Wahrheit bedeutet Krieg - Die neue Inquisition

03.04.2002

The WTC Conspiracy XL

Ich habe in letzter Zeit einige Einladungen wahrgenommen, über die Ereignisse um den 11. September vorzutragen oder zu diskutieren. Dabei vergesse ich nie den Hinweis, dass es sich bei der offiziellen Version der Ereignisse meines Erachtens um eine lupenreine Verschwörungstheorie handelt, während es mir mit meinen Anmerkungen gerade nicht darum geht, eine solche aufzustellen, sondern eher um die Einladung zu einer Anti-Verschwörungs-Verschwörung. Dennoch erreicht mich nach den Veranstaltungen dann per Email oder von Zuhörern, die mich direkt beiseite nehmen, immer wieder dieselbe Frage: "Was glauben Sie denn jetzt wirklich?"

Je nach Perspektive der Fragenden wird dann manchmal noch konkretisiert: "... es war doch die CIA (bzw. der Mossad, die Skull & Bones-Brüder, die Öl-Mafia ), oder ?" Worauf ich normalerweise mit dem Hinweis ausweiche, dass es doch naiv wäre, eine amtliche Verschwörungstheorie einfach mit einer alternativen zu ersetzen. Auch wenn die Unübersichtlichkeit, die Unsicherheit, die Unschärfe schwer zu ertragen sind, es gilt, sie auszuhalten. Nichts ist wohltuender für den von Komplexität geplagten Geist als eine rundherum stimmige Theorie - eben daher erklärt sich der grandiose PR-Erfolg der Bin Ladin-Al Qaida-Weltverschwörungstheorie und der auf ihr basierenden Erklärung des "war on terror".

Der psychologische Schock des WTC-Anschlags, die anfangs auf bis zu 50.000 geschätzte Zahl der möglichen Opfer, das unfassbare, in slow motion permanent wiederholte babylonisch-apokalyptische Ereignis, die völlig aus den Fugen geratene Welt - "Nichts ist mehr, wie es war" -, die durch dieses Chaos ausgelöste allgemeine, hochgradige Verwirrung schrie nach einer Erklärung, einer Lageeinschätzung, einem Plan. Und eben dies lieferte George W. Bush auf perfekte, weil absolut einfache Weise: Er präsentierte einen Täter und erklärte ihm den Krieg.

Der ekstatische, an Reichsparteitage mahnende Jubel, der dem Präsidenten nach seiner Kongressrede zuteil wurde, kam nicht von ungefähr - in diesem Moment, in dem er die verängstigten, handlungsunfähigen Seelen der Masse wieder aufrichtete, kamen ihm tatsächlich Qualitäten eines Führers und Erlösers zu. Dass er nur eine simple Verschwörungstheorie verkündete und auf ihr eine Kriegserklärung aufbaute, tat der erlösenden Wirkung keinen Abbruch - auch Hitler hatte bekanntlich nichts anderes zu bieten. Es leuchtete in den Augen der jubelnden, fähnchenschwingenden Masse, die innere Verwirrung und Verunsicherung war beendet, es gab eine Lösung, einen Feind, ein Ziel.

Dass Beweise für die Täterschaft Bin Ladins kaum vorhanden waren; dass er selbst, in einem von niemandem bezweifelten, authentischen Video jede Beteiligung an den Anschlägen abstritt; dass die in den Tagen und Wochen darauf präsentierten Spuren keine gerichtstauglichen Beweis für die Täterschaft Bin Ladins oder seine Verbindung mit den angeblichen Hijackern lieferte - diese fehlende Evidenz tat dem Erfolg der offiziellen Verschwörungstheorie keinen Abbruch. Durch permanente Wiederholung auf allen Kanälen wurde die Botschaft in die Köpfe gehämmert - und Fragen und Zweifel konsequent ausgeblendet. Skepsis zu äußern, bedeutete Exkommunikation und der Bannfluch lautete "Verschwörungstheorie". Präsident Bush sprach ihn vor der UN-Hauptversammlung am 10.November 2001:

"Wir müssen die Wahrheit über den Terror aussprechen. Lasst uns niemals frevelhafte Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September tolerieren, boshafte Lügen, die bezwecken, die Schuld von den Terroristen selbst abzulenken, weg von den Schuldigen."

