß er auf Unwillen. Er musste nicht nur seinen Computer an- und ausschalten und ihn durchleuchten lassen, sondern er wurde auch einer für ihn demütigenden und schmerzhaften Leibesvisitation unterzogen, weswegen er sein Flugzeug verpasste und drei Tage warten musste.

Das war freilich nicht Schlimmste, denn bei der Leibesvisitation entfernten die Sicherheitsangestellten nicht nur den Sensor zur Kontrolle seiner Herzfrequenz von seiner Haut, was durch das Herausreißen der Elektroden Blutungen und Schmerzen verursachte, auch seine Datenbrille wurde entfernt und offensichtlich trotz seiner Warnung zu kalt gelagert, so dass sie kaputt gegangen ist. Mann, der sich auch als Cyborg bezeichnet, klagt nun gegen die Fluggesellschaft. Weil ein Cyborg heute noch eine teure Sache ist, hatte er Technik im Wert von einer halben Million Dollar dabei. Allein die Brille sei 50.000 Dollar teuer. Aber dazu kommt noch Schlimmeres, denn was ist ein Cyborg ohne seine Technik?

Steve Mann heute

Mann verlangt also nicht nur Schadensersatz für die beschädigte Technik, sondern auch für die erlittenen Schmerzen und vor allem für die Diskriminierung als Cyborg. Er hat sich einen Rechtsanwalt genommen und klagt auf eine Million Dollar Schadensersatz. Schließlich sei er nach der Entfernung seiner Ausrüstung völlig desorientiert gewesen. Ohne Verbindung mit dem Internet, ohne Unterstützung seines Gedächtnisses und ohne Kontrolle seiner Lebensfunktionen, habe er sich nicht mehr richtig orientieren können und sich schwindlig gefühlt. Jetzt könne er sich nicht mehr konzentrieren und verhalte sich anders. Schadensersatz verlangt er unter anderem dafür, dass sein Gehirn - das eines Cyborg! - so plötzlich von seinen technischen Hilfen getrennt worden ist.

Zudem fühlt sich Mann - als Cyborg - benachteiligt und fordert, dass er genau so wie alle anderen Menschen mit einer besonderen Ausrüstung wie etwa einem Rollstuhl behandelt werden müsse. "Mein Klient", so Rechtsanwalt Gary Neinstein, der mit dieser Klage Neuland betritt, "ist ein Cyborg, kein Terrorist." Und Mann sagte: "Wir müssen sicher stellen, dass wir nicht einen Polizeistaat erhalten, in dem das Reisen für bestimmte Menschen unmöglich wird."

http://www.heise.de/tp/artikel/12/12210/1.html
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