Somit war jede alternative Sicht auf die Ereignisse als "outrageous" - "frevelhaft, abscheulich, verbrecherisch" - disqualifiziert, und zwar ex cathedra und ganz im Stil der mittelalterlichen Dämonologie, deren Experten - die "Heilige Inquisition" - ja ebenfalls die Wahrheit als ihren Privatbesitz reklamierte und somit auch die alleinige Definitionsmacht über Dämonen, Teufel und das zu bekämpfende Böse. Dass der Präsident seinen Krieg "Kreuzzug" nannte und dessen Ziel eine "Achse des Bösen" - Begriffe, die ihm seine PR-Berater des Rechtsaußen-Think-Tanks "Manhattan Institute" empfohlen hatten - passt in das archaische Bild.

Im Zusammenhang mit der Beobachtung der Affenforscherin Jane Godall, dass Schimpansen bei Gewittern auf Hügel rennen, und mit Knüppeln gen Himmel drohen - in Richtung des vermeintlichen Verursachers und Sündenbocks - hatte ich mich gefragt, ob uns als domestizierten Primaten genetisch vielleicht so etwas wie ein Sündenbockreflex eingebaut ist, der im Falle von Katastrophen und Chaos einerseits eine emotionale Abfuhr der Angst ermöglicht und andererseits den Zusammenhalt des Rudels durch Fokussierung auf einen gemeinsamen "Feind" gewährleistet. Nur mit einem solchen eher instinktiven Reflex, einer mehr auf archaischem Herdentrieb als auf individueller Vernunft basierenden Reaktion scheint mir der Erfolg von Bushs Kriegspolitik erklärbar.

Diesem eher instinktiven Herdentrieb, der im Ausnahmezustand (ganz im Carl Schmittschen Sinne) nach einer klaren Freund/Feind-Unterscheidung verlangt - und nicht einer rationalen, kritisch-distanzierten Beurteilung der Faktenlage -, ist auch die frappierende Gleichschaltung der Medien nach den Anschlägen zu verdanken. Man braucht bei dem verrufenen Stichwort "Gleichschaltung" nicht gleich an einen riesigen Orwellschen oder Goebbelsschen "Wahrheits"- und Propaganda-Apparat denken. Obwohl auch derlei Zensur und Desinformation seit dem 11. September fraglos stattfinden, erklären sie nicht die nun schon über ein halbes Jahr währende Hingabe der Medien an die offizielle Version der Ereignisse. Das beschwörende, von keinem differenzierenden Gedanken getrübte Wiederholen der Verschwörungstheorie "Bin Ladin" war nicht Legionen von Zensurbeamten geschuldet, die hinter jedem Schreibtisch die Nachrichten filtern, sondern der Tatsache, dass wir auch als hoch technisierte und vernetze Gesellschaft die rudimentären Reaktionsweisen von Primaten nicht abgelegt haben. Und dies gilt nicht nur für die "dumpfe Masse", sondern auch für kleine, gut informierte Gruppen wie Journalisten, Reporter, Kommentatoren.

Der Mythos, dass die "freie Presse" in demokratischen Staaten als vierte Gewalt, als Korrektiv politischer Ausnahmesituationen, fungiert, er wurde wohl nie gnadenloser demontiert als in der Berichterstattung nach dem 11. September. "Unabhängigkeit", "Überparteilichkeit", "Fairness", "Objektivität" - diese Insignien, mit denen sich die Medien gern pathetisch schmücken, als das World Trade Center in Trümmer fiel, wurden auch sie begraben. Es wäre freilich naiv gewesen, etwas anderes zu erwarten - für die Medienwissenschaft ist es schon länger kein Geheimnis mehr, dass schon bei sehr viel unbedeutenderen Skandalen die Standesprinzipien der Presse über Bord gehen.

Wie der Publizistikprofessor Mathias Kepplinger am Beispiel einiger Skandale aus der jüngeren Zeit - BSE, Neonazi-Übergriffe, CDU-Spendenskandal - gezeigt hat, (Mathias Kepplinger: Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit. Olzog-Verlag, München 2001) neigen die Medien bei unklarer Faktenlage tendenziell zur Übertreibung und Dramatisierung der Ereignisse. Kepplinger führt dies zurück auf die "Art und Weise, wie wir in Situationen mit großer Unsicherheit kommunizieren". Die dabei ablaufenden Prozesse der Wahrheitsfindung seien weniger rational als gruppendynamisch begründet :

"Beschreiben mehrere Personen in einer Gruppe nacheinander ihre Beobachtungen, gleichen sich ihre Urteile schnell an, weil eine Gruppennorm, eine in der Gruppe allgemein akzeptierte Sichtweise entsteht."

Je dramatischer das Ereignis und je unübersichtlicher die Lage, desto größer der Zwang, zu einer solchen Norm zu kommen. Hätte es also Usama und seine 40 Räuber nicht gegeben, man hätte einen Feind wie ihn in diesem Moment erfinden müssen, schon aus gruppendynamischen Gründen .

Wie hätte nun eine weniger primatenhafte, intelligentere Reaktion ausgesehen? Der entscheidende Faktor, der das ganze Geschehen treibt, ist der Schrecken und die von ihm ausgelöste Angst. Welche Operatoren auch immer hinter den Anschlägen stecken, ihre Rechnung setzt ganz auf die Angst, die der von ihnen ausgelöste Schrecken verbreitet. Doch schon dieser Gedanke, dass die Täter ja mit einer Angst- und Panik-Reaktion rechnen, stellt eine höhere Intelligenzleistung dar, eine erweiterte Wahr-nehmung. Für wahr wird nicht mehr nur der Schrecken genommen, sondern auch ein dahintersteckender Verursacher, dessen Absichten ins Kalkül gezogen werden. Diese Wahrnehmung, der konspirologische, skeptisch-paranoische Blick, eröffnet den Reaktionen auf den Schrecken über die Panik hinaus zusätzliche Möglichkeiten. Dass man George W. Bush in den Tagen nach den Anschlägen allgemein "Besonnenheit" attestierte, nur weil er nicht gleich wahllos mit Atombomben um sich warf, erklärt sich allein aus der Herdenpanik, die im Katastrophenfall nach (notfalls blindem) Aktionismus schreit.

Die neue Inquisition, die sich im Besitz der "Wahrheit über den Terror" befindet und zum Kampf gegen "frevelhafte Verschwörungstheorien" aufruft, wurde nicht von ungefähr Mitte November verkündet - in den Tagen zuvor hatten französische Medien gemeldet, dass das letzte Treffen von Bin Ladin und der CIA in Juli 2001 im "American Hospital" in Dubai stattgefunden hätte (siehe Usama meets CIA) - und die Mär von der lange beendeten Zusammenarbeit mit islamistischen Terroristen aufzufliegen drohte. Einem Bericht des CBS-Korrespondeten Barry Petersen zufolge dürfte den US-Geheimdiensten auch bekannt gewesen sein, wo sich Bin Ladin um den 11.9. herum befand: am Abend zuvor wurde er in das Militärkrankenhaus in Rawalpindi zu einer Dialyse-Behandlung eingeliefert. Der Mastermind des avanciertesten Terroranschlags der Geschichte hängt also während des finalen Countdowns am Tropf des pakistanischen Militärs und wird vor einem Nierenversagen gerettet - wenn hoffentlich bald die Terrorklamotte "Die nackte Kanone 23,5" gedreht wird, dürfte das eine schöne Szene abgeben.

"Ja aber was glauben Sie denn jetzt wirklich?"

Wer in den Seminaren des "Kybernethik"-Professors Heinz von Foerster so fragte, musste einen Dollar in die Klassenkasse zahlen, wurde der Begriff "Wahrheit" benutzt waren sogar zwei Dollar fällig.

Der Begriff Wahrheit", so von Foerster, "bedeutet Krieg.(..) Er erzeugt die Lüge, er trennt die Menschen in jene, die recht haben, und jene die - im Unrecht sind. Wahrheit ist, so habe ich einmal gesagt, die Erfindung eines Lügners.

Heinz v. Foerster, Bernhard Poerksen: "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners", Carl Auer Verlag 1998

Ich plädiere auch im Zusammenhang mit dem 11. September dafür, jede Beobachtung untrennbar mit dem Beobachter zu verknüpfen. Mir selbst geht es bei der Beschäftigung mit diesen Fragen manchmal so wie dem vom Teilchen/Welle-Paradox geplagten Quantenphysiker: Je genauer man die eine Seite des Systems fixiert, desto stärker gerät die andere aus dem Blickfeld. Aber ist es, im Ausnahmezustand, nicht vorbei mit Schrödingers Katze und Einsteins Maus? Musste da nicht die Kiste geöffnet und Eindeutigkeit herbeigezwungen werden, um zur Tat schreiten zu können? Wenn dem so ist, wenn die verängstigte Herde nach Aktion, die Primaten-Meute nach Rache schreit und ein klares Freund/Feinbild geschaffen werden muss - und die Stunde jener grauenhaften Wahrheiten schlägt, die Krieg bedeuten -, kann die Gegenstrategie nur lauten, dem "Frevel", den "boshaften Lügen", der Ablenkung von den "wahren Schuldigen" weiter Auftrieb und Öffentlichkeit zu verschaffen.

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